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Hamburgs bester Stadtteil – Othmarschen, das schönste Dorf

Bester Stadtteil Hamburgs - die große Serie im Hamburger Abendblatt

Über Geschmäcker kann man nicht streiten, wir tun es trotzdem: 50 Abendblatt-Reporter stellen ihren Lieblingsstadtteil vor und sagen, warum es in Hamburg nirgends so gut ist wie dort.

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Wo ist es in der Stadt am schönsten? 50 leidenschaftliche Plädoyers. Teil 1: Villen an der Elbchaussee, Bauernhäuser an der A7.

Hamburg. Vielleicht hatte Helmut Kohl ja doch recht. In seiner Regierungserklärung 1993 sprach er von Deutschland als „kollektiven Freizeitpark“. Ein gutes Vierteljahrhundert später könnte man vermuten, der Pfälzer habe Othmarschen gemeint. Ein Werktag im sonnigen August zur Mittagszeit: Jeder Tisch in der „Strandperle“ in Övelgönne ist besetzt, hier treffen sich junge Mütter und alte Lebemänner, hier genießen Freistunden-Flaneure und Mittagspausen-Zelebrateure. Im Sand spielen die Kleinen und sitzen die Großen; das Elbwasser plätschert, das Alster fließt. In Othmarschen ist jeden Tag Sonntag.

Wüsste man es nicht besser, man könnte die zweieinhalb Kilometer zwischen Himmel und Hölle – genauer gesagt zwischen Teufelsbrück und der Himmelsleiter, für eine Kulisse einer Sommerfrische halten. Hier ist alles im Fluss, aber ganz sutsche. Am Hans-Leip-Ufer sonnt sich der „Alte Schwede“, ein 217 Tonnen schweren Findling aus Småland. Die Eiszeit brachte ihn nach Hamburg, er wollte nicht mehr weg. Warum auch? Hier breitet sich ein Idyll aus, gepflanzt an den Geesthang, mit Sandstrand gen Süden, mit lauschigen Plätzen unter alten Bäumen und Wasser für alle. Ein Ort für Dichter und Denker, Lebenskünstler und Zeittotschläger.

Peter Rühmkorfs Kerbe in der Ringelnatztreppe

„Wo in diesem fluidalen Berufe/ohnehin jeder jeden und jede beerbt/(also alles soweit im Fluss)/wünsche ich mir für die Tage nach Ladenschluss,/nein, keinen Ordensstern, keine Ehrenschleppe/aber dass ihr vielleicht in die unterste Stufe/der Ringelnatztreppe/meinen Namen einkerbt“, dichtete einst Peter Rühmkorf (1929-2008). Hamburg kann großzügig sein – da ist er nun eingraviert auf der Ringelnatztreppe.

Othmarschen: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 15.591
  • Davon unter 18: 3147
  • Davon über 65: 3225
  • Durchschnittseinkommen: 108.258 Euro (Stand 2013)
  • Fläche: 6,0 km2
  • Anzahl Kitas/Kindergärten: 13
  • Anzahl Schulen: 3 Grundschulen, 3 Gymnasien, keine Stadtteilschule
  • Wohngebäude: 2764
  • Niedergelassene Ärzte: 40
  • Straftaten 2018: Erfasste Fälle 1357, aufgeklärte Fälle 389

Wo Tim Mälzer einst aufkochte

Rühmkorf lebte lange Zeit in Övelgönne, das bis heute ein Viertel der Künstler und Literaten geblieben ist. Der beschwerlich zu überwindende Schulberg halte normale Leute ab, hier zu wohnen – „nur die Unnormalen, die finden das toll“, sagt der bekannte Grafiker Albert „Ali“ Schindehütte, ebenfalls wohnhaft in Övelgönne. Längst zum Wahrzeichen und Treffpunkt des lieblichen Fleckchen Erde ist der Museumshafen geworden, den der Övelgönner Architekt Volkwin Marg begründet hat – und der dank seiner engagierten Mitglieder stetig weiterwächst.

Inzwischen gibt es auch etliche Restaurants, in denen sich gut essen lässt, etwa das „Weisse Haus“, in dem einst Tim Mälzer aufkochte, „Zum Alten Lotsenhaus“, das „Süßwasser“ und neu eröffnet das „Le Canard Nouveau“ – selbstverständlich bieten alle Häuser Elbblick inklusive.

Bankier Donner stiftete eine Kirche

Die Elbe ist die Lebensader des Stadtteils. An der Elbchaussee entstanden vom 18. Jahrhundert an die ersten Villen der Kaufleute, die bis heute Othmarschen prägen. Nach und nach zogen wohlhabende Hamburger aufs Land, der Bankier Conrad Hinrich Donner stiftete 1899 aus Dankbarkeit für die Genesung seiner Frau die neugotische Christuskirche. Der legendäre Altonaer Baumeister Gustav Oelsner schwärmte 1924 über den Stadtteil: „Parks mit stillen Häusern hinter mächtigen Büschen von Rhododendren und Azaleen, Kuhweiden, Alleen, Besitzungen von fürstlichem Ausmaß. Im Kern das alte Othmarschen mit Bauernhöfen in der stolzen Form, wie wir sie von Friesland und Sylt her kennen.“

Vom alten Dorf kündet noch der Röper-Hof, ein reetgedeckter Bauernhof von 1759, in dem heute ein Restaurant Feinschmecker bewirtet. Es liegt näher an der Autobahn als manche Raststätte – aber die Autos kommen erst einige Meter hinter dem Hof aus dem Elbtunnel gefahren – oder gestaut.

