Hamburg. Ksenija Bekeris weitet das Lesetraining für Schüler aus. Welche Schwerpunkte sie in Schulen setzen will und was sie sehr ernst nimmt.

Seit zehn Wochen ist die Berufsschullehrerin und Soziologin Ksenija Bekeris (SPD) als Schulsenatorin im Amt. Die langjährige Bürgerschaftsabgeordnete leitet Hamburgs personalstärkste Behörde, die mit rund 28.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen rund 22.000 Lehrkräfte sind, der mit Abstand größte Arbeitgeber in der Stadt ist. Die Behörde für Schule und Berufsbildung verfügt über einen Haushalt von rund 3,3 Milliarden Euro im laufenden Jahr und ist Deutschlands größter Schulträger mit 342 staatlichen Schulen in direkter Trägerschaft. Die 45 Jahre alte Sozialdemokratin gibt zum ersten Mal im Rahmen eines Interviews Auskunft über ihre Pläne und Schwerpunkte als Schulsenatorin. Bekeris will das tägliche Lesetraining in den Schulen ausbauen, eine engere Zusammenarbeit von Kitas und Schulen schaffen und ein Gesundheitsprojekt für Lehrkräfte starten.

Abendblatt: Die Märzferien gehen gerade zu Ende, sie lagen in diesem Jahr ungewöhnlich spät. Von Hamburgs Zweiter Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) kommt der Vorschlag, sie künftig auf eine Woche zu verkürzen und dafür längere Maiferien zu gewähren, damit auch diejenigen, die sich keinen teuren Skiurlaub leisten können, angesichts des wärmeren Wetters erschwingliche Reiseziele finden. Was halten Sie von der Idee?

Ksenija Bekeris: Ich finde, dass das eine Diskussion ist, die man in den demokratisch gewählten Gremien, also mit Lehrkräften, Eltern, Schülerinnen und Schülern durchaus noch mal führen sollte. Allerdings sind die Ferienzeiten bis zum Jahr 2030 mit den anderen Bundesländern abgestimmt. Ich habe mich als Lehrerin immer sehr auf die Märzferien gefreut, weil das tatsächlich das erste Durchatmen nach einer langen Strecke war. Tatsächlich ist die Zeit von den Weihnachtsferien bis zu den Märzferien die längste Phase der Unterrichtszeit, egal, ob die Ferien spät sind oder früher. Das muss man mitbedenken, gerade auch bei Grundschülerinnen und -schülern.

Seit rund einem Jahrzehnt steigen die Schülerzahlen in Hamburg deutlich an, zuletzt um zwischen 6000 und 7000 innerhalb eines Jahres. „Wenn der Schülerzuwachs noch ein Jahr so weitergeht, dann haben wir ein echtes Problem“, hat Ihr Vorgänger Ties Rabe vor einem Jahr gesagt. Wie kann es gelingen, weiterhin ausreichend Lehrer zu finden für die steigende Zahl von Schülern?

Erst einmal ist es wichtig, dass wir alle Plätze im Lehramts-Referendariat besetzen konnten. Das sind jetzt auf anderthalb Jahre gesehen 1350 Nachwuchslehrkräfte, die wir ausbilden. Und wir haben auch wieder rund 1000 neue Lehrkräfte eingestellt, um die Qualitätsstandards, die wir haben, auch halten zu können, beispielsweise die kleineren Klassen. Das ist gelungen, weil wir unter anderem die Möglichkeit geschaffen haben, auch als Quereinsteiger das Referendariat zu beginnen, also nicht direkt über das Lehramtsstudium. Außerdem muss es darum gehen – und da sind wir mit der Wissenschaftsbehörde im Gespräch – die Quote der Studienabbrecher im Lehramtsstudium zu senken. Was erfreulich ist: Wir haben Hinweise darauf, dass die Uni sehr gute Zahlen bei den Studienanfängern im Lehramt hat. Im Unterschied zum Beispiel zu Bayern, wo die Zahl der Studienanfänger stark rückläufig ist, ist das in Hamburg eindeutig nicht der Fall.

Auch andere Länder suchen händeringend Lehrkräfte, aber in keinem Land ist der Anstieg der Schülerzahlen so hoch wie in Hamburg. Die Frage ist: Werden die bisherigen Anstrengungen reichen, um dem Schülerwachstum der kommenden Jahre zu begegnen?

