Elbvororte

Othmarschen – mehr als nur ein großbürgerlicher Stadtteil

Treffen neben der Tafel Nummer sechs – Teufelsbrück: Stefanie Wolpert (v. l.), Anke Rees, Kaja Steffens und Niklas Brüggemann.

Treffen neben der Tafel Nummer sechs – Teufelsbrück: Stefanie Wolpert (v. l.), Anke Rees, Kaja Steffens und Niklas Brüggemann.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Ein neuer Geschichts- und Kulturpfad zeigt: Die Gegend hat viel mehr Interessantes zu bieten, als manche meinen.

Hamburg.  Als klassische Villengegend gilt Othmarschen, und mancher mag die Geschichte des Stadtteils auch auf ein rundum großbürgerliches Bild reduzieren. Quirlig und abwechslungsreich – so scheint es in der Vergangenheit eher in Ottensen oder Blankenese zugegangen zu sein, während in dem oft zitierten „Nobel-Vorort“ über Jahrzehnte nicht nur die vielen Seen, die es dort einst gab, still vor sich hin ruhten.

Dass das keineswegs zutrifft, vermittelt der neue Geschichts- und Kulturpfad Othmarschen. Er macht deutlich, dass die scheinbar so ruhige Gegend eine oftmals bewegte Vergangenheit und eine abwechslungsreiche Kultur hat – und dass viele Weichenstellungen von einst den Alltag der Menschen dort noch heute prägen. Vom ehemaligen Bett des Bächleins Teufelsbek über das Kriegerdenkmal an der Ansorgestraße bis zur Baugeschichte der Reemtsma-Villa: Et­liche Spuren sind erhalten und machen das Nachspüren doppelt interessant.

Ausführliche Texte

Wer also mehr über Geschichte, Architektur, Kunst und Landschaft Othmarschens erfahren möchte, kann das jetzt an 15 Stationen tun, die – überall im Stadtteil verteilt – durch blaue Tafeln gekennzeichnet sind (siehe Beistück). Die ausführlichen Texte, geschrieben von Birgit Gewehr und Anke Rees, und die vielen Fotos und Karten heben den Pfad deutlich von ähnlich gelagerten Projekten ab. Zwar ist die Geschichte Othmarschens bereits in der ausgezeichneten Jubiläumsschrift zum 700. Geburtstag des Stadtteils (2017, herausgegeben vom Archiv des Bürgervereins Flottbek-Othmarschen) ausführlich dokumentiert, sodass es naturgemäß inhaltlich Überschneidungen gibt.

Doch der Pfad bietet jetzt zusätzlich noch die digitale Erschließung. Außerdem setzen die Autorinnen stellenweise andere Akzente, sind insgesamt auch politischer. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass der Pfad seinem Namen entsprechend viele Infos zu Kulturthemen wie Architektur und Literatur bietet und nicht im rein Historischen verharrt.

Pfad selbst hat lange Geschichte

Auch der Pfad selbst hat – von der Idee bis zur Umsetzung – eine relativ lange Geschichte. Die Idee geht auf den CDU-Bezirkspolitiker Niklas Brüggemann zurück. Als zugewählter Bürger im Kulturausschuss der Bezirksversammlung Altona entwarf Brüggemann den Kultur- und Geschichtspfad zusammen mit Mitarbeitern des Stadtteilarchivs Ottensen, außerdem sorgte er federführend für die politische Umsetzung. Der bezirkliche Kulturausschuss beschloss Anfang 2017 die Einrichtung und bewilligte dafür 42.000 Euro. Besonders engagiert unterstützten die kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Kaja Steffens, und die Vorsitzende des Kulturausschusses, Stefanie Wolpert (Grüne), das Projekt „Uns war es wichtig, mit einem Vorurteil aufzuräumen“, sagt Wolpert. „Denn Othmarschen war und ist eben nicht nur großbürgerlich.“

„Wir decken an einem Standort ,Otto Ernst und das Christianeum‘ ein breites Kultur-Spektrum ab“, sagt Niklas Brüggemann. In der Tat. Zahlreiche Zitate aus Ernsts Werken und Infos über den Architekten Arne Jacobsen machen diesen Stopp erfrischend lebendig. Kaja Steffens erläutert eine weitere Hoffnung, die die Initiatoren mit dem Pfad verbinden: „Er kann die Attraktivität Othmarschens als Ausflugsziel verbessern und auf diese Weise den Tourismus im Bezirk Altona fördern.“

„Dampfmarzipan“ und besondere Fluglinie

Mit jeder Station erfährt der Nutzer Wissenswertes über die Gegend. Die Ansorgestraße (einst: Ziethenstraße) war schon früher eine kleine Einkaufsmeile mit Läden und Handwerksbetrieben. In der Nähe lag am Hirtenweg der größte Teich Othmarschens, der dem Bau der
A 7 weichen musste. Für manchen verblüffend sein dürfte die Geschichte der „Dampfmarzipan“-Fabrik von L. C. Oetker am Friesenweg, und auch die Bedeutung der heute eher kurios anmutenden Wasserfluglinie Altona–Dresden ist sicherlich nicht überall bekannt.

Auch die jüngste Diskussion um den Namen Walderseestraße ist in die Texte mit eingeflossen, und die Station „Dorfkern, Kriegerdenkmal und Waldersee“ fasst noch einmal alles Kritische zu General Alfred Graf Waldersee zusammen. Aus Sicht von Kaja Steffens ist die zeitweise geforderte Umbenennung der Walderseestraße damit „vom Tisch“, denn eine Aufarbeitung sei nun über den Tafeltext erfolgt.

Die Geschichte geht immer weiter – und auch das ist ein Vorteil des Pfads. „Das Dynamische, das wir alle täglich erleben, kann er abbilden und auch laufend aktualisiert werden“, sagt Anke Rees.

Ein Vorschlag für eine Aktualisierung: Das Dichterzimmer von Otto Ernst wurde zwar, wie es im Infotext steht, dem Wunsch seiner Tochter entsprechend ins Christianeum integriert. Wie das Abendblatt kürzlich dokumentierte, ist der Raum aber mittlerweile wieder komplett ausgebaut, Möbel und Stilelemente längst eingelagert.