Systemkritik und süße Früchte

Blumfeld: Bewegendes Konzert im Uebel & Gefährlich

HAMBURG. Rotbackig und frisch sieht er aus. Vielleicht ein Elstar. Oder ein Ida Red, den die Frau in der ersten Reihe der Band entgegenstreckt. Jochen Distelmeyer, Sänger und Gitarrist von Blumfeld, dürfte sich da besser auskennen. Im ausverkauften Bunkerklub Uebel & Gefährlich spielt er mit der Band gerade das Lied vom "Apfelmann", Hit der neuen Platte "Verbotene Früchte". "Nicht so schüchtern, Hamburg, ich will eure Hände sehen", ermuntert Distelmeyer die Menge.

Mit der Pflanzen-Prosa scheint auch die Leutseligkeit Einzug gehalten zu haben in den Kosmos der Intellektuellen-Rocker. Während des Konzerts am Sonnabend kümmert sich "Jochiboy" rührend um das Wohl der Fans. "Alles easy? Können mich alle hören?" fragt der Frontmann in den schlauchigen Raum der Schwitzenden, verteilt Wasser und gute Laune. Doch Blumfeld würde nicht kultisch verehrt, würden die Hamburger nur eindimensional Emotionen freisetzen.

In zweieinhalb Stunden geistern die Gefühle hoch und tief. Anfangs erscheint die Band im Nebel. Distelmeyer, Milchgesicht im weißen Hemd, singt mit zartbitterer Stimme vom Schnee, beschreibt ein leeres Blatt, das auch dieser anbrechende Abend ist. Eben noch zitiert er sanft Roy Orbisons "Only The Lonely", um es im Anschluß mit "Strobohobo" krachen zu lassen. Im Johnny- Cash-Gestus schwingt er die Akustikgitarre, schmunzelt, geht in die Knie, ruft cool sein "Allright!".

Schwelgerische Stücke wechseln mit treibenden. Der Auftritt lebt vom Kontrast - auch in Distelmeyers Miene. Schließt er bei "Kleines Lied" noch die Augen, läßt die Welt innehalten, so tobt bei "Diktatur der Angepaßten" der Angry Young Man. Wahnsinn spritzt aus dem Gesicht, Schweiß tropft von der Nase. Doch was Teenies, Oldies, Avantgardisten, Naturburschen und die versammelte Hamburger Musikszene sehen, ist keine One-Man-Show. Die zum Quartett gereifte Band - mit Gründungsmitglied Andre Rattay am Schlagzeug und live unterstützt von Henning Watkinson - harmoniert. Sichtlich Spaß haben die zwei Neuzugänge: Bassist Lars Precht tänzelt lässig umher. Vredeber Albrecht improvisiert bei Songs wie "In der Wirklichkeit" am Keyboard. Mit Chorgesang setzen sie schöne Akzente.

Am Ausgang gibt's dann noch Öko-Merchandise zu kaufen: Jutebeutel mit Stauden-Aufdruck. Ideales Transportgerät für "Ontario, Gravensteiner, Fuji".