Wir werden mit sehr viel Anstrengung an den einzelnen Punkten weiterarbeiten. Mir ist aber auch wichtig, auf diejenigen zu schauen, die bereits im Schuldienst sind. Es muss darum gehen, dass wir es schaffen, dass die Lehrkräfte möglichst gut und lange im Schuldienst bleiben. Wir werden in Kürze ein Gesundheitsprojekt für Lehrkräfte starten: Wie komme ich gesund durch den Beruf - angefangen beim Referendariat über das gesamte Berufsleben. Wir nehmen es sehr ernst, wenn Lehrkräfte uns berichten, dass für sie die völlig veränderte und schwierigere Schülerschaft eine große Herausforderung ist. Wenn die Arbeitsbedingungen als attraktiv wahrgenommen werden, kann das die Zahl der Frühpensionierungen senken ebenso wie den hohen Anteil an Teilzeitkräften. Das kann den Druck aus der Gewinnung von Nachwuchslehrkräften mindern. Das demnächst startende Projekt zur Personalgesundheit zielt darauf ab, bestehende Maßnahmen zu verbessern, neue zu entwickeln, und Best-Practice-Beispiele der Gesundheitsförderung auf andere Schulen zu übertragen.

Der Lehrkräfte-Nachwuchs leidet bereits unter Stress: Jeder fünfte Referendar fühlt sich laut einer Untersuchung des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) gesundheitlich „stark beeinträchtigt“.
Der Lehrkräfte-Nachwuchs leidet bereits unter Stress: Jeder fünfte Referendar fühlt sich laut einer Untersuchung des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) gesundheitlich „stark beeinträchtigt“. © picture alliance / imageBROKER | Michael Weber

Noch einmal zum Thema Gewinnung von Nachwuchskräften und Lehrermangel. Ist für Sie eine Abkehr von dem starren Prinzip des Zwei-Fach-Lehrers vorstellbar? Kann zur Lösung der Probleme beitragen, Hochschulabsolventen mit einem Magisterabschluss in nur einem Fach pädagogisch zusätzlich zu qualifizieren, um sie in den Schuldienst zu bringen?

Die Kultusministerkonferenz hat gerade beschlossen, dass es künftig auch den sogenannten Ein-Fach-Lehrer geben wird. Wir haben das unterstützt. Dagegen gab es durchaus Widerstände von einigen Ländern, und zwar gerade von Ländern, die eigentlich einen großen Bedarf für Lehrkräfte anmelden. In Hamburg werden wir das jetzt umsetzen. Das ist auch sehr interessant für Lehrkräfte aus dem Ausland, die häufig nur ein Fach unterrichtet haben.

Was ist der zentrale Vorzug des Ein-Fach-Lehrers?

Es erhöht die Bandbreite derjenigen, die wir für den Lehrerberuf gewinnen können. Das gilt gerade auch für die Mangelfächer, etwa Musik und die anderen künstlerischen Fächer, aber auch Mathematik, Physik oder Informatik.

Das Personal ist das eine, die Räumlichkeiten sind das andere. Wird es an den Schulen jetzt auch trotz des ambitionierten Schulbauprogramms eng? Müssen Schüler und Schülerinnen wieder vermehrt in Containern unterrichtet werden?

Wir sind im Moment gerade in der Phase, dass den Schülerinnen und Schülern nach den Anmelderunden die Schulen zugewiesen werden. Wenn das geschehen ist, wissen wir genau, wie viele Räume wir an welchem Standort brauchen. Es geht zum Beispiel darum, ob es möglich ist, in Abstimmung mit den Schulen bei Bedarf mehr Parallelklassen einzurichten. Das Hamburger Klassenhaus in Modulbauweise ist eine schnellere Alternative dazu, aufwendig Schulbauten komplett neu zu entwickeln. Auch weil es im Laufe der Jahre je nach Schulstandort starke Schwankungen im Anmeldeverhalten der Eltern gibt: Mir ist es wichtig, dass wir weiterhin den Elternwillen sehr stark stellen. Ich glaube, dass das für die Akzeptanz des Schulsystems und auch für die Zufriedenheit von Schülerinnen und Schülern und ihrer Eltern wichtig ist. Staatsrat Rainer Schulz hat in einer Schulausschusssitzung gesagt, die Schulen platzen noch nicht aus allen Nähten, also haben wir die Kapazitäten noch.

Die Frage ist ja, ob das mit Blick auf die Zukunft reichen wird.

