Hamburg

Mehr angezeigte Fälle von Betrug und Sexualdelikten

Der Handel im Internet wächst weiter rasant – und auch Betrüger operieren vermehrt digital.

Der Handel im Internet wächst weiter rasant – und auch Betrüger operieren vermehrt digital.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Zahl der Straftaten ist auf dem niedrigstem Niveau seit 1980. Die Betrugskriminalität ist das Sorgenkind der Polizei.

Hamburg.  Polizeipräsident Ralf Martin Meyer und Innensenator Andy Grote (SPD) war der Stolz auf dem Podium anzusehen: Bereits zum dritten Mal in Folge konnten sie am Donnerstag einen Rückgang bei den Kriminalitätszahlen in Hamburg verkünden. 218.594 Taten wurden 2018 in Hamburg von der Polizei gezählt. Zuletzt hatte es 38 Jahre zuvor eine so niedrige Kriminalitätsbelastung pro Einwohner gegeben. Getrieben wird der Rückgang durch Erfolge beim Thema Einbruch und anderen Diebstahlsdelikten.

Der Polizeipräsident nannte die Jahresbilanz „sensationell“. „Diese Ergebnisse zu halten oder sogar zu optimieren ist nach drei Jahren fallender Zahlen eine Herausforderung“, so Meyer. Die Polizei habe aber „große Lust“, sich noch zu steigern. Einen großen Anteil an dem Kriminalitätsrückgang dürfte das Internet haben. Die Kriminalität hat sich dorthin verlagert. Wie es von Beamten heißt, würden dort aber offenbar weniger Straftaten angezeigt oder aufgedeckt als in der analogen Welt. Generell sind es die Delikte, bei denen es nicht um Beute geht, die nahezu stagnieren oder Zunahmen verzeichnen.

Mord und Totschlag:

Die Zahl der vorsätzlichen Tötungsdelikte ist im Jahr 2018 um 15 Fälle auf 59 Taten gesunken, darunter waren 20 Mordversuche und Morde (2017: 30) und 39 Totschlagsdelikte (2017: 44). Diese Zahl unterliegt regelmäßig größeren Schwankungen. 2018 hatte unter anderem die Bluttat am Jungfernstieg für Entsetzen gesorgt, bei der eine Mutter und ihre erst einjährige Tochter auf dem Bahnsteig des Bahnhofs mit einem Messer getötet wurden. Der mutmaßliche Täter steht derzeit noch vor Gericht.

Gewalt- und Sexualdelikte:

Insgesamt ist die Zahl der Gewaltdelikte um 2,2 Prozent gesunken. Die Zahl der Fälle von schwerer Körperverletzung stieg aber leicht von 5380 Taten in 2017 auf 5405 Taten im vergangenen Jahr. Auch bei den Sexualdelikten wurden mehr Fälle registriert – sie stiegen von 1612 auf 1662 Taten. Das entspricht einem Anstieg um 3,1 Prozent. LKA-Chef Frank Martin Heise macht dafür auch die „#MeToo“-Debatte verantwortlich, die zu mehr Strafanzeigen geführt haben könnte. Ein wichtiges Indiz dafür sind etwa 50 Anzeigen von Vergewaltigungen, die bereits vor 2018 passierten, aber erst im vergangenen Jahr angezeigt wurden. Insgesamt hätten sich 40 Prozent aller angezeigten Sexualdelikte bereits vor dem vergangenen Jahr ereignet, teilweise sogar Jahrzehnte früher.

Einbruch, Diebstahl und Raub:

2018 registrierte die Polizei der Statistik zufolge insgesamt 4601 Einbrüche und versuchte Einbrüche in Häuser und Wohnungen – 1168 Taten (20,2 Prozent) weniger als im Vorjahr und 4405 Fälle (48,9 Prozent) weniger als 2015, als noch 9006 Wohnungseinbrüche gemeldet wurden. Damit sei nun der niedrigste Stand seit mehr als 30 Jahren erreicht. Polizeipräsident Ralf Martin Meyer bezeichnete das als „gigantischen Erfolg“ der Ermittler. „Ohne die richtige Schwerpunktsetzung und die konsequente Fortführung bereits eingeleiteter Maßnahmen wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen“, sagte Meyer. Auch die Zahl der Raubüberfälle liegt mit 1989 Taten auf dem niedrigsten Stand seit 1981. Ebenso gingen die Fallzahlen beim Fahrraddiebstahl um 788 Fälle auf 13.718 Taten und bei Diebstählen von und aus Autos zurück. 1766 Fahrzeuge wurden 2018 in Hamburg entwendet. Das sind 342 weniger als im Vorjahr. Die Zahl aller Straftaten, die „rund um das Kfz“ passierten, sind mit 16.432 Taten ebenfalls auf einem so niedrigen Niveau wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Zum Vergleich: Anfang der 1990er-Jahre hatte die Zahl dieser Delikte noch bei bis zu über 70.000 Taten pro Jahr gelegen.

