Tod am Jungfernstieg

Polizei führte Elias schon sieben Monate als Intensivtäter

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Die Senatsantwort auf eine Anfrage der Abgeordneten Carola Veit und Andreas Dressel (beide SPD) offenbart schwere Versäumnisse.

Hamburg. Bislang haben sich die Strafverfolgungsbehörden im Fall des Messerstechers Elias A., 16, stets schnelles und richtiges Verhalten attestiert. Die Senatsantwort auf eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Carola Veit und Andreas Dressel zeigt jetzt, dass mehrere Monate zwischen der polizeilichen Einstufung als Intensivtäter und dem ersten umfassenden Datenaustausch zwischen den Behörden vergingen. Elias A. hatte grundlos den 19-jährigen Mel D. am Bahnhof Jungfernstieg erstochen.


+++ Fall Elias: Auch seine Brüder sind Intensivtäter +++

Exakt seit dem 11. August 2009 behandelte die Polizei Elias A., Schulschwänzer, Schläger und Mitglied der Gang "Neustädter Jungs", als Sonderfall - als einen Jugendlichen nämlich, für den es Gewohnheit geworden ist, Straftaten zu begehen. Beamte nahmen sich Elias A. und dessen Eltern in einer "Gefährderansprache" zur Brust.

+++ SO KRIMINELL IST IHR STADTTEIL +++

Trotzdem dauerte es bis Januar, ehe die Staatsanwaltschaft Elias A. in das "Protäkt"-Programm für entsprechende Jugendliche aufnahm, und gar bis März 2010, bis erstmals in einer Fallkonferenz sämtliche Behördenerkenntnisse über den schwer kriminellen Jungen zusammengetragen wurden.

Viel zu lange, findet SPD-Jugendexpertin Carola Veit: "Elias befand sich in Obhut des Familieninterventionsteams der Sozialbehörde. Offensichtlich hat die Kommunikation des FIT mit den anderen Behörden nicht funktioniert."

Das sich in der Fallkonferenz ergebende Bild und die Tatsache, dass der hochaggressive Jugendliche ein ihm angebotenes Anti-Aggressionstraining abgelehnt hatte, führten in der Folge zu einer laut Dressel weiteren völlig unzureichenden Reaktion: Das Jugendgericht wurde freundlich gebeten, den nach einer gefährlichen Körperverletzung und einer versuchten räuberischen Erpressung ausstehenden Prozess "möglichst zeitnah" anzusetzen.

Die Senatsantwort wirft auch ein Schlaglicht auf die Schulzeit des Elias A. Wegen mehrerer tätlicher Angriffe wurde er immer wieder ermahnt. Wiederholt wurde er vom Unterricht ausgeschlossen - was ihn wohl kaum beeindruckt haben dürfte. Schon als Grundschüler wurde A. mit pädagogischen Programmen und Einzelförderstunden unterstützt. Später scherten der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) und das FIT ein.

Nach seinem Hauptschulabschluss absolvierte A. ein Praktikum in einem Restaurant. Dort sollte er eine Lehre anfangen. Die Schule, die er weiter besuchte, um möglicherweise noch einen Realschulabschluss zu machen, stellte ihn dafür vom Unterricht frei. Doch Elias A. brach das Praktikum ab. Die Lehre kam nicht zustande. Die Gesamtschau der gescheiterten Maßnahmen lässt laut Dressel nur einen Schluss zu: "Das Senatskonzept gegen Jugendgewalt hat erkennbar nicht gegriffen. Hier tun sich Abgründe auf, die nicht ohne Konsequenzen bleiben dürfen."