Nach den jetzigen Prognosen werden wir von 2030 an abschmelzende Schülerzahlen haben. Deswegen müssen wir auch sehr aufpassen, dass wir jetzt nicht zu viel dauerhaft bauen, was wir später nicht mehr brauchen.

Noch mal gefragt: Bedeutet das, dass in den kommenden Jahren vermehrt Container aufgestellt werden müssen?

Die Frage ist im Grunde zu früh gestellt. Wir können sie erst seriös beantworten, wenn wir die endgültige Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die Schulen für das nächste Schuljahr kennen. Mobile Klassenzimmer sind oft eine gute temporäre Lösung, die trotzdem nur dann gewählt wird, wenn es keine anderen Lösungen gibt.

Ein weiteres Thema: die veränderte Struktur der Schülerschaft. Vor zehn Jahren waren ungefähr 25 Prozent der Kinder in den Schulen aus bildungsfernen Familien mit entsprechenden Problemen auch im Unterricht im Schulverlauf. Jetzt sind es in Deutschland insgesamt mehr als 40 Prozent. Wie muss die Schulpolitik, wie müssen Sie darauf reagieren?

Ich finde die Zahl fast noch ein bisschen wichtiger, in wie viel Haushalten kein Deutsch gesprochen wird. Das sind im aktuellen Schuljahr 33,8 Prozent, mit jährlich steigender Tendenz. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns weiterhin darauf konzentrieren, die Basiskompetenzen Lesen, Sprechen, Verstehen und Rechnen zu stärken. Die Erhöhung der Stundenzahl in diesen Bereichen war richtig. Eine Erfolgsgeschichte ist das Lesetraining, bei dem jede Grundschulklasse jeden Tag 20 Minuten gemeinsam liest.

Inwieweit eine Erfolgsgeschichte?

Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass alle Schülerinnen und Schüler einen Lernzuwachs verzeichnen, dass sich aber die Schere zwischen den Kindern, die vom Bildungskontext her benachteiligt sind, und jenen, die es nicht sind, ein Stück weit geschlossen hat. Mit anderen Worten: Der Abstand zwischen beiden Gruppen in den Leseleistungen ist geringer geworden. Deswegen werden wir das Lesetraining, das bisher in den Klassen eins bis vier verpflichtend ist, auf freiwilliger Basis auf die Klassen fünf und sechs ausweiten. Ich hoffe sehr, dass sich beim Lesetraining an den Stadtteilschulen immer mehr und am Ende alle Standorte beteiligen, wenn erst mal einige Schulen anfangen.

Schon jetzt lesen Schülerinnen und Schüler an den Hamburger Grundschulen jeden Tag 20 Minuten gemeinsam. Ksenija Bekeris will das Lesetraining auf freiwilliger Basis auf die Klassen fünf und sechs ausdehnen.
Schon jetzt lesen Schülerinnen und Schüler an den Hamburger Grundschulen jeden Tag 20 Minuten gemeinsam. Ksenija Bekeris will das Lesetraining auf freiwilliger Basis auf die Klassen fünf und sechs ausdehnen. © contrastwerkstatt - stock.adobe.com | stock.adobe.com

Obwohl in Hamburg bereits die Viereinhalbjährigen etwa im Hinblick auf die Sprachentwicklung seit vielen Jahren untersucht werden und bei Defiziten vor dem Schuleintritt gefördert werden, ist der Anteil derjenigen, die am Ende der vierten Klasse die Mindeststandards nicht erreichen, unverändert hoch. Muss das Bildungssystem an der Nahtstelle Kita/Schule verändert werden? Muss die frühkindliche Bildung in den Kitas stärker verankert werden?

Hamburg ist Vorreiter mit der Viereinhalbjährigen-Untersuchung. Faktisch ist die Schulpflicht vorgezogen, indem die Kinder entweder in der Schule in die Sprachförderung gehen müssen oder in der Kita, wenn die Kita das anbietet. Aber es geht nicht nur um den Spracherwerb. 40 Prozent der Kinder erleben den Übergang von der Kita in die Schule als einen problematischen Wechsel, der nicht nur stressig ist, sondern tatsächlich sehr, sehr konflikthaft. Deshalb ist es wichtig, dass Kita und Schule noch enger zusammenarbeiten. Das Landesinstitut für Lehrerbildung bietet Fortbildungen jetzt auch für Erzieherinnen und Erzieher an. Beide Systeme begegnen sich dort und tauschen sich aus.

Wie kann der Übergang von der Kita in die Schule besser gelingen?

