Hamburg

Polizei warnt mit Kinospots vor Schockanrufen

Timo Zill, Pressesprecher der Hamburger Polizei

Timo Zill, Pressesprecher der Hamburger Polizei

Foto: André Zand-Vakili / HA

In einigen Hamburger Kinos läuft jetzt ein Film der Polizei. Der Spot warnt – auch auf Facebook – vor Trickbetrügern.

Hamburg.  Die Musik dreht dramatisch hoch, als der Anrufer zur Sache kommt. Die alte Dame guckt entsetzt, eine Träne rinnt über ihre Wange. Aber bei dem, was der angebliche Polizeibeamte am anderen Ende der Leitung erzählt, überrascht das nicht: Ihr Sohn habe bei einem Verkehrsunfall „schwerste Verletzungen“ erlitten, sagt der Anrufer, er müsse dringend operiert werden, sonst werde er sterben. Und nochmal, mit flatterndem Timbre: „Er wird sonst sterben.“

Für die rettende OP müsse sie indes „viel Geld“ zahlen. Szenenwechsel: Ein Mann wird von Rettungssanitätern in einen Operationssaal gebracht, man hört das EKG piepsen, dann die Sinuskurve. Herzstillstand. Schließlich reißt sich einer der Ärzte den grünen Kittel vom Leib und zum Vorschein kommt: Polizeisprecher Timo Zill. Jetzt gibt’s auch die Auflösung – es geht um Schockanrufe. „Lassen Sie sich nicht hinters Licht führen“, sagt Zill. „Legen Sie sofort auf!“. Eine schöne Pointe am Ende: Die alte Dame wird eingeblendet, wieder im Gespräch mit dem Schockanrufer. „Sobald das Geld da ist, können Sie Ihren Sohn wieder in die Arme schließen“, sagt der Betrüger. Darauf die Frau: „Hm, ich habe gar keinen Sohn.“

Neuer Film der Polizei

Der Plot stammt aus einem neuen Film der Polizei, der jetzt in mehreren Hamburger Kinos und auf der Facebook-Seite der Polizei zu sehen ist. In dem zwei Minuten langen Video, produziert von der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, warnt sie eindringlich vor den Gefahren durch Schockanrufe. Seit etwa einem Jahr steht das Thema ganz oben auf der Agenda der Hamburger Ermittler. LKA-Chef Frank-Martin Heise spricht von einer „ganz miesen Masche“. Ob Enkeltrick, das Modell „falscher Polizeibeamter“ oder eben Schockanrufe – bei allen drei Spielarten des Trickbetrugs missbrauchen die Täter das Vertrauen ihrer meist älteren Opfer und tischen ihnen dramatische, häufig zutiefst beunruhigende Geschichten auf. Natürlich, um an ihr Geld zu kommen.

Mal geben sie sich als Angehörige aus, die sich in Not befinden oder für einen Geschäftsabschluss dringend Geld benötigen. Mal täuschen die Betrüger vor, Polizeibeamte zu sein, die nach Diebstahlsfällen in der Nachbarschaft in der Wohnung nach dem Rechten schauen müssten. Dort schauen sie, wenig überraschend, nicht nach dem Rechten, sondern nur nach Bargeld und Wertgegenständen.

Extreme Variante des Enkeltrickbetrugs

Das Phänomen der „Schockanrufe“ ist noch relativ neu, im Prinzip handelt es sich dabei um eine extreme Variante des Enkeltrickbetrugs. Eine Masche, die in punkto Abgefeimtheit ohnehin schwer zu übertreffen ist – und wenn dann wohl nur von Schockanrufen. Mit derartigen Anrufen wollen die Betrüger ihre Opfer unter maximalen emotionalen Stress setzen, etwa mit der Mär vom schwer verletzten Angehörigen, für dessen medizinische Versorgung Geld benötigt werde. Sehr viel Geld, und zwar sofort.

Einer ähnlichen Legende ging Mitte 2018 eine 77 Jahre alte Hamburgerin tatsächlich auf den Leim. Ein falscher Beamter erzählte der alten Dame am Telefon, ihre Tochter habe einen Unfall mit einem Sachschaden von 63.000 Euro verursacht. Um sie vor dem Gefängnis zu bewahren, müsse sie einen Teil der Summe zahlen. Der Betrüger dirigierte die 77-Jährige dreisterweise direkt vor die Davidwache – dort übergab sie einer Komplizin 30.000 Euro.

Fallzahlen steigen dramatisch

Bei Anruf Abzocke? Möglich ist das, aber in der Praxis kommen die Täter nur äußerst selten zum Erfolg. Obgleich Hamburg seit zwei Jahren von Anrufen falscher Polizisten regelrecht überflutet wird. 2017 sind die Fallzahlen explodiert – die Zahl der Taten schnellte von 615 in 2016 auf 2108 hoch. Im vergangenen Jahr sind es wohl noch mehr gewesen, denn bereits Mitte Oktober verzeichnete die Polizei 1870 Fälle. Allerdings: In mehr als 98 Prozent gingen die Täter leer aus. Erfolgreich waren sie nur 29-mal. Die Angerufenen hatten in den meisten Fällen einfach aufgelegt. Chefarzt Dr. Zill dürfte das freuen.