Blumfeld: Die Hamburger Band schickt sich selbst in Rente

Schönes Leben noch, Jochen!

Das Ende von Blumfeld beschließt für eine ganze Generation auch ihre Jugend. Ein Nachruf.

Hamburg. Was Madonna mit all ihren Wandlungen für die internationale Popwelt, das ist die Hamburger Band Blumfeld für die deutsche Szene. Eine Stellschraube, an der Musikschaffende wie -hörende messen, was gerade machbar ist. Ob's nun gefiel oder gehasst wurde. Während die Diva aber eher mit Latexmiedern und Selbst-Kreuzigung provoziert, verstört Blumfeld - zumindest in den frühen Liedern - mit deutschsprachigen Texten, die Politik, Philosophie und Privates in radikaler Poesie verknüpfen.

Doch wenn die Gruppe um Sänger, Schreiber und Gitarrist Jochen Distelmeyer, wie jetzt verkündet, im April und Mai auf Abschiedstour geht, verlieren Pop und Rock hierzulande nicht nur ein wichtiges Eichgerät. Mit dem Ende von Blumfeld wird eine ganze Generation nun endgültig und ohne lyrische Stütze ins Erwachsenenalter entlassen. Für viele der Fans sind die in 17 Jahren entstandenen Songs wie Fotos in einem Album. Beim Hören tauchen alte Gefühle und Situationen wieder auf. Die 1990 gegründete Band, die ihre Wurzeln im ostwestfälischen Bad Salzuflen hat, lieferte zahlreichen heute 30- bis 40-Jährigen den Soundtrack vom Abi übers Studium bis zum Job.

Damals, Anfang der 90er, schlich sich ein Blumfeld-Song nicht einfach ins eigene Leben wie eine einlullende Melodie aus dem Radio. Es war eher wie ein Schlag in den Magen. Ziemlich irritierend also. In einem Klub auf ein Stück wie "Lass uns nicht von Sex reden" zu tanzen, war in etwa so riskant wie ein dreifacher Rittberger beim Eiskunstlaufen. Denn sich zu schroffen Gitarrenakkorden zu bewegen, während eine dunkle Stimme mehr raunend als singend von Entjungferung erzählte, barg nicht nur physische, sondern vor allem emotionale Stolpergefahr.

Musik, die näher dran war an der Lebenswelt vieler Pennäler als sinnfreie Euro-Dance-Nummern wie "Rhythm Is A Dancer", die zu dieser Zeit die Charts stürmten. Blumfelds Debüt "Ich-Maschine", das 1992 erschien, war die grüblerische Alternative zu der im selben Jahr veröffentlichten Partyplatte "Vier gewinnt" der Fantastischen Vier. Die Stuttgarter Hip-Hopper reimten zwar ebenfalls, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, auf Deutsch. Aber sie sprachen eben von "Lass die Sonne rein" statt "Von der Unmöglichkeit, ,Nein' zu sagen, ohne sich umzubringen". Metaphorisches, das Scharen von Studenten der Geisteswissenschaft animierte, eifrig nach Sinn zu suchen. Oder lustvoll mit denen zu streiten, die das Ganze zu verkopft fanden. Neues Interpretationsfutter lieferte das Album "L'etat et moi", das Blumfeld 1994 den Durchbruch brachte. War die kleine Unistadt doch spießiger als befürchtet, ließ es sich mit "Draußen auf Kaution" prima im Selbstmitleid suhlen: " Vor meinem Fenster fängt es an sich zu bewegen/ein neuer Tag nimmt seinen Tageslauf/einer mehr an dem ich aufstehn muss/um irgendwas zu tun gegen den Schmerz ." Und sollte das Politische im Privaten diskutiert werden, eigneten sich Zeilen aus "Eine eigene Geschichte" bestens: " Und der Staat ist kein Traum/ist sogar in meinen Küssen ."

Unter Gleichgesinnten etablierte sich ein Code, ähnlich wohl jenen Zirkeln, die früher fieberhaft Sartre oder Kafka lasen (eine seiner Erzählungen gab der Band den Namen). Jungs, die über einem Glas Rotwein zitatfest Blumfeld-Verse in ein Gespräch einstreuten, erhöhten ihre Chancen bei Mädchen enorm. Hoch im Kurs stand auch Postalisches, in das stilecht Hamburger Lyrik eingefügt war, etwa Worte wie: " Ein Brief von weit weg/so bist Du mir nah/und trotzdem nicht hier/und doch bist Du da ."

Einige Fans waren rasch überzeugt, bei Blumfeld mehr lernen zu können als an der Uni. Das CD-Blatt wurde zur Nachtlektüre, das Konzert zur Vorlesung. Warum sich tote Dichter eintrichtern lassen, wenn ein lebender für sie singen konnte. Ein dünner Mann mit Milchgesicht, der auf der Bühne so viel Wut, Qual und Milde ausstrahlte, dass all die Emotionen eins zu eins aufs Publikum überzuspringen schienen. Von so einer Wallfahrt heimgekehrt, haftete den Anhängern oft etwas Missionarisches, ja Altkluges an.

Vielleicht nervte Diestelmeyer das beflissene Sezieren jeder seiner Silben, vielleicht lag's einfach am Altern der Band - mit der dritten Platte "Old Nobody" (1999) jedenfalls wurde der Sound softer, mit Streicherschmelz und Verweisen auf die 80er-Superpopper Münchner Freiheit. Das war zwar wider den Subkultur-Konsens, klang aber bombastisch und bot weiterhin feinste Lebenshilfe.

Als viele Blumfeld-Aficionados bereits im Beruf oder zumindest in der Dauerrotation der Praktika angelangt waren, fragte "Jochiboy" verständnisvoll "Kommst Du mit in den Alltag"? Ein Song, der den Clash zwischen linksintellektuellen Idealen einerseits und Broterwerb andererseits zusammenkochte: " Wir hatten uns so fest geschwor'n/anders zu sein/als die Leute in ihren Büros".

Was da zu sanften Gitarrenklängen verhandelt wurde, fand seine zornige Fortsetzung in "Diktatur der Angepassten" auf dem Album "Testament der Angst" (2001). Den Erdrutsch der Börse im Rücken machte sich eine Mentalität des Geldverdienens ohne Aufmucken breit - sofern ein Job vorhanden war. Dieses Phlegma hatte nur noch wenig zu tun mit dem postpubertären, unbeschwerteren Lebensgefühl der 90er.

Halb resigniert, halb gelassen stellte Distelmeyer in "Alles macht weiter" äußeren Druck und inneres Toben, " die Termine mit Riebe ", den " Blues und die Liebe " nebeneinander. "Jenseits von jedem" positionierte sich der Sänger da mit seinem gleichnamigen Album von 2003. Und auch einst glühende Fans fühlten sich mit Allgemeinplätzen wie "Die Welt ist schön" nur dabei statt mittendrin. Spätestens bei der jüngsten Platte "Verbotene Früchte" (2006) reagierten viele Anhänger wie Kinder, die Mama allein gelassen hatte. Geschichten vom Ökobauern oder der Vielfalt von Flora und Fauna helfen vielleicht, beherzter im Bioladen einzukaufen, aber längst waren Blumfeld-Lieder solche, die als einlullende Melodie aus dem Radio vorbeiwehen könnten. Die Fotos verblassen. Und trotzdem bleibt eins zu sagen: Danke.