Harburg
Adolphsens Einsichten

Vertrauen ist gut – Misstrauen auch

 Ex-Michel-Pastor Helge Adolphsen hält auch Misstrauen für durchaus wichtig.

Ex-Michel-Pastor Helge Adolphsen hält auch Misstrauen für durchaus wichtig.

Foto: Klaus Bodig

Vertrauen ist ein anderes Wort für Glauben. Doch auch Misstrauen ist nicht in jedem Fall schlecht.

Es klingt merkwürdig, wenn ein Pastor behauptet, Misstrauen sei so gut wie Vertrauen. Der muss doch für Vertrauen werben! Tu ich auch. Denn Vertrauen ist ein anderes Wort für Glauben. Der Glaubende, gewinnt sein Vertrauen in das Leben durch das Vertrauen auf Gott. Dieses Grundvertrauen begründet sein Selbstbewusstsein. So versteht es die protestantische Kirche der Freiheit. Zur Freiheit, die aus dem Grundvertrauen wächst, gehört eine gehörige Portion Misstrauen. Im gesellschaftlichen Leben geht es nicht um Vertrauensseligkeit, sondern um engagierte und kritische Auseinandersetzungen und um wachsames und konstruktives Misstrauen.

Jemand hat klug gesagt, Misstrauen sei eine notwendige, sinnvolle und wertvolle Kulturtechnik. Zumal in einer Demokratie. Bezeichnenderweise wird Misstrauen in diktatorischen Systemen unterdrückt und verfolgt.

Ohne Misstrauen werden wir leicht hinters Licht geführt, manipuliert und belogen. Ich werde misstrauisch, wenn Politiker vor Wahlen Großes versprechen. Wahlgeschenke sind für mich teure Propaganda. Wenn eine Partei auffordert, nur ihr zu vertrauen, wenn sie dagegen anderen Parteien jede Glaubwürdigkeit abspricht, dann ist das unanständig. Mein Vertrauen hat sie dann verspielt.

Manipulationen und Mogelpackungen

Ich denke an die Betrügereien in der Wirtschaft, an die Abgasmanipulationen bei Dieselmotoren, an Lebensmittelskandale, Mogelpackungen und Korruptionsprozesse. Und ich denke auch an wortbrüchige Politiker, die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen,die ohne Skrupel sagen: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Ich denke an das, was da Juristen in Unternehmen geschickt ins Kleingedruckte von Verträgen schreiben. All dem begegne ich inzwischen mit erhöhter Skepsis.

Dazu sagt der bibelkundige Theologe: „Ein Lob auf die Misstrauischen, denn die haben oft genug die Wahrheit ans Licht gebracht.“Hoffentlich wächst auch die Zahl der Misstrauischen, die Google kritisch gegenüber stehen. Ich las, dass die Amerikaner Google und dem Internet mehr vertrauen als der Justiz und der Polizei. Dazu kann man natürlich sagen: Kein Wunder, denn ihr Präsident hat sie in kürzester Zeit ungezählte Male belogen und hinters Licht geführt.

Gesundes Misstrauen hilft gegen Kritiklosigkeit

So wächst nur ungesundes und unkritisches Vertrauen. Dagegen hilft nur gesundes Misstrauen. Vorsicht ist auch bei Meinungsumfragen im Gesundheitsbereich geboten, die angeblich wissenschaftlich begründet sind. Die sind zu oft interessengebunden: Dahinter stecken Firmen, die ihre Produkte für gesundes Essen oder eine gute Gesundheit anbieten. Und sich davon gesteigerten Umsatz versprechen.

Menschen, die krebsleidend im Endstadium sind, greifen manches Mal nach dem letzten Rettungsanker. Verständlich, weil sie verzweifelt sind. Sie wenden sich an Heilpraktiker oder Heilerinnen, die ihnen Heilungschancen versprechen. Für deren Behandlung geben sie Unsummen aus. Verständlich in ihrer Situation. Wären Sie gesund, wären sie kritischer. Den Ärzten vertrauen sie nicht mehr und von der Schulmedizin erwarten sie keine Hilfe. Was ein Rettungsanker sein sollte, war leider nur ein Strohhalm.

Unser Sohn schrieb an seiner Doktorarbeit über Krebs. Er sollte die bisherigen vier Arbeiter einer Studie zum selben Thema überprüfen, die vier andere Studenten vor ihm bei demselben Professor abgeliefert hatten. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass die vier manipuliert waren. Er rief mich nachts aufgeregt und ratlos an. Er war in einem Gewissenskonflikt. Mit dem Doktorvater sprechen? Dann hätte der ihm sein Thema weggenommen und seine viele Arbeit wäre umsonst gewesen. Er hat dann mit dem Chef verhandelt, beide haben eine Lösung gefunden.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Zur gleichen Zeit wurde ein Skandal an einem anderen Institut für Krebsforschung bekannt. Dort waren die Ergebnisse der Arbeiten ebenfalls gefälscht worden. Es ging um viel Geld für die Förderung eines scheinbar verheißungsvollen Projekts. Hier gilt der bekannte Satz Lenins: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber zu viel Misstrauen kann auch gefährlich werden.

Das ist der Fall, wenn Aberglauben und unwissenschaftliches Denken im Spiel ist. In den Ebolagebieten im Kongo werden Ärzte und Heiler bedroht. Die Menschen unterstellen ihnen, dass sie die tödliche Krankheit ins Land bringen. Gesundheitsaufklärung könnte neues Vertrauen schaffen.

Misstrauen und Aggressivität gehören nicht zusammen

Gefährlich wird es aber auch, wenn Misstrauen aggressiv geübt wird. Immer wieder sind Aufrufe zu lesen, dem Staat und der Regierung nicht zu vertrauen. Als zündende Argumente für Misstrauen werden einzelne Betrugsskandale, Justizirrtümer und zunehmende Überwachung ins Feld geführt. So zu verallgemeinern ist Gift für ein stabiles Vertrauen und ein konstruktives Miteinander.

In einer freiheitlich- demokratischen Gesellschaft ist Misstrauen auch ein produktiver Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung. Aber zugleich betone ich gut biblisch den hohen Wert des Vertrauens: „Werft euer Vertrauen nicht weg, es bringt großen Lohn mit sich.“ Ein gesundes Vertrauen braucht ein gesundes Misstrauen.