Hamburg

LKA-Chef: So wollen wir Betrüger entlarven

Frank-Martin Heise

Frank-Martin Heise

Foto: © Michael Arning

Frank-Martin Heise, Leiter Landeskriminalamt, über das neue Konzept und den Rat an Verbraucher: Bei Schnäppchen kritisch sein.

Hamburg. Mehr als 33.000 Betrugsfälle in einem Jahr, Ermittler, die überfordert sind, eine Verdoppelung der Cyberkriminalität in nur drei Jahren: Die Polizei steht vor enormen Aufgaben. Das Abendblatt sprach mit dem Chef des Landeskriminalamts (LKA), Frank-Martin Heise, über sein neues Konzept und darüber, was jeder selbst tun kann.

Hamburger Abendblatt: Herr Heise, wie beurteilen Sie die Lage beim Betrug?

Frank-Martin Heise: Wir stehen dort unbestritten vor einer großen Herausforderung. Vor fünf Jahren haben wir die Betrugsbekämpfung in der Abteilung 55 des LKA zentralisiert - seitdem haben wir stetig und teils stark anwachsende Fallzahlen. Und trotz zahlreicher Bemühungen hatten wir in jedem Jahr auch Fälle, die wir zurückstellen mussten. Auch wenn kein wichtiges Verfahren unbearbeitet blieb, kann das nicht unser Anspruch als Kriminalbeamte sein.

Bereits vor einem Jahr wurde eine Gegenoffensive angekündigt, aber Details gab es nicht.

Wir haben die sehr verschiedenen Begehungsweisen des Betrugs zunächst in einem sehr intensiven Prozess analysiert. Dabei haben wir zunächst 36 verschiedene Phänomene identifiziert, was auch die enorme Bandbreite des Themas zeigt. Darüber hinaus hat die eingerichtete Arbeitsgruppe daneben noch zwei wichtigeFragen beantwortet: Woran liegt es, dass es zu Rückstellungen kommt? Und wie können wir das verhindern?

Wie lautet Ihre Antwort?

Unsere bisherige Struktur ist nicht optimal. Künftig wollen wir verschiedenen Taten bündeln oder trennen, wo es sinnhaft ist. Ein Beispiel: Wir kennen etwa verschiedene Ausprägungen von Delikten, bei denen sich die Täter als Handwerker oder Polizist ausgeben. Und parallel gibt es weiterhin Täter, die das sogenannte Lovescamming betreiben, also die Verliebtheit ihrer Opfer zum finanziellen Vorteil ausnutzen. Die Geschichten sind in beiden Fällen natürlich unterschiedlich, aber es gibt zwei große Parallelen: Es wird Vertrauen ausgenutzt. Und die Opfer haben den oder die Täter gesehen, was immer ein Ermittlungsansatz ist.

Bei Identitätsklau oder dubiosen Händlern im Internet bleiben die Täter dagegen anonym.

Richtig, und dieses Feld boomt unter Kriminellen. Es erscheint so, dass sich viele Täter aus der analogen Welt ins Internet bewegt haben, weil die Tatbegehung dort aus unserer Sicht viel einfacher ist. Das wird auch ein klarer Schwerpunkt der neuen Dienststelle im Landeskriminalamt 1 sein, die künftig für die Bekämpfung des klassischen Betrugs zuständig sein wird. In dieser Dienststelle bündeln wir die Fachexpertise in acht differenziert agierenden Sachgebieten.

Was ist dabei die wichtigste Neuerung?

Bei der Bearbeitung der Verfahren führen wir eine Unterteilung in verschiedene Ermittlungstiefen ein, die das System deutlich effizienter macht. Erstens die sogenannten Massendelikte, bei denen es nach einer fachlichen Prüfung keine wirklichen Ermittlungsansätze gibt und die wir deshalb in einem standardisierten Verfahren auch zügig erledigen wollen. Zweitens der Großteil der Fälle, die wir erfolgreich durchermitteln und aufklären wollen, dies aber ressourcenschonend. Und drittens die Verfahren, in denen zur Tataufklärung umfangreichere Ermittlungen nötig sind. Aktuell erwarten wir bei den insgesamt etwa 33.000 Straftaten in diesem Bereich im Jahr etwa 20 Prozent im Bereich der Massendelikte und 70 Prozent in der mittleren Kategorie. Die restlichen 10 Prozent fallen dementsprechend auf die sehr ermittlungsintensiven Betrugsfälle. Dies entspricht damit einem Fallvolumen von etwa 3.000 Fällen pro Jahr.

Warum ist diese Trennung so wichtig für Sie?