Betrugsdelikte:

Das Sorgenkind der Polizei ist die Betrugskriminalität mit 33.173 Fällen, bei welcher der Waren- und Warenkreditbetrug mittlerweile rund ein Drittel ausmacht. Hier stecken in der Mehrzahl Delikte dahinter, die über das Internet begangen wurden. Das Problem: Vielen geschädigten Firmen ist es schlichtweg zu aufwendig und teuer, jeden Fall anzuzeigen. Ausfälle durch Betrug sind einkalkuliert. Somit dürfte die Zahl nicht das tatsächliche Ausmaß abbilden.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer hatte zuletzt von einer „großen Herausforderung beim Thema Betrug“ gesprochen. Kriminalbeamte übten dagegen scharfe Kritik an mangelnder personeller und technischer Ausstattung. Der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Carl Jarchow, forderte stärkeres Engagement in diesem Bereich: „Jetzt rächen sich die Fehler des Senats: Rot Grün hat immer mehr Personal bei der Kriminalpolizei von der Bekämpfung der Massendelikte abgezogen und mehr als ein Jahr mit einem bisher ergebnisarmen ‚Umstrukturierungsprojekt‘ im LKA vergeudet“, so Jarchow.

Drogenkriminalität:

Auch die Zahl von Verfahren wegen Rauschgiftdelikten ist gestiegen. Sie gilt aber auch als ein „Fleißindikator“ für die Polizei, da etwa durch den Einsatz von Hunderttausenden Dienststunden im Rahmen einer Taskforce mehr Taten zur Anzeige gebracht werden. So ­wurden im vergangenen Jahr 13.281 Rauschgiftdelikte in Hamburg gezählt. Das war ein deutlicher Anstieg von 25,3 Prozent.

Jugendkriminalität:

Aus der Analyse aller ermittelten Tatverdächtigen ergibt sich laut Polizei auch ein Rückgang der Jugendkriminalität. Die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren sank demnach abermals um knapp zehn Prozent auf 13.298. Im Zehn-Jahres-Vergleich sank diese Zahl sogar um 22,2 Prozent.

Straftaten durch Ausländer:

Der Anteil von nicht deutschen Tatverdächtigen in der Statistik liegt mit 42,8 Prozent (bereinigt um ausländerrechtliche Straftaten) weiter deutlich über dem Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung. Statistisch sind von 100.000 Deutschen in Hamburg 2620 von der Polizei als mutmaßliche Straftäter im letzten Jahr erfasst. Bei den Ausländern lag dieser Wert bei 11.221 Personen. Bei den Tatverdächtigen mit Flüchtlingshintergrund sei ein leichter Anstieg um 398 auf 5904 zu verzeichnen. Gegenüber 2016, dem Beginn der Erfassung, bleibe die Entwicklung aber rückläufig.

Polizeipräsident Meyer und Innensenator Grote nennen die neue Statistik eine insgesamt gute Nachricht für die Stadt. „Wir leben in einer sicheren und immer sicher werdenden Stadt“, so Grote. Meyer, sagte dass die gesamte Polizei am heutigen Tag Grund zur Freude habe, und bedankte sich bei den Ermittlern. Auch der CDU-Innenexperte sprach der Polizei ein Lob aus – „der Senator sollte sich für ihre Leistung aber nicht zu sehr auf die eigene Schulter klopfen“. So ginge etwa bundesweit die Zahl der Einbrüche deutlich zurück.

Die Polizeistatistik bildet registrierte Straftaten und die Ermittlungsverfahren ab, aber nicht die tatsächliche ­Gesamtzahl aller Straftaten und Gerichtsverurteilungen. Deshalb ist die Aus­sagekraft begrenzt. Nach Angaben von Gewerkschaften und Opposition könne ein niedriger Stand an Straftaten auch damit zusammenhängen, dass die Polizei nicht genügend Kräfte in die Aufklärung des Dunkelfelds investiert. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) kritisierte, dass etwa ein Teil der Betrügereien im Internet gar nicht in der Statistik erfasst werde. Die Gewerkschaft fordert, in Zukunft gänzlich auf das „Schauspiel“ der Vorstellung einer Kriminalstatistik zu verzichten.