Harburg
Adolphsens Einsichten

Impfen – Selbstbestimmung oder Bürgerpflicht?

Der emeritierte Hauptpastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt in Hamburg vor seinem alten Arbeitsplatz, dem Michel.

Der emeritierte Hauptpastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt in Hamburg vor seinem alten Arbeitsplatz, dem Michel.

Foto: Michael Rauhe

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor der Hamburger St.-Michaelis-Kirche (Michel). Alle zwei Wochen schreibt er seine Kolumne.

Meine Mutter hat nur widerwillig entschieden, dass wir sechs Kinder gegen Pocken und Masern geimpft wurden. Sie bestand nicht auf ihrem Selbstbestimmungsrecht. Bei ihr war es die Angst vor Nebenwirkungen. Um die medizinischen und juristischen Fachfragen kümmerte sie sich herzlich wenig. Hätte sie gewusst, dass jede Impfung juristisch als Körperverletzung gilt, hätte sie erst recht Impfungen abgelehnt. Mein Vater hat sich dann durchgesetzt. Was nicht so häufig geschah!

Die Debatte über Pro und Contra Impfpflicht geht weiter. Und in eine neue Runde, nachdem im März zwei Kinder im Kreis Hildesheim an Masern erkrankten und eine Erwachsene starb. Masern sind eine hochansteckende Krankheit und schienen bei uns ausgerottet zu sein. Die Zahl der Maserninfektionen ist weltweit aber um 30 Prozent gestiegen.

Impfmüdigkeit der Deutschen nimmt zu

Der agile Gesundheitsminister Jens Spahn hat daraufhin eine verpflichtende Masern-Schutzimpfung ins Spiel gebracht. Er geht sogar so weit, dass nicht geimpfte Kinder keine KiTa besuchen dürfen und Eltern von Schulkindern Bußgeld zahlen sollen. Dass Spahn so strikt argumentiert, liegt an der Impfmüdigkeit in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor großen Gesundheitsrisiken. Wissenschaftler fordern die Erhöhung der Impfquoten.

An dieser Stelle kommt ein gewichtiges ethisches Argument ins Spiel. Die Wissenschaftler betonen übereinstimmend, dass Impfen keine reine Privatangelegenheit ist. Masern seien eine äußerst gefährliche, ansteckende Infektionskrankheit, die sich durch eine Impfung vermeiden lässt. Und die hat keine nennenswerten Nebenerscheinungen. Es gehe nicht nur um den Schutz von Kindern und Erwachsenen, sondern um einen Gemeinschaftsschutz für alle.

Der ist aber nur gegeben, wenn 95 Prozent der Bevölkerung immunisiert sind. Ein wichtiges ethisches Argument dafür, dass jeder nicht nur an sich selbst denken und für seine Kinder entscheiden kann. Jede und jeder hat zugleich Verantwortung für andere und das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Das sollten sich besonders die zwei Prozent der erwachsenen Impfgegner sagen, die nur schwer mit Argumenten zu überzeugen sind. Zugespitzt sind das Egoisten, denen egal ist, ob andere Menschen durch ihre Ablehnung krank werden.

Ethikrat mischt sich in Diskussion ein

Der Deutsche Ethikrat mit seinen 26 hochkarätigen Wissenschaftlern unter Vorsitz des Theologen Prof. Dr. Peter Dabrock hat sich in die Debatte eingemischt – was seine Aufgabe ist. Einmütig lehnt er eine Impfpflicht ab. Denn gerade der Zwang zur Impfung berge die Gefahr, die Ablehnung in der Bevölkerung zu steigern. Dieser Mechanismus ist durch Erfahrungen belegt.

Dabrock: „Das Ziel mit der Brechstange erreichen zu wollen, wird nicht wirksam sein.“ Weiterhin lasse sich die Impfpflicht für Klein- und Schulkindern nicht rechtfertigen. Bei dieser Gruppe sei die Impfquote am höchsten. Eine Impfpflicht wird nur für das Personal im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen vorgeschlagen. Wer sich nicht impfen lasse, riskiere ein Beschäftigungsverbot.

Impfstatus der Kinder unbedingt kontrollieren

Die Argumente des Ethikrats sind keine alle bindende Verpflichtung. Aber er rät, den Impfstatus der Kinder zu kontrollieren. Betroffene Eltern sollten nachweisen müssen, dass ihre Kinder geimpft sind. Aber der Rat betont die moralische Verpflichtung zum Impfen. Jede und jeder sei mitverantwortlich auch für diejenigen, die sich nicht impfen lassen. Ein Argument, das dem Geist unserer demokratischen Verfassung entspricht.

Die Zahl der Erwachsenen, die nicht geimpft sind, ist sehr groß und damit auch das Risiko für sie selbst und für andere. Um die Lücken zu schließen, sollten gezielte Aufklärungs- und Impfkampagnen durchgeführt werden. Die Politik solle sich nicht auf die kleine Gruppe der Impfgegner konzentrieren, so der Humangenetiker Prof. Dr. Wolfram Henn. Die seien nur schwer umzustimmen.

Dass der Ethikrat es ernst meint, zeigt sich darin, dass er für Ärzte, die Fehlinformationen über die angeblichen Gefahren von Impfungen verbreiten, berufsrechtliche Sanktionen und Bestrafungen vorschlägt. Die Bundesregierung hat jetzt das Gesetz über eine Impfpflicht auf den Weg gebracht. Es bleibt spannend, ob es im Bundestag und –rat eine Mehrheit findet.

Und auch, ob Jens Spahn oder der Ethikrat sich mit ihren Argumenten durchsetzen: Wie bei allen wichtigen ethischen Fragen gibt es hier ein Dilemma, also keine eindeutige und vollständig befriedigende Lösung.