Adolphsens Einsichten

Glück ist mehr als eine Ware

Der ehemalige Hauptpastor Helge Adolphsen vor dem Michel.

Der ehemalige Hauptpastor Helge Adolphsen vor dem Michel.

Foto: Michael Rauhe

Die Zahl der Ratgeber-Bücher zum Thema Glück ist sprunghaft gestiegen. Doch die Literatur beschreibt und definiert Glück unterschiedlich.

Harburg.  Im immer noch jungen Jahr wünschen wir einander Glück. Wie zum Geburtstag oder zur Hochzeit. Und jede und jeder erwartet vom Glück das, was sie und er sich erhofft. Auch die Literatur beschreibt und definiert Glück unterschiedlich. Um darüber intensiver nachzudenken, habe ich ein gerade erschienenes Buch „Das Glücksdiktat – und wie es unser Leben beherrscht“ von Edgar Cabanas und Eva Ilouz gelesen. Es setzt sich kritisch mit der „boomenden Glücksindustrie“ auseinander. Zum Thema „Glück“ gab es vor dem Jahr 2000 gut 300 Bücher mit dem Wort „happiness“.

Wenn man heute im Netz danach sucht, ergibt das 10.000 Treffer! Die Zahl der Ratgeberliteratur über Glück ist sprunghaft gestiegen. Die Ratschläge klingen wie Patentrezepte für ein glückliches Leben. Gemeinsamer Tenor: Du kannst Glück lernen. Du hast die Wahl und bist selbst für alles verantwortlich. Alles liegt in dir. Mobilisiere deine inneren Stärken!

Die Autoren beschreiben das Glücksdiktat der „Glücksindustrie“ so: Alles hängt von deinem Verhalten ab: Reichtum und Erfolg, Karriere und Scheitern. Aber auch Gesundheit und Krankheit. Ich finde, dahinter steckt ein fatales Menschenbild! Demgegenüber betonen die Autoren dieses Buches: Wer versucht, das Glück aus eigenen Kräften erreichen zu können, gerät schnell an Grenzen.

Mancher fühlt sich einfach vom Leben betrogen

Der Berliner Witz illustriert das überzogene Vertrauen auf die inneren Kräfte treffend so: „Sagt einer zum andern: „Mensch, geh in dir!“ Antwortet der andere: „War ick schon. Is och nix los!“ Menschen, die vom Leben geschlagen oder betrogen sind, müssen das massenhaft propagierte Lebensziel, das Beste aus sich zu machen, als Vorwurf empfinden. Und ebenso den so oft zitierten Satz aus Goethes Faust: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Aber dieser Satz ist doch auch einfach nicht wahr: Wir können uns nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Die beiden Autoren kritisieren auch die Positive Psychologie da, wo sie rät, immer nur positiv zu denken und so das Beste aus sich zu machen. Das sei gefährlich, weil das zur Selfmade-Mentalität führen kann. Und auch zum ständigen Kampf um Aufstieg, Erfolg und Karriere. Im Gegensatz dazu hätten Menschen in früheren Zeiten verstanden, dass Glück eine Fügung des Schicksals ist. Glück im Sinn von Zufall, aber auch Glück im Sinn von besonders tiefen Erfahrungen fallen uns zu. Die können wir nicht machen, keinen Lottogewinn und auch nicht das wunderbare Verliebtsein mit dem Kribbeln im Bauch.

Erhebende Erfahrungen schwingen nach

Ein ständiges Glücksgefühl oder ein Glückserleben für immer gibt es nicht. Auch das wunderbare Staunen über einen fantastischen Sonnenuntergang oder ein farbenprächtiges Blumenbeet steht uns nicht auf Dauer zur Verfügung. Aber es gibt das Nachschwingen solcher erhebenden Erfahrungen und die anhaltende Erinnerung daran. Dauerhafte Glücksgefühle als isoliertes Ziel eigenen Strebens gibt es nicht.

Im Englischen gibt es die kluge Unterscheidung von „to be lucky“ (Glück haben) und „to be happy“ (glücklich sein). Letzteres meint die innere Zufriedenheit. Ich verweise auf die Menschen in ärmeren Ländern. Sie sind zwar arm. Aber sie leben oft glücklich, weil sie zufrieden sind mit dem, was sie haben. Um zufrieden zu sein müssen wir das Leben mit seinen Gegensätzen und Widersprüchen annehmen. Mit Lust und Schmerz, Freude und Unglück, mit Schönem und Schwerem.

Gegensätze gehören zusammen wie Tag und Nacht

Wer die Erfahrungen damit vermeiden will und nur von Harmonie und einem leichten Leben träumt, wird scheitern. Denn die Gegensätze gehören zusammen wie der Tag und die Nacht, Licht und Dunkelheit. Wer beides in sein Leben zu integrieren weiß, kann Lust und Freude wirklich fühlen. Nur so kann man verstehen, dass Schmerzen, eigene Brüche und Verluste ein Stachel, aber auch eine Chance sind, intensiver über das eigene Leben nachzudenken. Und nur so kann man zu ehrlicher Selbsterkenntnis gelangen. Der Dichter Hermann Hesse hat recht: „So lang du nach dem Glück jagst, bist du nicht reif zum Glücklichsein.“