Weil die meisten Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter weitgehend jeden Tag eine Reihe von Vorgängen bearbeiten und dabei bislang allein entscheiden müssen, ob man den Fall relativ schnell abhandeln kann oder viel investieren muss. Derzeit wird in der Praxis teilweise sehr lang an Fällen gearbeitet, bei denen am Ende doch kein Täter zu ermitteln ist. Und andererseits fehlt mitunter die Kapazität beim einzelnen Sachbearbeiter, um tiefere Ermittlungen zu führen, wo es nötig wäre.

Woran sollen die Opfer erkennen, ob es eine Chance gibt, den Täter auch zu ermitteln?

Das ist die Aufgabe unserer Ermittlerinnen und Ermittler. Beispielsweise bei einem Betrug im Internet nur eine IP-Adresse des Täters zu haben, reicht leider einfach nicht aus. Wenn es dagegen zu betrügerisch bestellter Ware eine Lieferadresse gibt, ist das immer ein Ansatzpunkt, dem auch nachgegangen wird.

Bislang kritisieren Ermittler auch häufig, dass die Staatsanwaltschaft sie noch weiter ermitteln lässt, obwohl es keine Aussicht auf Erfolg gibt.

Wir befinden uns dazu seit längerem in konstruktiven Gesprächen mit der Staatsanwaltschaft und ich bin zuversichtlich, dass wir zu einer Vereinbarung kommen, die dazu führen wird, dass wird bestimmte Ermittlungsschritte nicht mehr machen müssen, wenn diese wirklich nicht erfolgsversprechend sind. Das wird die Staatsanwaltschaft und das LKA entlasten.

Eine neue Struktur ändert aber noch nichts an der Tatsache, dass die Personaldecke bei der Betrugsdienststelle sehr dünn ist.

Im Oktober haben wir bereits zusätzliche Ermittler in den Bereich gebracht und werden zum 1. April noch einmal zehn zusätzliche Kriminalbeamtinnen und Kriminalbeamte dort einsetzen. Eine ganz wichtige Bedeutung wird auch das neue Sachgebiet „zentrale Vorermittlungen“ einnehmen. Dort werden Angestellte den eigentlichen Ermittlern viel Arbeit abnehmen, indem sie etwa Anfragen bei den Unternehmen und Paketdiensten stellen, um für die weitere Bearbeitung bereits konkrete zusätzliche Informationen und zu ermitteln oder eine Vielzahl weiterer, die Ermittler unterstützende und damit entlastende Tätigkeiten zu übernehmen. Auf Basis dieser Erkenntnisse werden die Verfahren je nach voraussichtlicher Ermittlungstiefe in die verschiedenen Ermittlungssachgebiete weitergeleitet. Wir sind von unserem Konzept überzeugt. In einem nächsten Schritt geht es jetzt darum, den gesetzlichen Vorgaben zur Beteiligung des Personalrates zu entsprechen..

Beim Identitätsklau erreichen die Betroffenen oft über Monate immer wieder Rechnungen für Waren, die sie nicht bestellt haben. Wie wollen Sie Tatserien besser erkennen?

Beim Warenkreditbetrug haben die Ermittler das Problem, dass der Modus Operandi der Täter stets sehr ähnlich ist — nämlich Ware zu bestellen und zu erhalten, aber nicht selbst zu bezahlen. Wir versprechen uns aber auch hier viel von der neuen Struktur. Hier kommt das Sachgebiet „Zentrale Vorermittlungen“ wieder ins Spiel, um solche Serien treffsicher erkennen zu können. Daneben wird die Bearbeitung der Fälle hamburgweit in drei Regionen gegliedert. Von dem örtlichen Ansatz versprechen wir uns daneben weitere Ermittlungsansätze zu den Tätern.

Wird auch bei der technischen Ausstattung der Beamten nachgebessert?

Der Internetanschluss für die ermittelnden Polizistinnen und Polizisten ist bislang nicht genügend leistungsfähig. Dieser Mangel Mangel wird aber bereits sukzessive in der gesamten städtischen Verwaltung der Stadt und auch bei uns im Landeskriminalamt abgestellt.

Können über bessere Prävention auch mehr Taten verhindert werden?

Es ist leider Fakt, dass sich Jedermann heute im Internet Waren bestellen kann, ohne seine Identität nachweisen zu müssen. Nicht nur in diesem Sinne wären sehr viele Taten mit besseren Sicherheitsvorkehrungen der Händler relativ leicht präventabel. Auf der anderen Seite können sich auch Verbraucher mit gesundem Menschenverstand gut schützen. Es ist etwa niemals eine schlechte Idee, bei vermeintlichen Schnäppchen im Internet größte Vorsicht walten zu lassen. Wir müssen uns einfach mit den Gefahren, die das Internet bei allen Vorzügen eben auch mit sich bringt, noch mehr auseinandersetzen.