Das zentrale Stichwort lautet Begegnung: Die Kita-Kinder müssen in die Schule kommen und das künftige Umfeld so kennenlernen. Und umgekehrt sollten Lehrkräfte in die Kitas gehen, um mögliche Distanz und Ängste abzubauen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir es schaffen, dass die Daten, die sowohl Kita als auch Schule über die Entwicklung der Kinder erheben, auch ausgetauscht werden. Bislang gibt es datenschutzrechtliche Probleme. Es wäre gut, wenn die Grundschulen nicht bei null anfangen müssten, sondern über die vorschulische Entwicklung der Kinder schon etwas wüssten und das positiv berücksichtigen könnten.

Was halten sie von der Idee der Bildungshäuser, also Kita und Grundschule unter einem Dach?

Was wir jetzt schon haben, sind Kitas auf Schulgrundstücken, wodurch schon einmal eine räumliche Nähe entsteht. Unser Ziel ist, mindestens 50 Kitas auf Schulgrundstücken zu bauen, sogar auf insgesamt 70 Schulgeländen wäre Platz für ein solches Modell. Ich habe als Berufsschullehrerin Erzieherinnen und Erzieher sowie sozialpädagogische Assistentinnen und Assistenten ausgebildet und kenne die Thematik daher genau. Wir müssen uns das letzte Vorschuljahr noch mal genauer anschauen. Ich bin aber skeptisch, was eine vollständige Eingliederung von Kitas in den Schulbetrieb angeht.

Sollte oder muss vielleicht sogar der schulische Nachmittag stärker als bisher zum Lernen und Wiederholen genutzt werden?

Es ist wichtig, auf den Ganztag zu schauen, aber wir sollten die Nachmittagsangebote nicht zu sehr verschulen. Mit 105 Wochenstunden von der ersten bis zur vierten Klasse sind die Grundschulen unterrichtlich schon gut ausgelastet. Aber der Ganztag ist definitiv eine weitere Möglichkeit, Kinder besonders zu unterstützen und zu fördern. Hier sollten spielerische Angebote besser als bisher auch lernförderlich genutzt werden.

Sollte der Ganztag verpflichtend sein?

Mit einer Anmeldequote von 89 Prozent bei den Grundschulkindern bin ich schon sehr zufrieden – zumal wir da bundesweit wirklich Vorreiter sind. Ich freue mich über jede Schülerin und jeden Schüler, die oder der am Nachmittagsangebot und auch an der Ferienbetreuung teilnimmt. Auf Verpflichtungen aber reagieren viele Eltern sehr zurückhaltend.

Als Schulsenator hat Ihr Vorgänger Ties Rabe nicht nur das Fördern von Schülerinnen und Schülern - sondern in einem für einen Sozialdemokraten ungewöhnlichem Maß - auch das Fordern in den Mittelpunkt gestellt. Werden Sie das so fortsetzen?

Ties Rabe und ich sind von der Persönlichkeit her sehr unterschiedlich, aber wir verfolgen in dieser Hinsicht letztlich dasselbe Ziel. Schülerinnen und Schüler wollen Leistung zeigen, jeder von uns hat dieses Bedürfnis. Das zeigen sie mit jeder Frage, die sie im Unterricht stellen, mit jeder Herausforderung, die sie meistern. Wir wollen guten Unterricht machen, da bin ich mit Ties Rabe absolut einig. Wir müssen dafür sorgen, dass gerade bei den Basiskompetenzen, also in Mathematik und Deutsch, methodisch-didaktisch guter und auch fordernder Unterricht erteilt wird. Das bedeutet, dass ich die einzelnen Schülerinnen und Schüler immer wieder fordere, ein Stück weiterzukommen.

Ties Rabe (SPD) trat Mitte Januar aus gesundheitlichen Gründen vom Amt des Schulsenators zurück, das er fast 13 Jahre innehatte.
Ties Rabe (SPD) trat Mitte Januar aus gesundheitlichen Gründen vom Amt des Schulsenators zurück, das er fast 13 Jahre innehatte. © FUNKE Foto Services | Roland Magunia

Guter Unterricht ist erst mal ein Anspruch eher an die Lehrkräfte. Ties Rabe sprach einmal von der „oft verspielten, manchmal sogar laxen Lernkultur“, mit der die Probleme nicht zu lösen seien. Teilen Sie diese Sichtweise?

