Klimawoche

Senator: Ein Drittel der Stadt durch Klimawandel in Gefahr

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan.

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Der Bericht des Weltklimarats zum Anstieg des Meeresspiegels sorgte für Aufregung. Jens Kerstan fordert sofortiges Handeln.

Hamburg. Es waren dramatische Zahlen, die in dem großen weißen Kuppelzelt vor dem Hamburger Rathaus am Mittwoch vor den Augen von Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) und Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) präsentiert wurden. Im Rahmen der 11. Hamburger Klimawoche wurde live nach Monaco geschaltet, wo der Weltklimarat (IPCC) seinen Bericht vorstellte, an dem 104 Wissenschaftler aus 36 Ländern gearbeitet haben.

Ihre Untersuchung zeigte: Alle wissenschaftlichen Voraussagen zum Klimawandel waren bislang untertrieben. Der Meeresspiegel steigt höher als im letzten IPCC-Bericht prognostiziert, nämlich vier Meter in den nächsten 250 Jahren, Gletscher und Permafrost schmelzen noch schneller als gedacht, Wirbelstürme werden stärker. „Das sind besorgniserregende Ergebnisse“, kommentierte Kerstan. Wer denke, die schmelzenden Gletscher seien von Hamburg weit entfernt, der täusche sich. „Die Folgen betreffen uns direkt. Wir müssen unsere Deiche weiter erhöhen. Doch ein Drittel Hamburgs auf unserem Gebiet werden wir vor Pegelanstiegen von vier Metern nicht durch Deiche schützen können, dafür fehlt uns die Fläche. Wollen wir nicht ein Drittel der Stadt aufgeben, werden wir in der Elbmündung ein Sperrwerk bauen müssen.“

Veit kündigt „unangenehme Maßnahmen“ an

Oder eben jetzt alles dafür tun, dass es nicht zu so einem hohen Anstieg komme. Es gehe darum, die Windenergie auszubauen, Solaranlagen auf Neubauten vorzuschreiben und den Verkehr von der Straße auf die Schiene umzuleiten. Klimaforscher Hartmut Graßl erklärte, eine Erhöhung der Deiche sei keine Versicherung für die nächsten Jahrhunderte, und kritisierte das Klimapaket der Bundesregierung als „Klimapaketchen.“

An dem Sonderbericht hat auch die Hamburger Professorin Beate Ratter vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) mitgearbeitet. Sie legte dar, wie sehr die Zeit dränge und dass Extremereignisse generell in Zukunft häufiger in Serie oder in sogenannten Kaskaden aufträten: „Es gibt Küstengebiete und Inselstaaten, die vor der Katastrophe stehen“, so Ratter. Ein neues Gesetz oder eine Investition allein nützten da oft nichts. „Maßnahmen oder Regularien können auf Widerstand, Unverständnis oder Boykott stoßen, wenn sie nicht von und mit der lokalen Bevölkerung zusammen entwickelt und von ihr getragen werden“, so Ratter.

Linke: „Politik muss etwas tun“

Carola Veit sagte, es werde auch Maßnahmen geben, die unangenehm sein könnten, und dafür sei es gut, wenn viel über die Dringlichkeit berichtet werde: „Der Bericht der Wissenschaftler macht nicht nur uns Politikern Beine. Auch im Namen meiner Kinder danke ich der Hamburger Klimawoche für ihre Anstöße.“ Die beiden Politiker machten sich direkt nach der Veranstaltung im Kuppelzelt auf in eine Sitzung der Bürgerschaft, wo sie vorerst beim gleichen Thema blieben. Die Linke hatte nämlich für die Aktuelle Stunde das Thema „Schluss mit ‚Pillepalle‘ in der Klimapolitik“ auf die Tagesordnung gebracht.

Die Gründe dafür lagen auf der Hand: der große Klimastreik mit un­gefähr 70.000 Teilnehmern am vergangenen Freitag sowie das beschlossene Klimapaket der Bundesregierung. „Was war der 20. September nicht für ein toller Tag, so bunt und gemischt. Das gibt Rückenwind und verdeutlicht, dass die Politik etwas tun muss“, sagt Heike Sudmann, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken. Von dem Klima­paket der Großen Koalition in Berlin zeigt sie sich allerdings enttäuscht, „das ist eine Nullnummer.“ Keine der beschlossenen Maßnahmen werde zu einem Erreichen der Klimaziele führen.

Umfangreiches Klimapaket

So weit gehen die Grünen bei der Einordnung nicht. Einige Punkte, wie die Erhöhung der Luftverkehrsabgabe, seien positiv zu bewerten. Allerdings fordern Fraktionschef Anjes Tjarks und Umweltsenator Kerstan noch Nachbesserungen beim Klimapaket. „Die CO2-Bepreisung ist insgesamt viel zu niedrig. Da muss ein höherer Betrag als 10 Euro pro Tonne her“, sagt Tjarks. Bei Punkten wie diesen werde sich das rot-grüne Hamburg im Bundesrat für Nachbesserungen einsetzen, so Kerstan. Enttäuscht zeigt sich ebenfalls Kurte Duwe von der FDP: „Wir brauchen einen marktwirtschaftlichen Ansatz mit festgelegter CO2-Menge und Zertifikatenhandel.“ Auch ein funktionierender Markt könne den Klimawandel regeln. Andrea Oelschlaeger von der AfD fordert derweil, dass es wieder mehr Mut in Richtung Innovationen gebe: „Steuererhöhungen werden das Klima nicht retten.“

Verbesserungsbedarf bei dem vorgestellten Paket sehen Vertreter der CDU- und SPD-Fraktionen in Hamburg nicht mehr. „Klimaschutz muss für jeden bezahlbar sein, und dazu tragen die beschlossenen Maßnahmen definitiv bei. Das ist nicht Pillepalle, sondern ein echter Durchbruch“, sagt Monika Schaal, Umweltexpertin der SPD. Stephan Gamm von der CDU legt nach: „Es ist das umfangreichste Klimapaket, das wir wahrscheinlich jemals hatten.“ Drastische Forderungen wie von Umwelt-Aktivisten gefordert wies er zurück. „Eine solche von Panik getriebene Politik wird die CDU niemals unterstützen.“