Anschläge in Paris

Diese Kabarettisten machen Satire in Zeiten des Hasses

Steht für Kabarett
jenseits vom Mainstream: Serdar Somuncu,
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Steht für Kabarett jenseits vom Mainstream: Serdar Somuncu, 47

Foto: Quatsch Comedy Club

Mit Andreas Rebers, Timo Wopp und Serdar Somuncu gastieren drei der provokantesten Kabarettisten in Hamburg.

Hamburg.  „Was darf Satire? Alles!“ Die Worte des Schriftstellers und Anti-Militaristen Kurt Tucholsky (1890-1935) schmecken bis heute längst nicht jedem. Und in Zeiten von Terroranschlägen hat die Satire in Form von Kabarett und Comedy auch mal Sendepause – zumindest in Fernsehen und Hörfunk. Das war in den Tagen der Angriffe auf die USA am 11. September 2001 so, als sich das damals von vielen hofierte TV-Lästermaul Harald Schmidt zwei Wochen lang mit seiner Sat.1.-Show in Verzicht übte und auch Stefan Raabs „TV total“ (Pro 7) pausierte. Und das war wegen der Terroranschläge in Paris auch im ZDF so: Am Freitagabend nahm der Sender die „heute-show“ aus dem Programm; auch die zur Primetime für Sonnabend geplante Würdigung des ostfriesischen Komikers Otto Waalkes („Otto – Geboren, um zu blödeln“) verschwand von der Bildfläche. Ob die Kabarett-Sendung „Die Anstalt“ am Dienstag wie bisher immer live um 22.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt wird, entscheidet sich voraussichtlich an diesem Montag.

Der Hamburger Emmanuel Peterfalvi, besser bekannt mit seiner Fernseh- und Bühnenfigur Alfons, traf am gestrigen Sonntag zu den Proben für „Die Anstalt“ in München ein. Er will – ausgehend von Erfahrungen in seiner einstigen Pariser Grundschule – ein Solo über die Themen Hass und Religion liefern. Am Freitag und am Sonnabend hatte Peterfalvi in Saarbrücken seine regelmäßige SWR-Sendung „Alfons und Gäste“ aufgezeichnet. Der Kabarettist und Comedian hatte erst danach von den Anschlägen in seiner Geburtsstadt erfahren. „Das war sehr heftig“, sagte Peterfalvi. Die am Tag folgende Hörfunksendung vor 300 Leuten wurde aufgezeichnet anstatt live gesendet.

Vorstellungen ausfallen lassen wie 2001? Dazu kommt es diesmal nicht

Doch was ist mit den Hamburger Kabarettbühnen? Im Polittbüro stellte Burghart Klaußner am Sonnabend seinem Swing-Programm mit Liedern des Franzosen Charles Trenet eine kleine Ansprache voran. Im Lustspielhaus spielte das Duo Alma Hoppe seinen Kabarett-Krimi „Schuss mit lustig“, indes mit zwei Änderungen im Bühnenbild: Die Leiche (eine Puppe) und das Blaulicht verschwanden. Aber Vorstellungen ausfallen lassen wie nach dem 11. September? „Nein, diesmal gab es sogar zusätzliche Buchungen“, berichtete Nils Loenicker, mit Jan-Peter Petersen das Duo Alma Hoppe.

Absagen soll es auch weder heute noch an den nächsten Tagen im Lustspielhaus sowie im Polittbüro und in der Sporthalle geben. Mit Andreas Rebers, Timo Wopp und Serdar Somuncu gastieren gleich drei Kabarettisten in der Stadt, die so gar nicht für Konsenskabarett stehen.

Timo Wopp geht seinen Text seines neuen Programms „Moral – Eine Laune der Kultur“ bis zur Hamburg-Premiere am Donnerstag im Polittbüro noch mal auf brisante Passagen durch. „Nun gilt es noch wachsamer zu sein. Nicht nur den Terroristen gegenüber, sondern auch gegenüber uns selbst“, sagt Wopp. Der Gewinner des Hamburger Comedy-Pokals von 2011 war schon in seinem ersten Programm „Passion“ nicht massentauglich. In „Moral“ geht er noch weiter mit Aussagen wie „Recherche ist der Feind der Meinung“. Speziell im zweiten Teil gehe es um „Selbstreflexion bei der Meinungsbildung“. Die Suche nach der schnellstmöglichen Pointe? Ist bei ihm nicht.

