Meinung
Leitartikel

Wir brauchen ein starkes Europa

Die Gemeinschaft muss jetzt mit einer Stimme sprechen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Darum wird es gehen, wenn die Zeit der ersten Trauer über den Terror in Paris vorüber ist. Wir müssen unsere Werte verteidigen, unsere Art zu leben. Und dafür brauchen wir ein starkes, ein geschlossenes Europa. Wer das jetzt nicht versteht, wird es nie verstehen. Es muss Schluss sein mit nationalen Alleingängen, mit peinlichem Politiker-Gezänk und der gefährlichen Vorstellung, Europa hätte eine Zukunft, wenn jeder wieder macht, was er will. Das Gegenteil ist richtig: Nur wenn die Europäer zusammenstehen, so wie an diesem Wochenende mit den Menschen in Paris, wird das, was ihnen wichtig ist, den globalen Kampf der Kulturen überstehen. Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit.

Was sich denn nun ändern sollte, haben viele nach den Anschlägen gefragt. Die Antwort muss sein: hoffentlich gar nichts! Wir dürfen uns von niemandem vorschreiben lassen, wie wir leben wollen, wir dürfen uns nicht einschüchtern oder Angst machen lassen. Wir müssen auch nach dem 13. November das tun und sagen, was wir für richtig halten, am besten noch deutlicher als bisher. Entschlossenheit, Klarheit, Souveränität: Das sollte Europa, das sollten in aller erster Linie die Staats- und Regierungschefs jetzt ausstrahlen.

Nun sei auch bei uns Krieg, hieß es am Wochenende vor allem in Frankreich. Plötzlich sind Terror und Leid ganz nah – Bilder, die wir sonst nur aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan kennen. Plötzlich? In Wahrheit gibt es in einer Welt, die durch moderne Technologien derart zusammengeschrumpft ist, keine Krisen mehr, die uns in Europa nicht unmittelbar betreffen können.

Und deshalb dürfen sich weder einzelne Länder wie Deutschland noch die Europäische Union als Ganzes heraushalten, wenn es um die großen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit geht. Deshalb muss Europa mit einer Stimme sprechen, weil es sonst Gefahr läuft, angesichts seiner schwindenden (Bevölkerungs-)Größe nicht mehr gehört zu werden. Wer als Regierungschef anderes behauptet, riskiert nicht nur die Zukunft der EU, sondern auch die des eigenen Landes.

Es ist zu hoffen, dass sich spätestens jetzt, spätestens nach Paris, diese Erkenntnis durchsetzt. Dass Europa sich zusammenrauft, nicht nur im Kampf gegen den Terror, sondern auch in der Flüchtlingskrise. Wer einen Beweis benötigte, warum Millionen Menschen aus Syrien und dem Irak geflohen sind, hat ihn am vergangenen Freitag bekommen. All die, die in diesen Tagen und Wochen bei uns in Notunterkünften eintreffen, sind vor genau denen weggelaufen, die Frankreich und den Rest der Welt in Trauer bombardiert haben. Die meisten Flüchtlinge haben am eigenen Körper das erlebt, was uns schon beim bloßen Hören der Nachrichten aus der französischen Hauptstadt fassungslos macht und zum Weinen bringt. Das ist der Bogen, den man von Paris zur Flüchtlingskrise spannen kann. Alles andere verbietet sich – auch, wenn man plant, nächster Ministerpräsident Bayerns zu werden.