Rockpop Intern, die Kolumne von Birgit Reuther

Von der Bühne ins Museum und zurück

Jetzt ist es passiert: Die „Hamburger Schule“ ist museumsreif. Die Ausstellung „Stadt.Land.Pop.“ in Ostwestfalen besinnt sich Abkömmlingen der Region wie Bernd Begemann und Bernadette Hengst, die zum Musizieren an die Elbe gezogen waren. Doch neben der Pop-Nostalgie gibt es zum Glück noch reichlich Output in der Gegenwart – etwa von den höchst aktiven Tocotronic. Beschallung kommt zudem von Halma, Radio.de und aus der Egal Bar.

"Fast weltweit" hieß Ende der 80er-Jahre eine kleine Plattenfirma in Bad Salzuflen. Das Label veröffentlichte Künstler aus der Region wie Jochen Distelmeyer, Frank Spilker, Bernd Begemann und Bernadette Hengst, die später die ostwestfälischen Grenzen gen Norden überwinden und unter dem Titel "Hamburger Schule" bekannt werden sollten. Das Museum für Westfälische Literatur im Kulturgut Haus Nottbeck besinnt sich nun seiner prominenten Abkömmlinge. Mit dem Projekt "Stadt.Land.Pop." soll deren Lyrik nun in die westfälische Literturgeschichte eingehen. Themen der Ausstellung in Oelde-Stromberg sind unter anderem "das ambivalente Verhältnis von Heimat und Wahlheimat in Songtexten" sowie Bezüge der Musiker zu Autoren wie Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und Alfred Döblin. Neben der Versanalyse sind aber auch Videos, Interviews, quasi-historisches Pressematerial sowie Kassetten-, LP- und CD-Cover aus zwei Jahrzehnten zu sehen. Wer noch tiefer einsteigen möchte, dem sei der Katalog mit zahlreichen Essays von Musikern und Poptheoretikern empfohlen (Aisthesis-Verlag, 19,80 Euro; erhältlich in der Hanseplatte, Neuer Kamp 32). Und damit die gesamte Aktion nicht allzu musealen Charakter erhält, wird die Schau, die noch bis zum 19. April läuft, von Konzerten der - zum Glück noch lebenden und musizierenden - Künstler begleitet. Am 5. Februar spielt Bernd Begemann mit seiner Befreiung auf, am 5. März Bernadette La Hengst und am 3. April die Frank Spilker Gruppe. Von Hamburg aus ist Oelde übrigens in knapp dreieinhalb Stunden per Bahn zu erreichen. Aber vielleicht wird die Ausstellung ja auch fast weltweit gezeigt oder wandert, wie die Musiker, zumindest von Ostwestfalen bis nach Hamburg. Und wo die mit Verlaub alte Garde des Hanse-Rock hier eh schon verhandelt wird: Tocotronic verkünden, dass sie "weiterhin standhaft der Krise auf dem Tonträgermarkt trotzen" wollen. Wie? Na, mit Tonträgern. Nachdem Trommler Arne Zank 2008 sein sanft-groovendes Elektro-Album "Love And Hate From A To Z" herausgebracht und mit Gitarrist Rick McPhail live vorgetragen hat, ziehen nun die restlichen Bandkollegen nach. Frontmann, Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow veröffentlicht Ende April zusammen mit Pianist Thies Mynther als Phantom Ghost das Album "Thrown Out Of Drama School". Zu erwarten sind neun neue Songs von seltsamer Schönheit. Lautstärker meldet sich vorab Bassist Jan Müller mit seinen Nebenprojekten zurück: Zusammen mit Kompagnon Rasmus Engler legt er am 13. März zunächst eine neue Single von Das Bierbeben samt einem Remix von Chloe und T. Raumschmiede vor. Am 10. April folgt das selbstbetitelte Album der Band. Mitte März erscheint zudem die Platte "Mit Uns Nicht!" von Müllers zweitem Seitenspross Dirty Dishes. Ach ja: Und das Mutterschiff, also Tocotronic selbst, werkeln im Proberaum auch schon wieder an neuen Stücken. Wer zudem noch wissen will, wie sich der Toco-Hit "Kapitulation" in kubanisierter Variante anhört, der lausche auf MySpace . Noch nie klang Resignation so fröhlich. All jenen, die jenseits der Charts noch tiefer in die Hamburger Musikszene eintauchen wollen, seien die Neuveröffentlichungen von Halma empfohlen. Dieses hanseatische Quartett verknüpft akustische Versatzstücke und Steel-Gitarre mit Elektronik-Arrangements und Dub-Elementen zu einem ideenreichen Sound der Entschleunigung. Die kleine feine Hamburger Plattenfirma Sunday Service hat das erste und zweite Album der Formation - beide lange vergriffen - nun neu aufgelegt. "Container verloren und gesunken" (2000) sowie "Minifield" (2003) sind jetzt wieder digital erhältlich via iTunes und finetunes. Apropos WWW: Über Radio.de , einer Internet-Plattform made in Hamburg, können Nutzer kostenlos und ohne Extra-Installationen auf mehr als 2000 Sender zugreifen hübsch nach Ländern und Musik-Genres sortiert. Auch Verknüpfungen, etwa mit dem eigenen Facebook-Profil, sind möglich. Zwar kommt das Angebot noch höchst selektiv und somit unvollständig daher. Aber ein schönes analoges Promotion-Produkt ist aus dem Projekt bereits entstanden: das Magazin "Hoerenswert" . Die erste Ausgabe des Schwarz-Weiß-Fanzines, das umsonst in Cafes ausliegt und vier Mal im Jahr erscheinen soll, umfasst Themen von Folk-Sängerin Leslie Feist bis zum Revival des Ghettoblaster.

Und wer bei all dem Musik-Hören nun auf den Geschmack gekommen ist, Menschen auch mal mit eigener Auslese zu beglücken, dem sei die Egal Bar ans Herz gelegt. Während andere Läden mit großen, hippen Namen locken, fährt die ehrliche Eckkneipe in der Marktstraße 131 mit ihrem Programm "Der unbekannte DJ" recht gut. Wer mag, darf sich ins DJ-Buch eintragen, um dann mit der heimischen Plattenauswahl die Tresenhocker und Kickerspieler zu beschallen. Einen bestimmten Abend zu erwischen, dürfte allerdings schwierig sein: Das Set ist oft viele Wochen im Vorraus ausgebucht. Rockpop Intern gibt’s regelmäßig an dieser Stelle. Birgit Reuther, die Autorin der Kolumne, erreichen Sie unter: rockpopintern@abendblatt.de