Brachial hat die A7 das Dorf Othmarschen zerschnitten, für die Autobahn musste das traditionsreiche Christianeum fallen. Schon die größenwahnsinnigen Nationalsozialisten hatten beabsichtigt, Othmarschen in eine einzige Autobahnauffahrt zu verwandeln - eine gigantische Hängebrücke mit Pfeilern von 150 Meter Höhe sollte die Elbe überspannen und hier wieder Boden berühren. Nach dem Krieg wurden die Pläne nur geerdet: Die Autobahn 7 wurde unter die Elbe gegraben, an der Abfahrt Othmarschen entstand im Geiste der 60er-Jahre das AK Altona.

Autobahn? Deckel drauf!

Immerhin soll nun der Deckel den zerschnittenen Stadtteil wiedervereinigen. Östlich der A7 – in Richtung Bahrenfeld und Ottensen – sind in den vergangenen Jahren Hunderte von neuen Wohnungen entstanden, die den Stadtteil deutlich verjüngt haben. Othmarschen, früher als größtes Altenheim Deutschlands verspottet, wächst: Zu den bekannten Schulen wie dem Hochrad, dem Gymnasium Othmarschen und dem Christianeum – einem Bau des legendären dänischen Architekten Arne Jacobsen – werden bald weitere Schulen hinzukommen.

„Eat the Rich“ propagiert ein Grafitto am Zaun oberhalb der Strandperle – bei der Umsetzung dürfte der Klassenkämpfer in Othmarschen rasch Magenprobleme bekommen. Hier wohnt viel altes Geld, hanseatischer Adel, aber auch die Aufsteiger. Den Unterschied zwischen steinreich und neureich ist schnell erklärt: „Erstere erkennt man nicht, Letztere sind nicht zu übersehen.“ Die meisten fahren ihr Vermögen nicht demonstrativ spazieren – sie beherrschen noch das hanseatische Understatement, der Stadtteil gibt sich nicht nur tolerant, er ist es. Als 2015 Helfer für das Flüchtlingsheim am Holmbrook gesucht wurden, kamen mehr Freiwillige als Flüchtlinge.

"Spießertraum mit Gartenzaun"

Der WDR-Intendant Tom Buhrow, der lange in Othmarschen lebte, sagte einmal: „Othmarschen ist der perfekte Stadtteil. Manche lästern ja, es sei ein Spießertraum mit Gartenzaun. Aber ich schätze die bürgerliche Behaglichkeit mit dem quirligen Ottensen und der Elbe nur einen Steinwurf entfernt.“

Vor allem ist Othmarschen ein grüner Stadtteil – das gilt inzwischen sogar politisch. Im Mai bei den Bezirkswahlen überholten die Grünen mit mehr als 30 Prozent erstmals die CDU. Grün ist die Farbe des Stadtteils: Üppige Gärten, liebvoll gestaltete Anlagen, großartige Parks. Allen voran der Jenischpark: Im Urstromtal der Flottbek eröffnen sich spektakuläre Blicke auf den Fluss.

Spektakuläre Villen

Im Herzen des Parks lockt das Jenisch-Haus; das klassizistische Landhaus ist eine Außenstelle des Museums Altona und beherbergt eine Schau zur hanseatischen Wohnkultur. Einen Steinwurf entfernt liegt das Ernst-Barlach-Haus. Neben einer Werkschau des expressionistischen Künstlers gibt es wechselnde Ausstellungen. Am nordwestlichen Eingang zum Jenischpark ist das Eduard-Bargheer-Museum zu Ehren des Finkenwerder Künstlers hinzugekommen.

Der Stadtteil gleicht einem Museumsdorf großer Architektur, die Liste der Denkmäler ist länger als das Telefonbuch manch anderer Viertel: Das Halbmond-Haus an der Elbchaussee, entworfen von Johann Matthias Hansen, Villen von Cäsar Pinnau und Lundt & Kallmorgen, die spektakuläre Villa Reemtsma von Martin Elsässer und Godber Nissen. Hamburg hält sich ja oft vermessen für die schönste Stadt der Welt. Albern. Aber Othmarschen ist das vielseitigste Dorf der Welt. Darauf können wir uns einigen.

Othmarschen: Das sind die Highlights im Video

Strandperle


Stadtteilserie: Strandperle
Stadtteilserie: Strandperle

Kann eine Kneipe für ein Lebensgefühl stehen? In Othmarschen schon. Die Strandperle, 1911 als Milchhalle gegründet, ist die Mutter aller Beachklubs, und lockt mit dem besten Ausblick der Stadt. Die Füße spielen im Sand, das Bier kühlt die Hand, der Blick schweift in die Ferne. Hier lebt Hamburg Vielfalt: Roller und Porsche, Perlenkette und Arschgeweih.

Museumshafen

Stadtteilserie: Museumshafen
Stadtteilserie: Museumshafen

Das Kleinod am Geesthang ist eine echte Hamburgensie – und kein Museum, sondern ein privater Verein. Gegründet wurde er 1976 unter anderem von Volkwin Marg, heute hat er 500 Mitstreiter. Hier liegen betagte Museums- und Traditionsschiffe: Dampfschlepper, Ewer, Krabbenkutter. Sie geben dem Fischerort Övelgönne sein besonderes Gepräge.

Jenischpark mit Jenischhaus

Stadtteilserie: Jenischpark in Othamrschen
Stadtteilserie: Jenischpark in Othamrschen

Hamburg wohl schönster Park mit seinen alten Bäumen (darunter ein 150 Jahre alter Ginkgo) ist das perfekte Ziel für Kurzurlauber, Picknicker, Jogger und Schlenderer. Auf 42 Hektar ergeben sich immer wieder faszinierende Blicke auf die Elbe oder auf das Jenischhaus, ein klassizistisches Meisterwerk. Gleich drei Museen locken Kulturinteressierte in den Park.