Hamburgs bester Stadtteil

Groß Flottbek – heile Welt und ein kaum bekannter Rekord

Ein Hauch von Urlaub: Das beliebte Marktcafé auf dem sonnabendlichen Wochenmarkt. Im Vordergrund leuchten grün-bunt die Pflanzen der
Baumschule Petra Wiemeler.

Ein Hauch von Urlaub: Das beliebte Marktcafé auf dem sonnabendlichen Wochenmarkt. Im Vordergrund leuchten grün-bunt die Pflanzen der Baumschule Petra Wiemeler.

Foto: Andreas Laible

Wo ist es in Hamburg am schönsten? Teil 6: Groß Flottbek, ein Stadtteil, wo auch der zentrale Supermarkt den Zusatz „Landhaus“ trägt.

Hamburg. Wie weit man von der City entfernt wohnt, ist ja immer ein großes Thema in Hamburg. Groß Flottbek kann dabei einen wenig bekannten Rekord vorweisen: Kein Dorfkern ist – aus Richtung Innenstadt kommend – schneller zu erreichen. Probieren Sie es mal aus.

Die Strecke, jetzt mal stark vereinfacht beschrieben: Stresemannstraße bis zum Ende fahren (egal, mit welchem Verkehrsmittel), dann ein Stückchen Bahrenfelder Chaussee, dann links über die Autobahn, dann kurz geradeaus, dann wieder links. Dauert rund zehn Minuten. Plötzlich sind Sie auf dem Land. Sieht jedenfalls so aus.

Groß Flottbek: Kinder und sogar Hunde wirken hier durchweg glücklich

Da stehen Reetdach- und Fachwerkhäuser, ein alter Bauernhof, die Flottbeker Kirche, ein Reitstall und ein paar bunt zusammengewürfelte, mittelgroße Villen mit großen Blumengärten. Riesige Eichen beschatten einige dauergepflegte Grünflächen mit kleinen Denkmälern, der zentralste Supermarkt trägt den Zusatz „Landhaus“. Kinder und sogar Hunde wirken durchweg glücklich und zufrieden. Erwachsene auch, aber die sind häufiger mal zerstreut und in Eile. Mittwochs und sonnabends schlendert oder radelt alles zum Wochenmarkt – nur Zugereiste fahren mit dem Auto vor.

Der Fluglärm kann schon stören

So viel heile Welt – das ist manchmal kaum auszuhalten. Wer in Eimsbüttel, Ottensen oder auf der Schanze sozialisiert wurde und dann „raus-“zieht (und das sind viele), tut sich schwer mit der neuen Umgebung. Am Anfang. Doch dann stellt sich heraus: Groß Flottbek absorbiert seine Bewohner sehr schnell, nimmt sie quasi in sich auf, hüllt sie ein. Das liegt daran, dass sich auf den nur knapp 2,4 Quadratkilometern Gleichgesinnte schnell finden. Auf diese Weise gibt es hier Segel- und Literaturcliquen, Reiter, Umweltretter, Kochgruppen. Eltern schulpflichtiger Kinder engagieren sich durchweg für vieles – manchmal mehr als es den Pädagogen lieb ist. Angeberei ist uncool und wird geahndet.

Groß Flottbek: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 11.086
  • Davon unter: 18 2232
  • Über 65: 2352
  • Durchschnittseinkommen: 85.952 € (2013)
  • Fläche: 2,4 km²
  • Anzahl Kitas: 7
  • Anzahl Schulen: 1 Grundschule, 1 Stadtteilschule
  • Wohngebäude: 2450
  • Wohnungen: 5264
  • Niedergelassene Ärzte: 72
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 527, Aufgeklärt: 110

Wer kommt trotz erheblichen Wohlstands am wenigsten reich und protzig rüber – das ist ja so eine Art Wettstreit zwischen den Elbvororte-Stadtteilen. Groß Flottbek schneidet da ganz gut ab, auch wenn die Zeit der Immobilien-Schnäppchen längst vorbei ist. Selbst die einstigen Reihenhäuser im Malerviertel und rund um den Sohrhofkamp sind nur noch für Sehr-Gutverdiener erschwinglich – und manches dieser heutigen „Townhouses“ ist dank diverser Umbauten schon so groß geworden wie ein veritables Einzelhaus andernorts.

