Terror in Paris

Mahnwache für Opfer in Hamburg - „Ein Krieg ohne Gnade“

Menschen gedenken am Sonnabend vor dem französischen Generalkonsulat in Hamburg der Opfer der Terroranschläge von Paris

Menschen gedenken am Sonnabend vor dem französischen Generalkonsulat in Hamburg der Opfer der Terroranschläge von Paris

Foto: Roland Magunia

Vor dem französischen Generalkonsulat an der Heimhuder Straße legten Hamburger Blumen und Grablichter für die Toten aus Paris ab.

Hamburg Die Trauer kennt keine Grenzen – am Sonnabend ist Paris auch in Hamburg. Die Stimmung der Menschen vor dem französischen Generalkonsulat passt zu diesem verregneten, trüben Nachmittag. Mehr als 200 Hamburger sind zur Mahnwache an der Heimhuder Straße gekommen, um ihr Mitgefühl mit den beim Terroranschlag in Paris Getöteten und Verletzten zu bekunden. Immer wieder lösen sich kleinere Gruppen aus der Menschenmenge, stellen Tee- oder Grablichter auf den Zaun, legen Blumen und Kränze nieder.

Einige können die Tränen nicht zurückhalten. Das alles erinnert an die Mahnwache nach dem Anschlag auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo. Nur ist diesmal der Anlass für das Gedenken - ist die Tat - sogar noch bestürzender als das Massaker im Januar dieses Jahres.

Viele hier sind zutiefst erschüttert von der Brutalität der Terroristen. „Ich bin bestürzt, ich kann es nicht begreifen“, sagt Kerstin, die als Erzieherin an der französischen Schule in Lokstedt arbeitet. 25 Jahre hat sie in Frankreich gelebt. Als sie am Freitagabend von dem Attentat erfuhr, rief sie gleich bei ihren zwei Kindern an, die in Frankreich wohnen und am Wochenende gern in Paris feiern gehen – genau dort, wo die Mörder zuschlugen. „Gott sei Dank, sind sie wohlauf“, sagt die 52-Jährige.

Gefühlt wie nach dem 11. September

Wenn schon Erwachsene kaum verstehen können, was in der französischen Metropole passiert ist – wie will man dann Kindern begreiflich machen, dass Terroristen mehr als 120 Menschen erschossen oder schwer verletzt haben, unschuldige Menschen, die sich einfach nur amüsieren wollten? „Das macht mir Angst“, sagt Emilie, 12. Mit ihrer Mutter, ebenfalls Erzieherin an der französischen Schule, ist sie aus Ellerbek (Schleswig-Holstein) am Sonnabend zum Generalkonsulat gefahren. So wie Emilie dürften jetzt viele Kinder empfinden.

Iris Mürmann, den Terroranschlag vom 11. September in New York vor Augen, plagen indes düstere Vorahnungen. „Als ich von dem Anschlag hörte, habe ich mich gefühlt wie nach dem 11. September. Es ist wieder etwas ganz Entscheidendes passiert, und man weiß, jetzt schlägt die Politik eine ganze neue Richtung ein. Man weiß nur nicht welche. Werden die Grenzen jetzt wieder geschlossen? Sehen die Menschen in jedem Flüchtling aus dem arabischen Raum nur noch potenzielle Attentäter? Ich weiß es nicht.“ Andererseits, so Mürmann, dürfe nun vielen klar geworden sein, warum so viele Syrer nach Deutschland geflüchtet sind. „Weil sie so eine Art Terror seit Jahren vor der eigenen Haustür haben.“

Polizei stockt Präsenz auf

Schon vor der Gedenkstunde sind Dutzende Hamburger zur französischen Vertretung gekommen, um ihr Mitgefühl zu bekunden, darunter auch Bürgerschaftspräsidentin Carola Veith (SPD) und die zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), die ebenfalls Blumen niedergelegt haben. Die Polizei hat vor dem Hintergrund der Ereignisse ihre Präsenz vor dem Gebäude an der Heimhuder Straße aufgestockt.

Vor dem Konsulat ist es absolut ruhig, wenn sich Menschen überhaupt unterhalten, dann nur im Flüsterton, viele blicken betroffen zu Boden. Etwa 4000 Franzosen sind in Hamburg heimisch, so wie Florence Kanngieser, die auch Präsidentin des Vereins „Hambourg Accueil“ ist. Mit ihren Freunden von der französischen Gemeinschaft hat sie die Mahnwache organisiert. Sie sei „absolut schockiert“ und wütend, dass so viele Unschuldige ihr Leben lassen mussten, sagt sie. „Der Anschlag auf Charlie Hebdo war schon schlimm, da dachte ich: So etwas kann nicht noch mal passieren, und jetzt ist es passiert, und es ist noch schlimmer als im Januar“, sagt der ebenfalls aus Frankreich stammende Nicolas Stallivieri.

„Ein Krieg ohne Grenze, ein Krieg ohne Gnade“

Gegen 17 Uhr erscheint Generalkonsul Serge Lavroff vor dem Konsulat. Er ist sichtlich gezeichnet von dem erschütternden Ereignis und wirkt unendlich traurig. „Das, was wir in Paris erlebt haben, ist ein Krieg ohne Grenze, ein Krieg ohne Gnade“, sagt er und findet auf französisch einige Worte des Dankes für die so zahlreich Anteil nehmenden Hamburger. Von Montagmittag an, kündigt Lavroff an, könne man sich in dem Konsulat ins Kondolenzbuch eintragen.

Das Mitgefühl für die Opfer von Paris ist schon jetzt überwältigend. Die Treppe am Gebäude ist kaum noch zu sehen, so viele Blumen sind hier niedergelegt worden. Frank, 60, und seine Tochter Lena, 23, stehen davor. Den 60-Jährigen packt beim Gedanken an die fanatisierten Massenmörder die Wut. „Wir müssen jetzt in Europa alle zusammenstehen, endlich eine Phalanx gegen diesen religiösen Wahn bilden“, sagt er. „Und wir müssen endlich den IS-Terroristen das Handwerk legen.“

Auf einem Zettel zwischen den Blumengebinden steht geschrieben: Frankreich, wir trauern mit dir. Ein anderer Text, zum Schutz vor dem Regen in durchsichtiger Hülle und überschrieben mit dem Titel „Das Leid von Paris“, wendet sich direkt an die Terroristen: „Glaubt ihr wirklich, dass ein Gott von euch verlangen würde, in seinem Namen Menschen zu töten?“