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Hamburgs bester Stadtteil – das kämpferische Ottensen

Der Alma-Wartenberg-Platz, tagsüber wie nachts ein beliebter Treffpunkt in Ottensen.

Der Alma-Wartenberg-Platz, tagsüber wie nachts ein beliebter Treffpunkt in Ottensen.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Wo ist es in der Stadt am schönsten? 50 leidenschaftliche Plädoyers. Teil 2: Ottensens wehrhafter Geist zwischen Denkmälern und Genüssen.

Hamburg. Das Grundstück mit hässlichen Wellblechgaragen, löchrigem Asphalt und reichlich Unkraut wirkte so einladend wie die mit Bierbechern übersäte Tribüne des Volksparkstadions nach einem Heimspiel des HSV. Die Vision eines schneeweißen Mehrfamilienhauses fand sich allein in einem dünnen Prospekt. Wir kauften dennoch die Vier-Zimmer-Wohnung, obwohl wir Ottensen bis dahin nur von gelegentlichen Konzertbesuchen in der Fabrik kannten.

Es war, das darf man zwölf Jahre später sagen, wirtschaftlich gesehen die beste Entscheidung unseres Lebens. Der Wert der Immobilie, dies entnehmen wir einschlägigen Portalen, hat sich mindestens verdoppelt. Doch diesen Gewinn werden wir wohl niemals realisieren.

In Ottensen dominieren noch die kleinen Läden

Denn warum sollten wir Hamburgs besten Stadtteil verlassen?

Um die Faszination zu begreifen, reicht eine kurze Shopping-Tour. In unserem Viertel dominieren noch die kleinen Läden, die von Inhabern geführt werden. Etwa die Buchhandlung Christiansen, eine der älteste Buchhandlungen der Stadt, inzwischen in vierter Generation im Besitz der Familie.

Oder der Bären-Treff (siehe Highlight Nr. 1) mit herrlichem Naschwerk. Oder der Hängemattenladen mit der größtmöglichen Auswahl von Matten zum Entspannen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, etwa mit dem Modegeschäft Adler Altona oder der Papeterie Bruhn.

Eine kulinarische Weltreise – ohne Ottensen zu verlassen

Auch für die Suche nach einem Restaurant muss niemand unser Dorf, wie alteingesessene Bewohner das Quartier nennen, verlassen. Die kulinarische Weltreise führt in den Libanon (L’Orient), nach Frankreich (Weinstube Zur Traube), nach Portugal (Café Ribatejo), nach Italien (Pizzeria König), nach Spanien (El Iberico) oder Griechenland (Kypros). Herausragend gekocht wird auch in der Kleinen Brunnenstraße 1 oder im Petit Amour, dem ersten Sterne-Restaurant in Ottensen.

Wer die Natur liebt, kommt in Ottensen ebenfalls auf seine Kosten. Der Altonaer Balkon bietet einen grandiosen Blick auf Hafen und Köhlbrandbrücke. Der Donners Park südlich der Elbchaussee lädt wie der Heine-Park zum Durchatmen von der Großstadt ein. Der Rathenaupark zählt mit allem Recht zu den Gartendenkmälern.

 

Ottensen: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 35.585
  • Davon unter 18: 5578
  • Davon über 65: 4954
  • Durchschnittseinkommen: 40.830 Euro (Stand 2013)
  • Fläche: 2,8 km
  • Anzahl Kitas/Kindergärten: 34
  • Anzahl Schulen: 3 Grundschulen, 2 Gymnasien, 1 Stadtteilschule
  • Wohngebäude: 2405
  • Wohnungen: 19.662
  • Niedergelassene Ärzte: 175
  • Straftaten 2018: Erfasste Fälle 3543, aufgeklärte Fälle 1428

Auch kulturell besticht der Stadtteil

Der kulturelle Mix dürfte für ein Quartier mit nicht einmal 36.000 Einwohnern einzigartig sein. Im Kulturzentrum Fabrik an der Barnerstraße konzertieren seit fast fünf Jahrzehnten Stars und Newcomer der Szene – zum Glück wurde die einstige Maschinenfabrik nach einem verheerenden Brand 1977 wieder neu errichtet. Die Zeisehallen, früher Heimat einer Schiffsschraubenfabrik, beherbergen neben Läden und Restaurants eines der besten Hamburger Kinos.

Und das Stadtteilzentrum Motte, entstanden im Gebäude einer Schokoladenfabrik, kümmert sich seit Gründung 1976 um Projekte der Sozial- und Kulturarbeit. Nebenan picken Hühner hinter Maschendraht – ein Anziehungspunkt nicht nur für Kinder, für die in einem so dicht besiedelten Quartier dank Spiel- und Sportplätzen (allen voran der „Fischi“ an der Fischers Allee) viel Freiraum bleibt.

