Vom Dornenboy zum Apfelmann

Blumfeld: Heute erscheint das neue Album "Verbotene Früchte". Fans erwarten von Jochen Distelmeyer intellektuelle Songs. Doch der widmet sich lieber der Natur.

Hamburg. Das Verhältnis zwischen eingeschworenen Blumfeld-Fans und der Hamburger Band selbst ist derzeit ein wenig so, wie das zwischen älter gewordenen Kindern und ihren Eltern. Entrüstet stellt der Nachwuchs fest, daß auch die Erzeuger den Wunsch nach Veränderung spüren, daß keine Lust vorhanden ist, das immer gleiche Lieblingsgericht aufzutischen.

Seit 1990 füttert Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer, intellektueller Übervater des Diskursrocks, nach Sinn hungernde Seelen mit schwer verdaulichen Zeilen. " Der Staat im Staat in der ersten Person/Selbstanklagen klingen hier nach Restauration einer Haut ", spricht Distelmeyer etwa in "Sing Sing" auf der Platte "L'Etat Et Moi" (1994). Im Vergleich zu derart reichhaltiger Metaphorik wirken viele Lieder des heute erscheinenden Albums wie leichte Kost. Distelmeyer serviert "Verbotene Früchte" - mit einem erweiterten Line-Up. Denn neben Gründungsmitglied Andre Rattay am Schlagzeug spielen nun Bassist Lars Precht und Keyboarder Vredeber Albrecht in der Band.

Was an den 13 Songs verboten ist, sind weder obszöne noch aufrührerische Gedanken, vielmehr die verführerische Leichtigkeit eines stark beatlesken Pop- und Rockalbums - für den sonst gern Staat, System und sich selbst dekonstruierenden Distelmeyer eine erstaunliche Harmlosigkeit.

Der einst wütende "Dornenboy" ist jetzt der naturnahe "Apfelmann". Im so betitelten Song singt Distelmeyer zu beschwingtem Rockabilly-Sound vom Ökobauern, der "Sündenfall und Fruchtbarkeit" in Tüten verkauft.

"Ich würde mich stark von einem Begriff wie Naturlyrik absetzen wollen. Die Platte ist eher ein Versuch, sich unterschiedlichen Realitäten anzunähern", sagt Distelmeyer. Wie ein Greenpeace-Beauftragter schildert er in "Tiere um uns" Nutzvieh und Exotisches, als texte er für Kinder, die noch nie eine Kuh gesehen haben. In "Hey Jude"-Manier intoniert der Sänger: "Hey Tier". Der Alterswitz eines klugen Kopfes, der nun weniger mit Dissens als mit Schönheit schockt und lustvoll Stile ausprobiert. Sei es das Shanty "Heiß die Segel", die indisch gefärbte Fabel "Schmetterlings Gang" oder Bänkelgesang wie "Der sich dachte", ein Entwicklungsroman in Kurzform.

"Wenn man Musik macht, macht man Erfahrungen mit dem, was in der Luft liegt, läßt das durch sich durchgehen", sagt Distelmeyer. "Der ganze Tag is'n Song. Bei John Lee Hooker kann man das gut hören. Wenn du zur Arbeit gehst, in der S-Bahn sitzt, alles is'n Song." Beim Komponieren habe ihn gereizt, "Bildhaftigkeit aus der Musik entstehen zu lassen", in "Der Fluß" etwa das Rauschen spürbar zu machen.

Doch Distelmeyer hat es sich keineswegs in der esoterischen bis bürgerlichen Kuschelecke gemütlich gemacht. In Stücken wie "Strobohobo" kreiert er, bewährt aggressiv, die Collage einer aus den Fugen geratenen Welt. In "Tics", dem politischsten Song, thematisiert er einen wie selbstverständlich hingenommenen Sozialdarwinismus: " Ich seh' den Reichtum, seh' die Reste/wenn ich auf meinem Hügel steh'/Ich seh' die Hütten und Paläste zwischen Crack und Milchkaffee. "

Wenn Distelmeyer nachfolgend von in Brand gesetzten Autos singt, könnte das als Kommentar zu den Krawallen in Frankreich gelesen werde. Doch das Lied entstand vorher. "Ziemlich crazy", findet Distelmeyer, aber das seien "absehbare Entwicklungen". Das soziale Gefälle münde entweder in eine Spirale der Gewalt. "Oder es entlädt sich in einer nicht in Frage gestellten Sehnsucht nach einer starken Figur - ob das jetzt Frodo Beutlin, Harry Potter, Jesus Christus, Lara Croft oder eine reale politische Führerpersönlichkeit ist." Wenn das mal nicht genug Futter für nach Sinn hungernde Seelen ist.

  • Blumfeld : Verbotene Früchte (SonyBMG). Die Band spielt am 20. Mai im Uebel & Gefährlich, Feldstr. 66; 17 Euro .