Die meisten Schülerinnen und Schüler bringen eine Leistungsbereitschaft schon mit. Unterricht kann aus meiner Sicht auch an außerschulischen Lernorten stattfinden, wenn das von der Sache her sinnvoll ist. Es kann aber nicht sein, dass man an außerschulische Lernorte geht und dann mal schaut, was für ein Unterricht dort dabei herauskommt. Und, das ist mir wichtig: Guter Unterricht hat stattzufinden.

Stichwort Unterrichtsausfall. Gerade in letzter Zeit ist aber viel Unterricht an Hamburgs Schulen ausgefallen. Das lag teilweise an Krankheitswellen. Aber Unterricht gilt ja sogar als erteilt, wenn Lerngruppen zusammengelegt werden oder Schulkinder Aufgaben mit nach Hause bekommen. Das verschleiert ein wenig das wirkliche Ausmaß des Unterrichtsausfalls.

Bei Krankheitswellen müssen die Schulen zusammen mit der Schulaufsicht schauen, wie Unterricht sinnvoll vertreten werden kann. Wenn 1,6 Prozent des Unterrichts ausfallen bei einer Krankenquote bei Lehrkräften von durchschnittlich rund acht Prozent, zeigt dies, dass vielerorts gute Lösungen gefunden worden sind. An einer Grundschule kann Unterricht nicht einfach ausfallen, da werden dann auch mal Lerngruppen zusammengelegt. Das finde ich in Ordnung. Bei älteren Schülerinnen und Schülern kann ein Arbeitsauftrag erteilt werden, sie sollen ja lernen, sich Sachverhalte selbstständig zu erarbeiten.

An manchen Schulen heißt es pauschal, in der Oberstufe wird Unterricht nicht vertreten.

In der Tat ist für die Oberstufe ein Arbeitsauftrag sinnvoller, wenn für einen fachlich sehr spezialisierten und anspruchsvollen Unterricht keine adäquate Vertretung zur Verfügung steht. Allerdings sind wir gerade dabei, die Richtlinie zur Unterrichtsvertretung zu überarbeiten und mit allen Akteuren zu besprechen. Die alte Richtlinie stammt von 1998. Ich finde, es muss eine gute Handreichung geben, die die unterschiedlichen Herausforderungen abdeckt. Da geht es darum, wie man das in den unterschiedlichen Stufen regelt und wie Unterricht vertreten wird. Hamburg ist eins der wenigen Bundesländer, das den Schulen erhebliche Vertretungsreserven zur Verfügung stellt. Die neue Vertretungsrichtlinie soll zum neuen Schuljahr im Sommer in Kraft treten, das ist jedenfalls der Plan.

Verbinden Sie mit der neuen Richtlinie auch das Ziel, dass weniger Unterricht ausfällt?

Es muss immer das Ziel sein, dass möglichst wenig Unterricht ausfällt.

Ein wichtiges schulpolitisches Thema: Wollen Sie den 2025 auslaufenden sogenannten Schulfrieden – also die parteiübergreifende Vereinbarung, die Schulstruktur nicht anzutasten - verlängern?

Der Schulfrieden hat sich sehr positiv auf die Entwicklung von Schule und die Schulqualität ausgewirkt. Ich würde mich freuen, wenn wir im politischen Raum darüber ins Gespräch kämen, diesen fortzuführen, und werde dies bei den anderen Parteien ansprechen.

Eine Volksinitiative möchte die Schulzeit am Gymnasium bis zum Abitur wieder von acht auf neun Jahre erhöhen. Was halten sie davon?

Wir haben die Initiative jetzt im Schulausschuss der Bürgerschaft angehört und seitens der Behörde dargestellt, welche Auswirkung der konkrete Gesetzentwurf tatsächlich hätte. Ich befürchte eine Überforderung des Systems, ja sogar Chaos. Deshalb lehne ich diesen Gesetzentwurf ab.

Was halten Sie von dem Argument, dass Hamburg mit G8 zur Insel werden könnte, weil immer mehr Länder zu G9 zurückkehren?

Ich nehme die Sorgen der Eltern ernst. Aber Hamburg hat eine andere und zudem seit mehr als zehn Jahren etablierte Schulstruktur. Wir bieten an den Stadtteilschulen sehr breit die Möglichkeit, das Abitur nach neun Jahren zu machen. Es ist gut, dass die Schülerinnen und Schüler zwischen diesem Angebot und dem achtjährigen Gymnasium wählen können. Die nahezu gleich hohen Anmeldezahlen für beide Schulformen zeigen die hohe Akzeptanz bei Hamburgs Eltern. Das sollten wir nicht auf Spiel setzen.