Wichtige Kulminationspunkte

Wahr ist: Immobilien und „Adressen“ sind bei Partys genauso Dauerthema wie hoch- und höchstbegabte Kinder oder ganz tolle und ganz furchtbare Lehrer. Wer das nicht hören mag, kann und darf jederzeit eigene Akzente setzen und findet schnell verständnisvolle Gesprächspartner. Zu guter Letzt bleibt ja noch der Rückblick auf frühere Lebensabschnitte mit dem vergnüglichen Austausch von Erinnerungen an jugendliche Gelage auf dem Kiez oder Liebeskummer in der WG. Fazit: Die Stadt ist auf diese Weise gleichzeitig ganz nah und auch sehr weit entfernt. Lediglich der nicht zu unterschätzende Fluglärm erinnert verschreckte Neu-Flottbeker daran, dass Hamburg nicht nur den Straßenverkehr nie wirklich in den Griff bekommen hat.

Kulminationspunkte sind die Waitzstraße und der Wochenmarkt. Hier geht jeder Einwohner mindestens einmal pro Woche durch oder drüber. Eine (wahre) Geschichte besagt, dass zum Einkaufsbummel aufbrechende Groß Flottbeke­rinnen und -beker zu Hause mit den schlichten Worten „Grüß schön“ verabschiedet werden. Denn irgendjemanden trifft man immer – so ist das eben auf dem Land. Weil es hier keine Anonymität gibt, geht auch niemand verloren und viele haben mindestens ein Auge auf viele. Allerdings muss man sich auch auf einige liebevolle Musterungen einstellen.

Die Waitzstraße machte in den vergangenen Monaten wegen diverser Einparkunfälle negative Dauerschlagzeilen. Das ist schade, denn diese charmante Einkaufsmeile mit dem Flair von Timmendorfer Strand bezaubert auch mit guten Cafés, Restaurants und so vielen Bäckereien, dass damit noch etliche Nachbarstadtteile versorgt werden könnten. Im weniger bekannten Westteil der „Waitze“ steht die Volkshochschule mit einem Programm, das keine Wünsche offenlässt. Im ersten Stock residieren dort Bürger- und Archivverein, deren Mitglieder Neueinwohnern unermüdlich erläutern, wo sie hier gelandet sind.

Klein Flottbek gibt’s schon lange nicht mehr

Das Gute liegt so nah in Groß Flottbek. Jede Menge hunde- und menschenfreundliche Grünzonen vom Jenisch- bis zum Volkspark sind ebenso schnell zu erreichen wie die Elbe oder der Ziegeleiteich. Und wer die richtigen Zeiten abpasst, ist in wenigen Minuten auf der A 7, und der Fahrt in Richtung Nordsee oder Heide steht – außer Staus – nichts mehr im Wege. Unzählige äußerlich (!) brave Schüler radeln hier morgens zu den schicken, gut ausgestatteten Schulen ringsum, später folgen die PS-starken Elternautos in Richtung Elbchaussee. Danach ist es in den Seitenstraßen so ausgestorben, dass man noch wie in alten Zeiten auf der Fahrbahn entlangspazieren kann. Wer in den großen Ferien zu Hause bleibt, kann sich wie in einem riesigen, menschenleeren Kurpark fühlen.

Abendstimmung in Groß Flottbek. Im Reit- und Fahrverein wiehern die Pferde, Kinder mit Tennis- oder Hockeyschlägern radeln nach Hause. Eine Art Vorgarten Eden der wuseligen Stadt ist das hier immer noch. Übrigens: Vor vielen Jahrzehnten gab es mal die Stadtteile Groß und Klein Flottbek. 1937 wurde Klein Flottbek zwischen vier anderen Stadtteilen aufgeteilt, sodass nur noch die Ortsbezeichnung – zum Beispiel als S-Bahn-Station – übrig blieb. Wenn ihnen also jemand auf die in Hamburg so beliebte Frage „In welchem Stadtteil wohnen Sie“, Klein Flottbek antwortet, irrt der- oder diejenige. Oder ist das dann Absicht? Flottbeker wären eben viele gerne. Und das ist sehr verständlich.

Groß Flottbek: Das sind die Highlights

Der Wochenmarkt

Groß Flottbek: Wochenmarkt

Sehen und gesehen werden stehen hier an zweiter Stelle. An erster Stelle geht es darum, Frisches und Gesundes zu kaufen. Weil die Stände bemerkenswert weit auseinanderstehen, gelingt das trotz starken Andrangs immer stressfrei.

Kirche und Umgebung

Groß Flottbek: Flottbeker Kirche

Katen und Villen, Gärten und Grünzonen – und über allem der Kirchturm. Mit dem danebenstehenden Schäferhaus im Blick fühlt man sich hier wie in der Heide.

Die Waitzstraße

Groß Flottbek: Waitzstraße

Trutschig geht es hier schon lange nicht mehr zu. Internationale Restaurants und pfiffige Cafés mit Blumenaussicht wetteifern um Kunden. Auch das Einparken soll demnächst sicherer werden.