Konzert in Hamburg

Wo waren Sie die letzten 24 Jahre, Herr Pogorelich?

Keine Sorge, der will nur spielen: der Pianist Ivo Pogorelich.

Keine Sorge, der will nur spielen: der Pianist Ivo Pogorelich.

Foto: Bernard Martinez

Als junger Pianist war er so erfolgreich wie umstritten. Es gibt es nach langer Zeit eine CD – und ein Konzert in der Elbphilharmonie.

Berlin.  Der Auftritt eines gewissen Ivo Pogorelich sorgte beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 1980 für einen saftigen Skandal. Lang Lang wurde zwei Jahre später geboren, Daniil Trifonov kam erst 1991 zur Welt. Das Jury-Mitglied Martha Argerich hielt Pogorelich anno 1980 für ein Genie, andere aber für das Gegenteil und verweigerten ihm den Einzug in die Finalrunde. Eine Welt-Karriere nahm einen Kavalierstart. Pogorelich verkaufte bergeweise CDs, er wurde gestylt wie ein Popstar, das Ego passte durch keine Bühnentür. Sein Können als Pianist war sensationell, damals.

Nach einer Probe für das 1. Tschaikowsky-Konzert 1984 in Wien, bei der sich die beiden in die Wolle bekommen hatten, bezeichnete er Herbert von Karajan als „künstlerische Ruine“. Stoff für Legenden. Nach privaten Schicksalsschlägen verpuppte sich der Beau und wurde zur Einsiedler-Gestalt. Seine Auftritte waren oft umstritten, weil er Stücke ganz anders spielte als die meisten anderen. Die letzte CD-Veröffentlichung erschien vor 24 Jahren. Jetzt gibt es ein neues Pogorelich-Album, wenn auch mit einigen nicht ganz neuen Aufnahmen, dazu ein Konzert in der Elbphilharmonie. Und beim Treffen schimmerte der alte, junge Pogorelich im heutigen, gereiften Pogorelich durch. Aber nur noch sanft, ganz sanft.

Hamburger Abendblatt: Sie haben sich sehr rar gemacht in den vergangenen Jahren. Wo waren Sie, was haben Sie getan?

Ivo Pogorelich: Wo ich war? Ich war auf dem Planeten (lacht). Und was ich getan habe? Meine Arbeit. Üben und Spielen.

Hat es Ihnen gefehlt, mit Aufnahmen in der öffentlichen Wahrnehmung präsent zu sein?

Pogorelich: Überhaupt nicht. Um meine Einstellung zu Aufnahmen zu erklären, passt ein Beispiel aus dem Sport. Eine Aufnahme ist das Dokument dessen, was man erarbeitet hat, ich bin wie diese Athleten: Sie wollen immer gewinnen, und wenn Olympische Spiele anstehen, wollen sie nicht nur eine Medaille holen, sondern am besten auch noch den Weltrekord brechen. Wenn ich eine Aufnahme mache, möchte ich verbessern, was ich tue. Es entsteht eine Ansammlung aller Elemente, die man für ein Konzert benötigt, alle Energie – aber dazu auch ein entscheidendes kleines bisschen mehr. Jede meiner Einspielungen, seit 1981 bis 1995, ist noch lebendig und ein Teil des Katalogs der Plattenfirma, die sie verkauft.

Nun haben Sie die Beethoven-Sonaten Nr. 22 und Nr. 24 und dazu die zweite Rachmaninow-Sonate veröffentlicht.

Pogorelich: Diese Aufnahme enthält Werke aus unterschiedlichen Epochen, es ist mir aber auch wichtig, dass es Verbindungen zwischen ihnen gibt. Wer sie hört, soll die Hintergründe kennen. Dazu gehört auch der revolutionäre Moment in Beethovens Leben, als er 1803 ein Érard-Klavier aus Paris erhielt. In dieser Zeit begann er mit der Arbeit an der Sonate Nr. 22, die sein weiteres Schaffen als Klavierkomponist prägte. Denn dieser neue Flügel hatte eine Oktave mehr, eine neue Pedalmechanik, mehr Klangvolumen. Das war der Ferrari seiner Zeit. Ich hatte diese Sonaten lange nicht zur Kenntnis genommen, aber sie reizten mich sehr.

Diese Beethoven-Aufnahmen sind die, die Sie 2016 exklusiv für den Klassik-Streamingdienst IDAGIO …

Pogorelich: … nicht für IDAGIO, sie durften sie veröffentlichen. Die gehören mir.

Wenn der heute 60 Jahre alte Ivo Pogorelich dem glamourösen, umstrittenen Ivo Pogorelich mit Mitte 20 begegnen könnte, was würden Sie über den jungen Ivo denken, der „Tastendandy“ und „Narziss als Goldfinger“ genannt wurde? Viele hat damals schockiert, wie exzentrisch Sie sich benahmen.