„Kabarett ist, wie Mittagessen für die ganze Familie zu kochen, irgendwer hasst es immer“, sagt Wopp. Und die Political Correctness? Wopp: „Kabarett hat nur dann eine Chance, wenn es den Zuschauern live etwas anderes bietet, als sie alltäglich im Fernsehen oder im Internet konsumieren können. Dafür braucht es nicht den platten Tabubruch, sondern den außergewöhnlichen Blickwinkel, den überraschenden Gedankengang.“

Dafür steht schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Andreas Rebers, von heute an im Lustspielhaus zu Gast. „Kabarett der radikalen Mitte“ nennt er seine Profession, „Rebers muss man mögen“ sein ständig aktualisiertes Programm. Religionen und die daraus entstehenden globalen Konflikte sind sein Dauerthema. „Die Ereignisse von Paris sind nicht kabarettabel“, sagt der Satiriker und antwortet auf der Bühne lieber musikalisch-poetisch wie mit dem „Anti-Terror-Song“ („Rock ’n’ Roll Will Never Die“) oder der „Islamistenpolka“, einem Song über Selbstmord-Attentäter. „Die Aktualität beängstigt mich“, sagt er. Als „Reverend“ Rebers gibt er auf der Bühne den Vertreter der „Schlesischen Bitocken“.

Rebers sieht sich als „Tante-Emma-Laden“: „Bei mir gibt es Bückware. also Haltung statt Gesinnung, und wer gerne im Mainstream badet, der kann eben zu den Kabarett- und Comedy-Discountern gehen, die können ihre Pointen ein bisschen billiger machen“, formuliert Rebers.

Noch mehr provoziert Serdar Somuncu. Der Kabarettist wird am Donnerstag mindestens 4000 Menschen in die Sporthalle Hamburg locken. „H2 Universe – Die Machtergreifung“, heißt sein Programm. „Mario Barth soll sich warm anziehen“, spottet Somuncu. Als tourender Schauspieler hatte er vor 20 Jahren noch vor zwei bis acht Zuschauern Kafka-Stücke im Eidelstedter Bürgerhaus gespielt.

Seit er 2004 den Prix Pantheon für die „Mein Kampf“-Lesung erhielt, hat seine Karriere einen Schub bekommen. Im Programm „Der Hassprediger“ hatte Somuncu Texte gesprochen, ohne zu kennzeichnen, von wem sie waren. Darunter aus einem Scientology-Schriftstück. Die Zuhörer applaudierten, erst danach klärte er darüber auf. „Das war dann die Fallhöhe“, sagt Somuncu. Inzwischen ist der gebürtige Türke nicht nur deutscher Staatsbürger, sondern regelmäßiger Gast in den ZDF-Sendungen „Die Anstalt“ und „heute-show“ sowie Autor. In seinem neuen Buch „Der Adolf in mir“ beschreibt er seine Erfahrungen auf der sechsjährigen Lesereise mit Hitlers „Mein Kampf“ und geht auch auf die Flüchtlingsdebatte ein.

Somuncu hat „Hassismus“, seine eigene Religions­gemeinschaft gegründet

Die Kernfrage seiner Arbeit lautet: Wie entstehen Diktaturen, und warum merken wir nicht, wie sie entstehen? „Die Leute lassen so viel mit sich machen, lass doch mal eine Religionsgemeinschaft gründen, den ,Hassismus‘“, sagte er sich. „H2“ heißt „Hassprediger 2, „Universe“ ist der Himmel, und „Die Machtergreifung“ heißt, er kommt zurück, um die Macht zu ergreifen.

„Wir haben Hamburg zur Hassismus-Stadt 2015 gewählt, hier läuft der Hassistische Weltkongress“, scherzt Somuncu. „Und wir treffen uns am 19. November weltweit in Hamburg – so wie es die Zeugen Jehovas eben auch machen – um einen Kongress abzuhalten.“ Und doch hat die Show einen sehr ernsten Kern: „Unser Thema ist immer noch die Anleitung zur Toleranz durch praktizierte Intoleranz!“

Proteste, Hass-Mails? Sind für Somuncu längst Teil der Arbeit geworden. „Ich bekomme mittlerweile Morddrohungen von Veganern. Solange sie mich nicht essen, ist das in Ordnung“, ulkt er. Somuncu veröffentlicht diese Mails auf seiner Internetseite, „damit auch andere sehen können, welcher Ton in unserer Gesellschaft herrscht.“ Er nennt es „Klagemauer“.

Aber zurückweichen? Wird keiner der Satiriker. „Kabarett ist doch ein Symbol der Freiheit“, sagt Alfons alias Emmanuel Peterfalvi – im Sinne aller.

„Rebers muss man mögen“ Mo-Mi, 16.-18.11., jeweils 20.00, Lustspielhaus (U Hudtwalckerstr.), Ludolfstr. 53, Karten zu 9,50 bis 24,50 unter T. 55 56 55 56; www.almahoppe.de
„H2 Universe – Die Machtergreifung“ HH-Premiere Do 19.11., 20.00, Sporthalle (U Lattenkamp), Krochmannstr. 55, Karten zu 35,95 unter www.kj.de
„Moral – Eine Laune der Kultur“ HH-Premiere
Do 19./Fr 20.11., jeweils 20.00, Polittbüro (U/S Hbf.), Steindamm 45, Karten zu 15,-/10,-: T. 28 05 54 67; www.polittbuero.de