Blankenese

Ein Schlüsselroman rechnet mit den Elbvororten ab

Franz Wauschkuhn sitzt am Dienstag (21.05.2019) vor dem Jenischhaus in Hamburg Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Franz Wauschkuhn sitzt am Dienstag (21.05.2019) vor dem Jenischhaus in Hamburg Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Franz Wauschkuhn beschreibt in „Max und Consorten“ bislang unbekannten Antisemitismus. Was das Buch noch lesenswert macht.

Hamburg. Franz Wauschkuhn ist ein bekannter Mann. Jahrzehntelang war er für verschiedene Zeitungen und Sender als Journalist im Einsatz, kannte als Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums Gott und die Welt, knüpfte Kontakte, die bis heute bestehen. In unzähligen Anekdoten kann er diese Jahre so lebendig machen, dass der Zuhörer glauben könnte, selbst dabei gewesen zu sein. Sein Wikipedia-Eintrag füllt etliche Zeilen – ein Journalist und Wirtschaftshistoriker, der viel gesagt und geschrieben hat und dem man immer noch gerne zuhört.

Doch Franz Wauschkuhn, freundlich-fröhlich und kommunikativ, trug jahrelang belastende Erinnerungen wie einen schweren Rucksack mit sich herum. Erinnerungen, von denen viele Weggefährten lange nichts wussten und die für manche heute immer noch überraschend sein dürften. Seine Mutter war nach der Diktion der Nazis eine Halbjüdin, die ihre Kinder nach Kriegsende im Hamburger Westen aufzog. Der Junge Franz, 1945 im Tabea Krankenhaus geboren, erlebte eine nach außen glückliche Kindheit. Beim Treffen im Jenischpark erzählt Wauschkuhn vergnügt von abenteuerlichen Spielen am Elbstrand und waghalsigen Bootspartien mitten durch den Hafen.

Elbvororte: Antisemitismus nach der NS-Zeit

Derartige Geschichten über jene Zeit hört man immer gerne in den Elbvororten, und sie werden auch laufend bereitwillig erzählt. Was oft weniger gut ankam und ankommt, sind solche Erinnerungen, die Franz Wauschkuhn jetzt in seinem Buch „Max und Consorten“ verarbeitet hat. Die Geschichte der Familie Coehn, die sich in der Nachkriegszeit an der Groß Flottbeker Straße durchschlägt, ist geprägt von bitteren Erlebnissen während der NS-Zeit, von latenten Revanche-Gefühlen und – das ist das Erstaunlichste – von einem immer noch starken Antisemitismus in den Jahren nach 1945.

Babette Coehn hat es satt, sich all das länger bieten zu lassen. Auf einer Föhr-Reise erkennt sie einen ihrer Verfolger wieder und beginnt ihren eigenen Krieg. Soweit die Handlung.

Es liegt auf der Hand, dass Franz Wauschkuhn, dessen Vater wenige Monate vor Kriegsende fiel, hier seine eigene Geschichte erzählt. Und doch definiert er das Buch als einen Schlüsselroman, dessen Protagonisten stellvertretend für viele andere stehen sollen, denen es ähnlich erging.

„Man erzähle mir nichts von der ach so ehrenwerten Gesellschaft der Nachkriegszeit“, sagt Wauschkuhn und sein freundliches Lächeln bekommt einen bitteren Zug. „Diese Gesellschaft habe ich gut gekannt.“ Schnell, sehr schnell, seien die gefallenen „Größen“ von einst wieder hochgekommen – dank großzügig ausgestellter Persilscheine und bester Verbindungen. Man war sich in vielem immer noch einig – und das gar nicht mal nur hinter vorgehaltener Hand. Weitermachen wie bisher und die Fassade wahren, so sei das damals gewesen.

Gestohlen, enteignet, geklaut

Und mancher lebte schnell wieder ziemlich komfortabel. Sachlich, fast vergnügt, berichtet Wauschkuhn von Spaziergängen mit seiner Mutter durch die piekfeine Parkstraße. „Dann hat sie immer nach links und rechts gezeigt und gesagt: ,Das Haus da war gestohlen, das war enteignet, das da hinten war geklaut‘.“

Nicht nur von Lehrern und einem Pastor, der ihn nicht taufen wollte, wurde der Junge schikaniert. Eine der berührendsten Episoden in dem Buch beschreibt das Ende der Freundschaft mit einem Mädchen, das Wauschkuhn noch heute als „meine große Liebe“ bezeichnet. Ihr wurde verboten, weiter mit dem „Judenbengel“ zu spielen.