Ein anderes Thema: Hamburg ist bei der Unterbringung von Flüchtlingen derzeit am Limit, denkt über die Nutzung von Parks und leer stehenden Privatgebäuden nach. Können sie eigentlich ausschließen, dass auch Sporthallen belegt werden?

Wir haben das klare Ziel, keine Turnhallen zu belegen, aber ich würde mich nicht perspektivisch darauf festlegen, dass das gar keine Option ist. Wir als Schulbehörde bemühen uns sehr, schulische Liegenschaften, die im Moment nicht genutzt werden, zur Unterbringung zur Verfügung zu stellen, um das zu verhindern. Für Schulen ist es wichtig, über Sporthallen verfügen zu können, ebenso wie es gesellschaftspolitisch wichtig ist, dass die Turnhallen auch den Sportvereinen zur Verfügung stehen. Deshalb ist es Ziel des Senats, dass wir keine Turnhallen für die Unterbringung von Flüchtlingen nutzen müssen.

Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) an ihrem Schreibtisch in der 16. Etage der Behörde für Schule und Berufsbildung an der Hamburger Straße.
Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) an ihrem Schreibtisch in der 16. Etage der Behörde für Schule und Berufsbildung an der Hamburger Straße. © FUNKE Foto Services | Michael Rauhe

Was ist Ihnen als Schulsenatorin persönlich besonders wichtig? Wo werden die Schwerpunkte ihrer Tätigkeit oder Amtsausübung legen?

Das Thema Chancengerechtigkeit liegt mir besonders am Herzen, das rührt auch aus meiner politischen Biografie. Als Sozialpolitikerin im Amt der Schulsenatorin lege ich einen besonderen Fokus auf die Unterstützung von Schülerinnen und Schülern aus belasteten Elternhäusern. Es ist mir wichtig, dass sie auf ihrem Weg durch das Schulsystem gut begleitet werden. Ein zweiter Schwerpunkt liegt für mich auf der Demokratiebildung. Es ist gerade jetzt wichtig zu lernen, dass es sich lohnt, für unsere Demokratie auf die Straße zu gehen. Dritter Punkt ist der Übergang von der Kita in die Schule, eine entscheidende Schnittstelle für den weiteren Lebensweg.

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Zur Chancengerechtigkeit soll auch das Bundesprogramm Startchancen beitragen, das sie von ihrem Vorgänger praktisch „geerbt“ haben.

Mit dem Programm Startchancen geben wir dem Thema Chancengerechtigkeit noch einmal einen ganz neuen Stellenwert. Mit den 21,5 Millionen, die uns über zehn Jahre jährlich in Hamburg zusätzlich dafür zur Verfügung stehen, werden wir 80 bis 90 Schulen in besonders herausfordernder Lage unterstützen können. Baulich sind wir da schon gut aufgestellt, aber wir wollen den Unterricht verstärkt in multiprofessionellen Teams unterstützen. Es geht darum, die ganz unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen Schülerinnen und Schüler an die Schule kommen, so weit es geht auszugleichen. Jetzt wird es darum gehen, die Schulen nach Sozialindices auszusuchen und dann die Maßnahmen zu konkretisieren. Mir ist es wichtig, die Schulsozialarbeit noch einmal auszuweiten, das wird auch die Lehrkräfte entlasten.

Sie waren Berufsschullehrerin, kennen also den Schulbetrieb von innen. Was hat Sie als Senatorin im neuen Amt am meisten überrascht?

Ich habe diese Schulbehörde kennengelernt als unglaublich aufgeschlossenes Team mit großer Lust zu gestalten und vielen Ideen. Das wusste ich nicht von der Behörde, an den Schulen ist man da ein Stück weit weg.

Und wie ist die Zusammenarbeit im Senat?

An die eine oder andere Gepflogenheit muss ich mich noch gewöhnen, da geht es sehr förmlich zu. Aber es ist ein konstruktiver Austausch, wo man sich hin und wieder auch kritisch auseinandersetzt. Ich scheue keine Auseinandersetzung, und ich weiß, dass ich mich im Hinblick auf den großen Etat der Schulbehörde bei Finanzsenator Andreas Dressel werde durchsetzen müssen, damit wir die Qualität im Schulsystem, die uns so wichtig ist, aufrechterhalten können. Das Geld wird nur einmal verteilt. Aber das gelingt in einem guten Miteinander.