Abendblatt-Serie

Rückenschmerzen: Das können Sie bei einem Hexenschuss tun

Dr. Torsten Hemker, Facharzt für Orthopädie, untersucht einen Patienten.

Dr. Torsten Hemker, Facharzt für Orthopädie, untersucht einen Patienten.

Foto: Michael Rauhe

Teil 2: Akute Schmerzen können viele Ursachen haben. Ein Hamburger Orthopäde erklärt, wann man zum Arzt muss.

Hamburg.  Manchmal reicht schon das Bücken beim Zubinden der Schuhe, – und plötzlich schießt ein Schmerz in den Rücken, der jede weitere Bewegung unmöglich macht: Das ist der sogenannte Hexenschuss. „Solche akuten Rückenschmerzen treffen meist junge Leute. Unter chronischen Rückenschmerzen leiden meist ältere Menschen, die bereits degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule haben“, sagt Dr. Torsten Hemker, niedergelassener Orthopäde in Hamburg und Landesvorsitzender des Berufsverbands der Orthopäden.

Ein Hexenschuss kann viele Ursachen haben: von der Funktionsstörung durch eine Blockierung der Wirbelgelenke mit Verspannung der umgebenden Muskulatur über einen Bandscheibenvorfall bis hin zu einem Tumor. „Deswegen muss jeder Hexenschuss sorgfältig untersucht werden“, sagt Hemker.

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Rückenschmerzen: Das kann der Orthopäde leisten

Wenn Patienten mit Rückenschmerzen – ob akut oder chronisch – in die Praxis von Torsten Hemker kommen, werden sie zunächst befragt. Der Arzt will wissen, seit wann die Schmerzen bestehen, ob sie ständig vorhanden oder von bestimmten Bewegungen abhängig sind und ob sie in die Beine ausstrahlen. Dann folgt die körperliche Unter­suchung. Der Orthopäde prüft die Be­wegungsfähigkeit des schmerzhaften Wirbelsäulenabschnitts. Er testet, ob Gefühlsstörungen oder Lähmungen vorliegen und die Reflexe in Ordnung sind. „Denn das können Hinweise auf eine Kompression einer Nervenwurzel sein“, sagt Hemker.

Besser ein MRT als Röntgenbilder

Bei Verdacht auf Bandscheibenvorfall oder akute Nervenstörung ist eine spezielle Untersuchung nötig. „Man muss unbedingt ein bildgebendes Verfahren einsetzen, um herauszufinden, ob etwas auf die Nervenwurzel drückt. Da hilft kein Röntgenbild, sondern es muss ein Magnetresonanztomogramm (MRT) gemacht werden“, sagt Hemker. Dabei gehe es auch um die Frage, ob eine Operation nötig sei. Er betont aber auch, dass nur in solchen Fällen ein MRT nötig sei. „Die Leitlinien der Fachgesellschaft empfehlen, dass es keine bildgebenden Verfahren geben sollte, wenn es keinen Hinweis für eine Nervenkompression gibt, mit Ausnahme einer Röntgenaufnahme vor einer Chirotherapie an der Halswirbelsäule“, so Hemker.

Hat das MRT eine Reizung der Nervenwurzel gezeigt, die keine sofortige OP erfordert, beginnt Hemker zunächst mit konservativer Therapie: „Dazu gehören entzündungshemmende und abschwellende Medikamente, zum Beispiel Antirheumatika oder Cortison, Schmerzmittel und Medikamente, die die Muskeln entspannen. Zudem setzen wir physikalische Maßnahmen ein, wie Wärmetherapie, Elektrotherapie und Extensionsbehandlung. Nach einer Besserung kann auch Krankengymnastik erforderlich sein.“

Wie sich verspannte Muskeln wieder lockern

Wärme kann die Verspannungen der Muskulatur lösen. „Sie ist besonders gut mit einer Mikrowellen- oder Kurzwellentherapie, weil dabei die Wärme in der Tiefe der Muskulatur entsteht“, sagt Hemker. Elektrotherapie mit mittelfrequentem Wechselstrom sorge für eine Auflockerung der Muskulatur. Bei einer Extensionsbehandlung liegt der Patient auf einer Liege, und seine Wirbelsäule wird mit einem definierten Muskelzug auseinandergezogen. „Diese passive Dehnung wird von den Patienten als sehr angenehm empfunden und die Extension ist auch eine gute Vorbereitung auf die anschließende Krankengymnastik“, sagt Hemker.

