Hamburg

Der Weg vom unbeliebten Klotz zum Schmuckstück

Das Augustinum wurde zwischen 1991 und ’93 völlig neu errichtet.

Das Augustinum wurde zwischen 1991 und ’93 völlig neu errichtet.

Foto: FOTOS: Wortmann/Frahm

Der Bau des Augustinums in Neumühlen war eine architektonische Herausforderung. Vor 25 Jahren zogen die ersten Bewohner in das Gebäude.

Hamburg.  Seit Jahren wird in Hamburg kolportiert, das schicke Augustinum in Neumühlen sei ein umgebauter Industriebau. Das trutzige, fast unförmige Äußere mit der schlichten Fassade und der direkten Lage am Wasser scheint das zu bestätigen – die kleinen Fenster und das Fehlen von Balkonen und fast jeglichen Zierrats ebenso. Ältere Hamburger erinnern sich noch an das alte Union-Kühlhaus, das den Platz in Neumühlen einst dominiert hatte. Seine Hülle, so wird immer wieder erzählt, bildet heute die Außenhaut der Senioren-Wohnanlage.

Kühlhaus wurde trotz Denkmalschutz abgerissen

Wahr ist: Das Augustinum, dessen erste Bewohner vor genau 25 Jahren einzogen, steht an derselben Stelle wie das alte Kühlhaus, hat dessen Ausmaße und auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem äußeren Erscheinungsbild. Das Augustinum ist aber faktisch ein Neubau. Obwohl das Kühlhaus schon lange unter Denkmalschutz stand, durfte es 1994 nach einigem Hin und Her mit Billigung des Denkmalschutzamts abgerissen werden.

Das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) musste danach allerdings strenge Auflagen erfüllen, von denen die äußere Ähnlichkeit nur eine von vielen war. Diesen mühsamen Weg vom Klotz zum Schmuckstück zeigt eine Ausstellung, die jetzt im Augustinum zu sehen ist (siehe Beistück). Architekt Volkwin Marg erinnert sich noch heute gut an die besonderen Herausforderungen des Projekts. Marg zieht Bilanz mithilfe eines Gleichnisses: „Architektur ist eben die Kunst, in den Ketten der Sachzwänge kunstvoll zu tanzen.“

Die Geschichte des alten Kühlhauses im Rückblick: Die Grundsteinlegung war im Jahr 1926 im damals noch selbstständigen Altona erfolgt. Auftraggeber war die Firma Weddel und Co, die zu dem englischen Unternehmen Cold Storage Company Ltd. gehörte. Der genau 38,36 Meter hohe Klotz, den das Architekturbüro Schramm und Elingius (mit dem Architekten H. W. Müller) gründete und auf Pfählen baute, bot rund 7000 Qua­dratmeter Lagerfläche. Ungewöhnlich: Die zwölf Etagen waren unterschiedlich hoch. Schon kurz nach seiner Fertigstellung wurde das von der Union Kühlhaus GmbH betriebene, wuchtige Gebäude, als Industriedenkmal ausgewiesen. Zu den dort lagernden Gütern gehörten argentinisches Gefrierfleisch, gefrorene Butter, Eier und Fische. Das Kühlhaus war nicht nur eines der größten seiner Art in ganz Europa, sondern mit seiner Backsteinarchitektur und der expressionistisch gestalteten Traufkante mit Dreieckgiebeln ein ungewöhnliches Beispiel moderner Hafenbauten der 1920er-Jahre. Es markierte über Jahrzehnte den westlichen Abschluss des Altonaer Hafens, und galt den Besatzungen der ein- und auslaufenden Schiffe als Wahrzeichen.

Der Bau war nicht unumstritten

Der Bau war allerdings schon in den späten 1920er-Jahren nicht unumstritten, und Anwohner warfen den Architekten unter anderem „brutalen Funktionalismus“ vor.

Wie es in einem historischen Abriss des Stadtplaners Gerhard Dreier heißt, veränderte sich der Hafenrand bei Neumühlen nach dem Zweiten Weltkrieg immer stärker. Unter anderem führte die Umstellung der Fischanlandung von Schiffen und der Bahn auf Lkw-Transporte zur Stilllegung der Hafenbahn im Jahr 1993. Auch zahlreiche traditionelle Hafenfirmen stellten in den 1970er- und 80er-Jahren den Betrieb ein, sodass das alte Kühlhaus, das schon 1970 stillgelegt worden war, immer mehr zu einem Fremdkörper in seiner Umgebung wurde. Rund 20 Jahre lang stand das Kühlhaus weitgehend leer.

Zunächst sollte es zu einem Hotel umgebaut werden, doch schließlich bekam die Augustinum-Gruppe den Zuschlag. Wie Volkwin Marg rekonstruiert, erwiesen sich die Betonpfähle, auf denen das Gebäude errichtet worden war, als nicht mehr tragfähig. In einem Kompromiss einigten sich die neuen Nutzer mit dem Denkmalamt auf einen Wiederaufbau im historischen Stil. „Es gab also sozusagen Bestandsschutz für ein Gebäude über dessen Bestehen hinaus“, erläutert Marg. „Das habe ich in meinem Arbeitsleben nur einmal erlebt.“

Im März 1991 vernichtete ein Feuer große Teile des Inneren. Marg erinnert sich, dass die Bitumen-Kork-Isolierung wie Zunder gebrannt habe. Auf Fotos, die in der Brandnacht gemacht wurden, sieht das Gebäude wie eine gigantische Fackel aus.

Das Haus hat einen Rettungstunnel für Notfälle

Die heutige Fassade entspricht im Wesentlichen der des alten Kühlhauses – inklusive der hellen, horizontal verlaufenden Streifen und der Dreiecksgiebel. „Zutaten“, wie es Marg nennt, sind die Fenster, die Kuppel mit 24 Metern Durchmesser und ein Fahrstuhl an der Wasserseite. Was kaum jemand weiß: Für einen möglichen Katastrophenfall – zum Beispiel eine tagelang andauernde Sturmflut mit anhaltendem Orkan – musste ein unterirdischer Rettungstunnel zum gegenüber liegenden Haus angelegt werden. Von dort führt eine Rettungstreppe zum Donnerspark, der von der Elbchaussee aus angefahren werden kann. „Architektur ist keine freie Kunst, sondern immer fremdverantwortlich“, sagt Volkwin Marg.

Das Projekt Augustinum verdeutlicht das auf eindrucksvolle Weise.

Fotoausstellung

Anlässlich des Jubiläums „25 Jahre Augustinum“ präsentiert das Haus, Neumühlen 37, aktuell eine umfangreiche Fotoausstellung. Sie zeigt zum einen historische Aufnahmen des ehemaligen Union Kühlhauses. Zum anderen wird von dessen Abriss, über die Grundsteinlegung und den Neubau bis zur Eröffnung die wechselvolle Geschichte des Augustinums in einzelnen Kapiteln abgebildet.

Die Ausstellung ist auf den Empfang und den elften Stock (Foyer) verteilt. Sie ist noch bis zum 19. Juni zu sehen. Die Öffnungszeiten entsprechen den Öffnungszeiten des Restaurants: mittwochs, freitags, sonnabends und sonntags zwischen 15 und 18 Uhr.