Pogorelich: Ich habe mich nicht auf eine besondere Art und Weise benommen. Die Propaganda, die mit mir verbunden wurde, das permanente Skandalisieren, das wurde vor allem von jenen Menschen betrieben, die Konzertkarten oder Platten verkaufen wollten. Und wenn Sie auf den Chopin-Wettbewerb anspielen – Martha Argerich nahm damals auch für die Deutsche Grammophon auf, vielleicht war es also eine sehr günstige Möglichkeit, zwei Künstler gleichzeitig zu bewerben.

Sind Sie mittlerweile ein besserer Pianist – oder ein anderer?

Pogorelich: Das müssen Sie beurteilen. Ich präsentiere die Ergebnisse meiner Arbeit. Aber die Frage ist doch: Was wollte ich perfektionieren? Warum änderte ich mehrmals im Leben meine Einstellung? Für viele ist es sehr schwierig, Klang zu verstehen, der ist für sie entweder dolce oder stark, weniger stark … Heutzutage, durch moderne Aufnahmetechnik, ist es sehr viel einfacher zu erklären, wonach ich im Klavierklang suchte – mit der Hilfe von Gigabytes. Ich wollte mehr davon, mehr Informationen. Dafür musste ich näher ans Instrument, den Klang weiter differenzieren, Details verbinden …

Ich schätze, Ihnen ist bekannt, dass Ihre Interpretationen oft für extrem unkonventionell gehalten werden. Sie verändern die Tempi, ändern viele Angaben in den Noten.

Pogorelich: Ganz und gar nicht. Ich lese sie nur anders. Ich stehe in einer direkten Pianisten-Linie, Nummer sieben von Beethoven aus gesehen, Nummer fünf von Liszt. Es gibt Traditionen, auf denen basiert, was ich spiele. Eine ist: Texte auf eine andere Weise zu lesen, sie anders auf dem Klavier anzuwenden. Es gibt so viel zwischen Piano und Forte auf dem Pianoforte, aber man muss es eben auch entdecken, Tag für Tag.

Also ist es unmöglich, Fehler zu machen, aber wichtig, Meinungen zu entwickeln?

Pogorelich: Es gibt ein Problem mit dem deutschen Wort „Fehler“, weil es einen anderen Charakter hat als das englische „mis­take“. Im Englischen gibt es das Konzept von „failure“, von Versagen – man versucht etwas und scheitert. „Mistake“ kann auch zufällig passieren, ein „mis­take“ beim Lesen der Noten hat normalerweise mit unzureichendem Lesen zu tun.

Einerseits gibt es nun diese CD-Veröffentlichung, doch auf Ihrer Tournee spielen Sie ein fast komplett anderes Programm.

Pogorelich: Warum sollte es das gleiche sein?

Keine Ahnung. Weil die Plattenfirma es so möchte?

Pogorelich: Die hat ihre Vermarktungsagenda, da geht es sehr viel um Wirtschaft … Aber was ich mache, ist Kunst. Hohe Kunst.

Als Sie 25 waren, haben Sie da gedacht …?

Pogorelich: Hören Sie, ich habe an sehr wenig gedacht. Vor allem nicht, dass ich mit meiner gründlichen Ausbildung und meinen hohen Standards in eine Welt geraten würde voller kommerzieller Werbung, Gemeinheiten, Angriffen … Als es aber dazu kam, musste ich lernen, mich davon zu distanzieren, mir treu zu bleiben.

Ihre letzte CD erschien 1995. 24 Jahre, das ist eine ganze Karrieredauer. Ist das neue Album Comeback oder das nächste Kapitel?

Pogorelich: Was bedeutet das? Comeback woher? Man kommt entweder zurück aus dem Exil oder aus dem Gefängnis. Wo war ich, dass ich ein Comeback machen würde? Ich war, wo ich immer war, arbeiten und auftreten.

… In Lugano ...

Pogorelich: … Da erhole ich mich und schlafe …

Sehen Sie sich als glücklichen Künstler?

Pogorelich: Ich betrachte mich nicht als irgendetwas, weil ich mich so nicht ansehe. Was ich allerdings sehe, das ist: meine Arbeit. Man macht seine Arbeit, so gut wie möglich, und mit etwas Glück erzielt man gute Ergebnisse. Dieses Konzept in unserer Kultur ist so einfach! Aber auf mich oder andere in ähnlichen Positionen wird es nicht angewendet. Da wird immer gefragt: Was machen Sie, wenn Sie keine Konzerte geben? Die Beschreibung dessen, was ich tue, ist SO! LANGWEILIG! Es wiederholt sich. Es dreht sich um Klavier, ich unternehme wenig anderes. Das Leben ist fast mönchisch, weil ich wieder zu Kräften kommen muss, dann kommt schon wieder der nächste Flug, das nächste Konzert. Attraktiv ist das nicht.

