Harburg
„Adolphsens Einsichten“

Engel beflügeln unsere Hoffnung

Engel gibt es in vielen Kulturen und Religionen.

Engel gibt es in vielen Kulturen und Religionen.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Die Adventszeit beginnt. Und damit haben Engel Hochkonjunktur. Aber sie sind mehr als nur Glücksbringer.

Hamburg. Engel haben jetzt Hochkonjunktur. Sie beflügeln die Advents- und Weihnachtsmärkte. Die kleinen Himmelsboten blasen auf der Flöte oder singen im Chor. Sie halten Kerzen in ihren Händen, sie sind aus Ton oder Glas, aus Holz oder Bronze. Ein Engel aus dem Kloster Münsterschwarzach wird angeboten als „Handschmeichler-Bronzeengel“. Andere werden als Glücksbringer empfohlen. Es gibt einen Engelboom.

Im Internet finden sich unter „Engel“ mehr als vier Millionen Links. Der Benediktinerpater Anselm Grün aus Münsterschwarzach hat das Buch „50 Engel für das Jahr“ geschrieben. Mein Exemplar stammt von 1998. Es war damals die 26. Auflage, 2019 ist die 44. Auflage erschienen. Er ist Bestsellerautor spiritueller Bücher mit weltweit elf Millionen Werken.

Man mag diesen Engelboom als übertrieben abtun. Man kann aber auch glauben, dass Engel Boten Gottes sind, Mittler zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen. Damit sind sie auch Botschafter einer anderen und tiefen Wirklichkeit. So erscheinen sie in der alten Weihnachtsgeschichte. Dort verkünden die Engel Frieden für eine friedlose Welt.

Weihnachten ist kein Kinderfest

Weihnachten ist kein Kinderfest. In ihrer Botschaft wird die tiefste Hoffnung aller Menschen verkündet. Man kann den „Engelkult“ auch als Aberglauben bezeichnen und belächeln. Dagegen spricht, dass Studien zufolge zehn Prozent der Befragten angeben, dass sie Erfahrungen mit Engeln gemacht haben und fünfzig Prozent an Schutzengel glauben.

Offenbar gibt es einen großen Bedarf an Schutz und Halt in unseren verwirrenden Zeiten. Der spirituelle Hunger macht die Sehnsucht nach einer anderen Welt der Geborgenheit und Schönheit mitten in allem Hässlichen und Bösen stark. Engel beflügeln unsere Hoffnung, die kraftlos und flügellahm geworden ist. Wir brauchen Hoffnungsbilder, dass unser Leben nicht sinnlos und ziellos ist. Und wir nicht ins Leere laufen.

Engel gibt es in vielen Kulturen und Religionen als Boten des Himmels. Und als Vermittler eines guten und heilen Lebens. Sie stehen gegen Unheil und alles Unheilige, Böse und Zerstörerische. Sie verkünden uns Bilder und Träume von einem besseren und leichteren Leben. Sie behüten uns und stehen uns hilfreich oder wegweisend zur Seite. Das ist ihre tiefe und archetypische Bedeutung, sagt die Theologin und Psychoanalytikerin Ingrid Riedel.

Engel sind keine Problemlöser

Dass die Engel oft mit Flügeln dargestellt werden, weise darauf hin, dass sie zwischen Himmel und Erde hin- und herfliegen und so zwischen den harten Gegensätzen des Lebens und in den Abgründen der eigenen Seele vermitteln. So bringen sie uns in Kontakt mit starken und heilenden Kräften.

„Der Engel macht die Sehnsucht stark, die Welt geistig belebt zu sehen“, sagt Riedel. So werden sie zu Helfern, die uns bestärken, die einseitige und nur materielle Sicht vom Leben zu überwinden. Was sie Menschen vermitteln, übersteigt die materielle Ebene. Mit Ingrid Riedel betone ich, dass sie biblisch keine Problemlöser sind. Sie regeln nicht das, was wir selbst schaffen müssen. Sie handeln nicht selbstständig, sondern im Auftrag eines anderen. Sie wollen uns beschützen, aber sie nehmen uns unsere Hausaufgaben nicht ab.

Die Wege müssen wir selbst gehen

Wenn wir uns verlaufen haben, zeigen sie uns neue Wege. Aber diese Wege müssen wir selbst gehen. Wir können selber Engel sein – einer für den andern. Sie bringen uns die mutmachende Botschaft, dass uns etwas angetraut, aber auch zugetraut wird.

Ich habe so manche bewegende Erfahrung mit dem Handschmeichler-Engel gemacht. Von einer will ich erzählen: Vor der schweren Operation habe ich ihn einer Frau in die Hand gegeben mit den Worten. „Ich gebe Ihnen einen Engel mit.“ Nach der gelungenen Operation erzählte sie mir, dass sie den kleinen Engel ganz fest in ihrer Hand gehalten habe. Das habe sie beruhigt, besonders wenn die Schmerzen kaum noch auszuhalten waren.

Manchmal habe sie den Engel im Bett verloren. Das habe sie sehr beunruhigt. Sie musste ihn wiederfinden und erneut fest in die Hand nehmen. Dann war alles wieder gut. Wirklich alles!