Hamburger Senat

Kultursenator Reinhard Stuth: Lösung oder Notlösung?

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Den neuen Kultursenator Reinhard Stuth erwarten in seinem Amt schwierige Aufgaben, Hamburgs Kulturschaffende sind bislang skeptisch.

Hamburg. Verblüffung war das vorherrschende Gefühl in Hamburgs Kulturszene, als am Freitag bekannt wurde, dass Reinhard Stuth , 53, die Nachfolge von Karin von Welck übernehmen wird. Viele mehr oder weniger wahrscheinliche Kandidaten hatte man in den vergangenen Tagen genannt und wieder verworfen, aber dass nun ausgerechnet jener CDU-Politiker Präses der Kulturbehörde werden soll, der im März 2009 nach nur einem Jahr als Kulturstaatsrat gefeuert worden war, dafür reichte die Fantasie der allermeisten Kulturschaffenden nicht aus.

Obwohl Stuth bis zur nächsten Bürgerschaftswahl nur anderthalb Jahre bleiben, wird er sich nicht darauf beschränken können, sein Amt einfach nur zu verwalten. Zu prekär ist die Situation, die ihm seine Vorgängerin und frühere Chefin hinterlassen wird: vor allem das Dauerproblem der aus dem Ruder laufenden Kosten der Elbphilharmonie, die womöglich in seiner Zuständigkeit bleibt, und die gescheiterte Museumsreform. Und es sind nicht nur ungelöste Sachfragen vor dem Hintergrund demnächst drohender Kürzungen im Kulturhaushalt, sondern ein in der Kulturszene weitverbreiteter Unmut über den Stil der scheidenden Senatorin, der zunehmend als herrisch und selbstherrlich empfunden wurde.

Ob ausgerechnet Stuth der richtige Mann ist, die atmosphärischen Störungen zu beheben und für einen Neuanfang im Umgang mit der Kulturszene zu sorgen, ist allerdings fraglich. Spricht man in diesen Tagen Hamburger Kulturschaffende an, wollen sie mit ihren Meinungsäußerungen partout nicht zitiert werden. Unverkennbar ist eine gewisse Skepsis, die nicht zuletzt aus den Erfahrungen resultiert, die man mit Stuth in seiner Zeit als Kulturstaatsrat gemacht hat, auch wenn die Erinnerungen daran mitunter schon verblasst sind - was eigentlich schon bezeichnend genug ist. Denn der Mann, der statt Krawatte stets Fliege zu tragen pflegt, wird häufig als farblos beschrieben.

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Eigene Akzente hat er damals jedenfalls nicht gesetzt, dafür aber gern repräsentiert. Intern wurde ihm vorgeworfen, zu häufig abwesend zu sein, besonders gern auf Auslandsreisen. Gravierender waren die Klagen der Behördenmitarbeiter über seine rüden Umgangsformen. Den Ausschlag für seine Entlassung gab 2009 aber offenbar Karin von Welck. Das Verhältnis von Senatorin und Staatsrat galt als zerrüttet. Insofern ist es nicht ohne Pikanterie, dass sich von Welck noch am Donnerstag, ganz sicher ohne Kenntnis der Personalie Stuth, ausdrücklich auf ihren Nachfolger bezogen hatte: Nachdem es ihr nicht gelungen war, Kunsthallenchef Hubertus Gaßner abzuservieren, ließ sie per Behördenmitteilung wissen, sie wolle in die Entscheidung über die Besetzung des Kunsthallen-Direktorenpostens "auch ihren Nachfolger bzw. ihre Nachfolgerin mit einbeziehen".

Was Stuth davon hält, gab er postwendend zu Protokoll, indem er dem Intimfeind seiner Vorgängerin seine besondere Wertschätzung versicherte. "Hubertus Gaßner ist eine der ganz überragenden Kulturpersönlichkeiten dieser Stadt", ließ er die "Süddeutsche Zeitung" wissen. Ihm gehe es darum, die "festgefahrene Situation" der Hamburger Kulturszene "kommunikativ zu lösen". Vor allem im Bereich der Museumsreform wolle er neue Umgangsformen etablieren.

Für Ekkehard Nümann, den Vorstandsvorsitzenden der Freunde der Kunsthalle, ist das zumindest ein hoffnungsvolles Signal. "Wir begrüßen es, dass der designierte Kultursenator in dieser Angelegenheit so klar Stellung nimmt. Nun ist zu hoffen, dass dieser völlig unnötige Konflikt schon bald gelöst werden kann", sagte Nümann gestern dem Abendblatt.

Neben unnötigen Konflikten wird es Stuth freilich schon bald auch mit Auseinandersetzungen zu tun bekommen, die unausweichlich sind, weil es hier um konkurrierende Interessen geht. Ob es ihm zum Beispiel gelingen wird, und ob er es überhaupt für wünschenswert hält, die Herzensangelegenheit seiner ungeliebten Vorgängerin im Senat durchzusetzen und eine Erhöhung der jährlichen Zuwendung der Deichtorhallen um 570 000 Euro bei den Haushaltsverhandlungen durchzubringen, bleibt abzuwarten. Wenn er gezwungen wäre, gleichzeitig bei anderen Museen oder Kulturinstitutionen den Rotstift anzusetzen, würde er gewiss heftigen Gegenwind zu spüren bekommen. Ob er sich dem aussetzen will, um die Sammlung Falckenberg an die Deichtorhallen anzubinden, was dauerhaft wohl vor allem als Karin von Welcks Verdienst angesehen würde, ist eher fraglich. Dass er sich weiteren Sparbemühungen nicht von vornherein entziehen kann, machte Stuth bereits klar.

Wenn er hier glücklich agiert und eine tragfähige Balance zwischen Standhaftigkeit und Kompromissbereitschaft findet, würde er all jene eines Besseren belehren, die ihn jetzt als Notlösung betrachten. Die Erwartungen an Reinhard Stuth sind gering, vielleicht besteht gerade darin seine Chance.