Ottensen, das gallische Dorf

Und doch sorgen Shoppen, kulinarische und kulturelle Erlebnisse nur für einen Teil des Lebensgefühls in unserem Viertel. In unserem Dorf kennt man und hilft sich – wer etwa dringend eine Bohrmaschine ausleihen will, wird über die Facebook-Gruppe „Ottensen downtown“ fast immer fündig.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Ottensen wie das berühmte gallische Asterix-Dorf bedroht wird. Und ein Happy-End wie in allen Heften der legendären Comic-Serie ist in unserem Dorf keinesfalls garantiert.

Das Schreckgespenst Gentrifizierung breitet sich aus

Ausgerechnet der Erfolg gefährdet unser Idyll. Charme macht sexy – und teuer. Abgesehen von den leider raren Genossenschaftswohnungen können sich nur noch sehr Gutbetuchte einen Umzug in unser Viertel leisten. Auch wer sich in unserem Dorf verkleinern oder vergrößern will, hat schlechte Karten, Mieten und Kaufpreise steigen und steigen. Dies gilt auch für das Gewerbe, für die Inhaber kleiner Geschäfte, ohnehin von Internet-Riesen wie Amazon bedroht, wird der Konkurrenzkampf immer härter. Das Schreckgespenst Gentrifizierung breitet sich aus.

Dieses Reizklima schafft den Nährboden für Konflikte in den sozialen Netzwerken. Zu besichtigen ist dies bei der Diskussion um den Verkehrsversuch „Ottensen macht Platz“. Bis Februar hat der Bezirk das Kerngebiet zur weitgehend autofreien Zone erklärt. Seit Wochen wird im Internet verbal geholzt. Befürworter und Gegner des Versuchs bepöbeln sich all zu oft.

Man identifiziert sich mit "seinem Dorf"

Andererseits zeigt die Auseinandersetzung auch, wie sehr sich die Bewohner mit ihrem Dorf identifizieren – ebenfalls ablesbar an der Wahlbeteiligung bei der Bezirkswahl im Mai von 71,7 Prozent, deutlich über dem Schnitt des gesamten Bezirks Altona (63,8 Prozent).

Zudem verbreiten auch die Skeptiker des Verkehrsversuchs keine dumpfen „Freie-Fahrt-für-freie-Bürger“-Parolen. Auch sie wollen die Verkehrswende, mehr Rad- statt Autoverkehr – nur eben anders. Ein maßgebliches Mitglied von „Ottensen bewegt“ – die Organisation plädiert für Änderungen beim Verkehrsversuch – engagierte sich Anfang der 1980er Jahre in der Initiative „Schleichen statt Leichen“ für eine der ersten „Tempo-30“-Zonen in Deutschland.

Kämpferisch war Ottensen schon immer

Kämpferisch war das Dorf schon immer. Einst protestierten Arbeiter gegen Elendsquartiere und unerträgliche Arbeitsbedingungen, dann richtete sich der Protest gegen den Nazi-Terror. In den 1970er Jahren verhinderte eine breite Bürgerbewegung einen dramatischen Kahlschlag. Dort, wo jetzt das Leben pulsiert, sollte für die autogerechte Stadt eine seelenlose City-West entstehen.

Genau dieser Geist macht mir Hoffnung. Das Dorf wird sich weiter verändern, keine Frage, aber unsere Grundwerte werden bleiben. Und deshalb bleiben auch wir.

Ottensen: Das sind die Highlights

Bären-Treff

Stadtteilserie: Der "Bären-Treff" Altona
Stadtteilserie: Der "Bären-Treff" Altona

Beim Bummel über die Bahrenfelder Straße kann man Sven Fechner kaum entgehen. Mit einer Zange bewaffnet, fischt er vor seinem Laden neue Fruchtgummi-Sorten aus einem Glas, bietet sie Passanten an. Fünf Kilo Naschwerk verteilt er im Schnitt am Tag. Wer probiert, ist für die industriell hergestellte Ware fast verloren. Fechners Bären machen süchtig.

Stadtteilarchiv Ottensen

Stadtteilserie: Stadtteilarchiv Ottensen
Stadtteilserie: Stadtteilarchiv Ottensen

In der ehemaligen Drahtstiftefabrik Feldtmann an der Zeißstraße hat das Stadtteilarchiv Ottensen einen idealen Platz gefunden. Die historische Maschine spuckt bei Vorführungen noch immer Nägel aus. Dank ehrenamtlichen Engagements kann das Archiv spannende Ausstellungen zeigen, ein Besuch lohnt aber immer. Das Gedächtnis des Viertels!

Der Markt

Stadtteilserie: Wochenmarkt auf dem Spritzenplatz
Stadtteilserie: Wochenmarkt auf dem Spritzenplatz

Sie suchen knackfrischen Salat, Honig von regionalen Imkern oder möchten wunderbaren Fisch und Käse genießen? Dann nix wie hin zum Spritzenplatz. Gleich vier Mal in der Woche bauen die Markthändler ihre Stände auf. Dienstag und Freitag gibt es klassische Marktware, mittwochs und an Sonnabenden konzentriert sich alles auf den Bio-Bereich.