Gibt es keinen Hinweis auf eine Kompression eines Nervs, handelt es sich beim akuten Rückenschmerz meist um eine Funktionsstörung. „Man kann genau feststellen, welcher Wirbel betroffen ist, und dann mit einer Chirotherapie, dem sogenannten Einrenken, häufig für Erleichterung sorgen. Wenn diese Schmerzen schon einige Tage bestanden haben, ist es immer sinnvoll, die Patienten noch medikamentös zu unterstützen, um den Kreislauf von Schmerzen und Muskelverspannungen zu durchbrechen“, sagt Hemker.

Durch Bewegung schnellere Heilung

Zu den Therapien, die der Orthopäde Rückenpatienten anbietet, gehören auch zwei Leistungen, die der Patient bezahlen muss, sogenannte IGeL-Leistungen. „Bei Nervenirritationen empfehle ich den Patienten eine Vitamin-B-Kur mit den Vitaminen B1, B6 und B12, damit der Nerv sich schneller erholt. Das sind sechs Spritzen, die zusammen 44,70 Euro kosten. Und in der physikalischen Therapie bieten wir Wasserstrahlmassage zur Behandlung von Verspannungen der Muskulatur an. Eine Massage kostet 9,55 Euro, und sollte fünf- bis sechsmal durchgeführt werden.“

Die Zeiten, in denen man sich mit akuten Rückenschmerzen erst einmal ins Bett legt, sind vorbei. „Die Heilung passiert schneller, wenn man sich bewegt. Das heißt nicht, dass man Sport treiben soll, aber man sollte häufig die Position wechseln, nur liegen ist genauso schlecht wie nur sitzen oder nur stehen. Man soll durchaus spazieren gehen und auch leichte Dehnungen machen.“

Schmerzhafte Funktionsstörungen sollten mit der Therapie in ein bis zwei Wochen wieder verschwinden, sagt Hemker, bei chronischen Veränderungen könne die Therapie wesentlich länger dauern. Eine OP empfiehlt er bei akuten Beschwerden mit größeren Lähmungen und wenn chronische Rückenschmerzen trotz konservativer Therapie innerhalb von drei Monaten nicht besser werden.

Rotlicht und Wärmesalben wenig sinnvoll

Aber nicht alle Rückenschmerzen müssen gleich vom Arzt behandelt werden. „Man kann ein Schmerzmittel nehmen, ein heißes Bad oder eine heiße Dusche nehmen, und Dehnungsübungen machen“, sagt Hemker. Für die Wärmebehandlung sei Rotlicht wenig sinnvoll, weil die Eindringtiefe sehr gering sei. Auch von Wärmesalben und -Pflastern rät der Orthopäde ab, weil sie die Haut sehr reizen. „Wenn Wärme guttut, sollte man feuchtwarme Umschläge, Wärmflasche, Kirschkernkissen oder Heizkissen anwenden.“

Auch die Behandlung des Rückens mit Salben kann Hemker nicht empfehlen. „Entweder sie sind wärmend und hautaggressiv oder sie enthalten ein Antirheumatikum. Man weiß aber von diesen Salben, dass etwa nur zehn Prozent des Wirkstoffs durch die Haut gehen, und dann werden sie in der Regel über den Blutkreislauf abgeschwemmt.“

Worauf Patienten achten sollten

Einen Arzt aufsuchen sollte man unbedingt dann, wenn der Schmerz in Arme oder Beine ausstrahlt. Auch wenn Rückenschmerzen nach zehn Tagen nicht deutlich besser geworden sind, sollte man zum Hausarzt gehen.

Drei Fragen an Dr. Torsten Hemker:

Was ist für Sie ein Behandlungserfolg? Wenn der Patient schmerzfrei ist oder wenn sich bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen der Schmerz deutlich reduzieren lässt. Das Wesentliche ist, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.

Wie lange dauert es, bis man wieder richtig fit ist? Bei akuten Funktionsstörungen ist man schon zwei bis drei Tage nach der Behandlung wieder fit.

Was kann man tun, um erneute Beschwerden zu vermeiden? Wir sind als Jäger und Sammler geboren und für rein statische Belastungen nicht gemacht. Wer viel sitzt oder steht oder bei der Arbeit eine Zwangshaltung einnehmen muss, braucht zum Ausgleich eine vernünftige sportliche Betätigung. Dafür sind viele Sportarten geeignet, wie zum Beispiel Schwimmen, Tanzen, Gymnastik oder Rudern, alles, was den Rücken stärkt und gleichmäßig stabilisiert. Das ist die sinnvollste Prophylaxe. cw

Lesen Sie morgen: Heilen unter Zeitdruck