Das ist eine Konzentration auf das Erschaffen von … Kunst.

Pogorelich: Ja. Aber im Konzert sieht man immer nur einen sehr kleinen Teil. Darunter können sich sehr viele Zweifel verbergen, große Dilemmas, der ständige Wunsch nach Perfektion. Man sieht aber immer nur die Präsentation.

Gibt es Stücke, mit denen Sie durch sind, die Sie nicht mehr reizen?

Pogorelich: So etwas gibt es nicht. Es gibt immer Hoffnung auf Verbesserung.

Schon 2006 hatten Sie angekündigt, ganz bald eine Kombination aus Beethoven und Rachmaninov aufzunehmen. Das hat aber doch noch zehn bis zwölf Jahre gebraucht …

Pogorelich: Ein Freund hat mir gesagt: Wenn Du diese Einspielungen nicht erst nach Deiner Wiedergeburt machen willst, fang endlich an! Krieg endlich Deinen Sie-wissen­schon hoch!

Ist es nicht viel schöner, Musik in einem Studio zu spielen, als vor einem Publikum?

Pogorelich: Das sind voneinander getrennte Wirklichkeiten, unterschiedliche Disziplinen. Der Wert einer Aufnahme: Es ist das Dokument einer Auseinandersetzung, aller Aspekte, die man bei den vielen Aufführungen eines Stücks erlebt hat. Und natürlich will man beim Aufnehmen immer den Punkt erreichen, der höchste Erwartungen erfüllt. Das Konzert-Prinzip ist völlig anders. Da ist der Moment wertvoll – Inspiration, Temperament, Charakter, Stimmung, Akustik ... Diese Dinge ändern sich. Und sie bereichern einen.

Wenn wir das sehr deutsche Wort „Fehler“ vermeiden wollen, dann ist Ihr Ehrgeiz, auf möglichst hohem Niveau zu scheitern?

Pogorelich: Nein. Es ist so: Interpretationen müssen überzeugend sein. Und um das zu sein, müssen sie auf empirischem Wissen aufbauen. Das lernen wir von unseren Lehren. Aber sie müssen auch Teile von uns selbst enthalten. Im Leben machen wir Fortschritte, wir entwickeln uns, jedes Alter gibt und nimmt etwas. Ich war immer nur daran interessiert, gut Klavier zu spielen, mit 7, 17, 27, 47, 57, jetzt und hoffentlich auch mit 67 und 77. Wenn das also eine Konstante ist, dann ist die Vision sehr klar: Man nimmt, was man hat, man leiht davon, was man sich vorstellen kann. Das versucht man dann mit harter Arbeit zusammenzubringen, um etwas entstehen zu lassen, das für Menschen überzeugend sein kann.

Und dann sind Sie glücklich.

Pogorelich: Ich weiß nicht, ob das der Teil ist, der mit Glück zu tun hat. Das ist mein Job! Konzerte geben und Stücke aufzunehmen ist mein Job. Es gab einen Punkt in der Geschichte, als Glück bedeutete, einen vollen Magen zu haben … Uns wird so viel „Stoff“ im Leben gegeben, jeder ist anders, mancher bekommt eine Begabung: Sport, Schauspielen, Mathe, Physik … Die Idee des Ganzen ist, das weiterzuentwickeln und zu erkennen, dass es ein höheres Niveau gibt. Durch harte Arbeit kann man das erreichen.

Hören Sie sich bei der Arbeit an einem Stück die Aufnahmen anderer an?

Pogorelich: Ich höre mir schon meine eigenen Aufnahmen nicht an. Aufnahmen anzuhören – oder auch Konzerte – kontaminiert mich.

Wie lang halten Sie es ohne leibhaftigen Klavierkontakt aus? Also: Wollen Sie jeden Tag spielen oder müssen Sie jeden Tag spielen?

Pogorelich: Als ich ein Schüler war, musste man mich dazu bringen (lacht). Inzwischen mag ich es auch.

Wie praktisch. Also haben Sie mit Ihrem Job Frieden geschlossen.

Pogorelich: Na ja … Nein. Es ist ja nicht durchgängig friedlich. Es wird nicht einfacher. Aber der Prozess ist immer gleich: suchen und finden. Oder: nicht finden. Und dieses Nichtfinden sollte temporär sein. Es sollte temporär sein.

Konzert: 27.8., 20 Uhr, Elbphilharmonie, Gr. Saal. Werke von Bach, Beethoven, Chopin, Ravel. Evtl. Restkarten an der Abendkasse. www.shmf.de