Hamburg: Diskussion im Stage Club

Die Stadt braucht neue Quartiere für Künstler

Kreative und Anwohner verhandeln mit Politikern und Immobilienbesitzern, zu welchen Konditionen die Stadt von wem genutzt, gewandelt, gestaltet wird.

Hamburg. Über das Thema "Quartiere für die Kunst - Nur auf Abbruch?" am aktuellsten zu berichten wusste Sebastian Rathert. Der Künstler ist mit seiner Schildermalerei "Hotzenplott" seit gut drei Jahren Mieter im Gängeviertel und kämpft derzeit mit rund 250 Künstlern um eine Zukunft in dem historischen Ensemble. Die Besetzung am22. August hatte eine Welle der Solidarität nicht nur in der Szene, sondern auch im bürgerlichen Lager ausgelöst. "Das haut uns immer noch von den Socken, was das losgetreten hat", sagt Rathert. 10 000 Menschen hätten in den vergangenen sechs Wochen Kunstaktionen und Konzerte in den Backsteinbauten besucht. "Die Auseinandersetzung um das Gängeviertel zeigt, dass sich in Hamburg was verändert hat. Früher wäre die Initiative kriminalisiert worden, heute umarmt man sie", erklärte Hans Jochen Waitz, einst Vermittler in der Hafenstraße und Sanierer der Fleetinsel.

Für ihn ist Subkultur unbedingt integraler Bestandteil einer Stadt, die zunehmend mit "den üblichen Ladenketten" durchdesignt werde - "überdacht, mit Prada und so 'nem Zeug". Dass Künstlerviertel mittlerweile vom Stadtmarketing als urbaner Schick verkauft werden, aber gleichzeitig langfristig günstiger Raum fehle, kritisierte St.-Pauli-Aktivistin Frauke-Ellen Sauerland beherzt. "Hamburg posaunt raus, dass es Kreativstadt sei, dabei arbeitet nur noch eine ganz kleine Marke hier, der Rest der Kunst-, Film- und Musikszene ist nach Berlin abgewandert." Sauerland und auch Rathert prangerten den Kreislauf der Gentrifizierung an: Kreative erhalten, wie etwa in Wilhelmsburg, befristet günstige Atelierfläche, um sozial schwache Gebiete zu beleben. "Wir sollen wie Setzlinge ins Hinterland der HafenCity verpflanzt werden, um das Viertel fit zum machen", sagte Rathert. "Aber auch nur so lange, bis dort alles gedeiht." Oder, um es mit Sauerland zu sagen: "Bis die Finanzkrake kommt." Man könne aber von Künstlern nicht verlangen, dass sie sich ständig ein neues Quartier suchen, meinte Waitz. "Da muss die Stadt Bedingungen schaffen."

Wolfgang Schüler, Quartiersmanager in St. Georg, widersprach diesem Ansatz: "Ich mag Planwirtschaft nicht. Warum immer der Ruf nach dem Staat?" Mit seinem Appell an Flexibilität und der Aussage "Kunst ist flüchtig" erntete er Empörung von den Kreativen im Publikum. Doch auch Klausmartin Kretschmer, unter anderem Eigentümer der Roten Flora, plädierte dafür, günstig zu mietende Orte temporär zu nutzen und forderte somit Mobilität ein. "Ich hätte da keine Angst, vielleicht bin ich aber auch zu freiheitsliebend." Vielleicht lässt sich die Liebe zur Kultur aber auch schlicht einfacher leben, wenn man - laut Kretschmer - zwar nur eine billige Stereoanlage besäße, dafür aber auch einen eigenen Konzertsaal mit Sopranistin, die für einen singt.

Und obwohl man ja nicht direkt - wie Kretschmer - auf die Notwendigkeit von Gegenorten setzen musste, waren sich die Diskutanten wie auch die Moderatoren Hans-Juergen Fink (Abendblatt) und Claus Friede (Claus Friede*Contemporary Art) in einem einig: Die Stadt muss Kontroversen zulassen. Sauerland merkte jedoch an: "Ob Hamburg das aushält, weiß ich nicht."

Wie heiß das Thema in Hamburg gehandelt wird, zeigte das Interesse am Kulturklub HH. Vor Beginn schoben viele der 150 Gäste, darunter etliche junge, immer mehr Sessel vor die Bühne. Der Diskussion folgten u. a.: Katharina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein (Sotheby's), Karsten Jahnke, Senatsdirektor Hans-Heinrich Bethge, Architekt Rolf Kellner, Kerstin Evert (Tanzplan Hamburg) sowie Künstler Andreas Slominski.