Meinung
Leitartikel

Reine Alibi-Veranstaltung

Foto: Michael Rauhe

Nur Strafen gegen Müll-Muffel bringen Hamburg weiter.

Kaffeesatz und alte Radios, Zeitungen und Marmeladengläser, Alufolie und Schuhe, Eierschalen und Plastikstühle: Das ist der ganz normale Inhalt eines Müllcontainers in Hamburg, Europas Umwelthauptstadt 2011. Für die meisten Hamburger sind diese Wegwerfartikel keine Rohstoffe, kompostierbare Bioabfälle oder recyclingfähige Wertstoffe - es ist Müll. Und solange der regelmäßig abgeholt wird, ist alles in bester Ordnung ...

Keine Frage: In Sachen Mülltrennung ist die sich so gern grün gebärdende Metropole Hamburg in den 70er-Jahren stecken geblieben. Während überall sonst in Deutschland gelbe, grüne, blaue und braune Tonnen vor dem Haus stehen, sind die Hamburger einsamer Spitzenreiter in der Produktion von Müll. Und angesichts der gerade mal 4500 Papier- und Biotonnen, die seit Jahresbeginn trotz breit angelegter Kampagne bei der Stadtreinigung bestellt wurden, wird sich daran auch so bald nichts ändern.

Dass die Hanseaten solche Recycling-Muffel sind, hat einen einfachen Grund: Die Stadt wollte es lange Zeit so. Wer mit Milliardenaufwand riesige Müllverbrennungsanlagen baut, muss dafür sorgen, dass es auch genug zu verbrennen gibt. So haben die wechselnden Senate jahrzehntelang Mülltrennung systematisch verhindert, um mit hohen Müllgebühren die teuren Verbrennungsanlagen zu finanzieren.

Die verpflichtende Einführung der bunten Tonnen zu Beginn dieses Jahres bleibt vorläufig eine Alibi-Veranstaltung. Es gibt nur geringe finanzielle Anreize für die Bürger, dafür reichlich Ausreden wie die Mär, dass es in den meisten Hamburger Häusern keinen Platz für die Tonnen gäbe. Und vor allem: Wer die neuen Tonnen ignoriert, muss mit keinen Sanktionen rechnen. So lässt sich Bequemlichkeit kaum überwinden.

Nein, wenn Umweltsenatorin Herlind Gundelach (CDU) die Vorschrift durchsetzen will, braucht sie schon mehr als Appelle an den guten Willen: nämlich Strafzahlungen.

Wer das ablehnt, der beantworte bitte folgende Frage: Wenn die Mineralölsteuer nie erhöht und die Grenzwerte für den Schadstoffausstoß von Autos nie eingeführt worden wären - mit welcher Art Autos würden wir heute wohl durch die Gegend fahren?