Fabrik: Die Hamburger Band Blumfeld verabschiedete sich mit zwei Konzerten

Tausend Tränen Tschüs

HAMBURG. HAMBURG - "Man muss auch loslassen können", sagt Sänger Jochen Distelmeyer kurz vor dem ersten von drei Zugabenblöcken. Zu diesem Zeitpunkt herrscht bereits emotionaler Ausnahmezustand in der Fabrik, wo die Hamburger Band Blumfeld Donnerstag und Freitag die letzten, ausverkauften Konzerte ihrer Abschiedstour gibt. Gestandene Männer stehen mit Tränen in den Augen vor der Bühne. Auf dem Damenklo sind seufzende Sätze zu hören. "Das ist so traurig."

Zum Loslassen gehört es eben, dem geliebten Objekt amtlich Lebewohl zu sagen, sich noch einmal in all die Gefühle zu werfen, die Distelmeyer 16 Jahre lang in seine Songs gepackt hat. Der Soundtrack für die, die sich in der "Diktatur der Angepassten" unwohl fühlen, aber glauben, dass "Liebe wahr werden kann". Am Theater heißt das Katharsis, in der Musik Rock 'n' Roll. Und so laufen Lars Precht (Bass), Vredeber Albrecht (Tasten), Andre Rattay (Drums) und "Jochyboy" zur putzigen Zirkusmusik auf, um auf ihrem eigenen Grab zu tanzen.

Draußen ist es noch halb hell, als Distelmeyer mit "Draußen auf Kaution" eröffnet. Seine Stimme ein Mix aus Wut und Zärtlichkeit. Er trägt Hemd, Jeans, Seitenscheitel. Ein adretter 40-Jähriger. Aber nicht im Geiste. Zu Beginn feiert die Band mit verstörend-schroffen Songs wie "Mein System kennt keine Grenzen" und "Jet Set" zunächst die älteren ihrer sechs Alben, die ihr das Label Diskursrock einbrachten.

Als Distelmeyer den Rockabilly-Hit "Apfelmann" von 2006 ansagt, drohen Fans der ersten Stunde, das Konzert zu verlassen. Die Mehrheit scheint aber überglücklich, sich neben der Gedankenschwere mal so einem albernen Liedchen hinzugeben. Als Distelmeyer in den Song noch seine Abschiedsrede einbaut ("Wir tragen euch in unseren Herzen"), gerät das Ganze zum Gospel-Inferno. Der einst so zornige "Dornenboy" schreit wie ein Prediger "Raise your hands", mahnt übermütig: "Da ist noch eine Klatschlücke!" Immer wieder schaut er in all die leuchtenden Gesichter. Permanent wechselt er die Gitarre, angereicht von Sterne-Bassist Thomas Wenzel. Das ist in etwa so, als würde Paul McCartney bei den Stones den Roadie machen.

Zur Pop-Hymne "Tausend Tränen Tief" tanzt Distelmeyer selbstversunken wie ein Rave-Jüngling. Ein Fan lässt Papierherzen regnen. Und als noch der erste Blumfeld-Bassist Eike Bohlken auftaucht und den "Zeittotschläger" zelebriert, ist die Ekstase perfekt. Es folgt "Verstärker", Jubel, Dank. Und zum Schluss die Erkenntnis "Die Welt ist schön, ich lebe gern". Na, dann wollen wir mal loslassen.