Im persönlichen Gespräch nennt Wauschkuhn, lebhaft, scharfsinnig und ausgestattet mit einem exzellenten Gedächtnis, Namen und Adressen. In dem Buch fehlen sie. Denn das Werk sollte eben keine Abrechnung werden, sondern eine Befreiung. „Ich schildere die Dinge, wie sie waren“, sagt er kategorisch, „aber ich klage nicht an.“ Den Nachfahren seiner Widersacher von einst habe er nichts vorzuwerfen, „denn die haben davon kaum etwas erfahren, weil man ihnen ja nichts gesagt hat.“

Auf einen Punkt kommt Wauschkuhn, der mehrere wirtschaftshistorische Bücher geschrieben hat, immer wider zurück: die verbreitete Korruption unter den selbst ernannten Saubermännern. „Man braucht sich nur mal anzuschauen, wer in Hamburgs feinsten Kreisen nicht zum Wehrdienst eingezogen wurde“, sagt er süffisant, „da lässt sich Erstaunliches feststellen.“

Axel Springer dringt darauf, die Geschichte zu veröffentlichen

Der Verleger Axel Springer, dessen Mutter mit Franz Wauschkuhns Mutter befreundet war, hat die Geschichte der Familie gut gekannt und immer wieder darauf gedrungen, dass sie festgehalten werden müsse.

Schwer sei es ihm gefallen, über die Erlebnisse von damals zu schreiben, berichtet Wauschkuhn. Sechs Jahre hat er, eigentlich Profi des Wortes, an dem Buch gearbeitet. Wie der Griff in eine Tiefkühltruhe sei ihm die Arbeit vorgekommen: „Kaum hatte ich ein verschnürtes Paket herausgenommen, kam dahinter schon das nächste zum Vorschein.“

Nebenbei liefert „Max und Consorten“, dessen Handlung unter anderem in Nienstedten, Blankenese und am Falkenstein spielt, auch noch viele interessante Einblicke in das Leben in den einzelnen Stadtteilen nach 1945. Die Wohnungen rund um den Beselerplatz waren vollgestopft mit Ausgebombten und Vertriebenen, der Ziegeleiteich fungierte eine Art Waschplatz für alle. Eine Familienfeier auf dem Süllberg kommt vor, das Ausflugsziel Bahrenfelder See und das Rissener Krankenhaus. Gleich am Anfang gibt es eine Jagd auf zwei ausgebüxte Schweine von der Dürerstraße bis zum Bahnhof Othmarschen. Die Tiere heißen Adolf und Eva, was einige Anwohnerinnen keineswegs komisch finden.

Wauschkuhns Humor blitzt immer wieder durch

Szenen wie diese machen deutlich: Trotz allem durchzieht auch ein wilder, optimistischer Humor das Buch, offenkundig erwachsen aus dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Tragisches und Komisches geht ja oft Hand in Hand“, sagt Wauschkuhn, „manchmal ist das geradezu grotesk.“

Franz Wauschkuhn sitzt auf einer Bank neben dem Jenischhaus, abgeklärt und wohl auch erleichtert darüber, dass er sich so vieles von der Seele geschrieben hat. In Sichtweite hüpfen ein paar Kinder laut rufend durch Pfützen. Wauschkuhn winkt ihnen zu, nickt aufmunternd, wirkt auch etwas wehmütig.

Bedrückt es ihn manchmal, dass seine eigene Kindheit nicht so unbeschwert war? Wauschkuhn muss nicht lange überlegen. „Überhaupt nicht“, sagt er fest. „Eigentlich ging es mir gut, ich hatte auch viele glückliche Erlebnisse. Meine Mutter war eine starke Persönlichkeit, und die Familie hielt zusammen.“ Und weiter: „Wir wussten immer, wo unsere Feinde wohnten – aber eben auch, wo unsere Freunde standen.“