Radrennen

Titel weg! Eklat wegen unsauberer Fahrweise bei Cyclassics

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Zunächst hieß es, Nacer Bouhanni habe das Rennen für sich entschieden. Dann der Protest. Alles über die 21. Hamburger Cyclassics.

Hamburg. Einmal mehr hat Hamburg seinen Ruf als Radsport-Metropole untermauert und auch bei der 21. Auflage der Cyclassics Werbung in eigener Sache gemacht. Bei nahezu idealem Wetter hatten sich am Sonntag rund 20.000 Hobbyradler auf die Distanzen von 60, 100 und 160 Kilometern gemacht. Tausende Zuschauer säumten die Straßen in und um Hamburg und feuerten die Radsportler an, die einen Großteil jener Strecke fuhren, auf der anschließend auch die Profis beim UCI WorldTour-Rennen ihren Sieger ermittelten.

Australier Ewan nach Protest Sieger

Nach einem packenden Rennen ging es bei den Profis jedoch noch einmal hoch her: Zunächst hieß es, der französiche Rennradfahrer Nacer Bouhanni habe das Rennen für sich entschieden. Nach Protest wurde jedoch der Australier Caleb Ewan zum Sieger gekührt. Das Ewan-Team hatte gegen die unsaubere Fahrweise des Franzosen Nacer Bouhanni mit Erfolg protestiert.

Bouhanni, der sich vor der Tour de France bei einer Schlägerei die Hand verletzt hatte und deshalb beim Saisonhöhepunkt in seinem Heimatland nicht starten konnte, hatte eine „Welle“ gefahren und Ewan dabei deutlich behindert. „Bouhanni hat im Schlussspurt seine Linie verlassen und mich behindert. Ich weiß gar nicht genau, ob mein Team protestierte, aber egal - ich habe gewonnen, obwohl ich einen regulären Erfolg besser gefunden hätte“, sagte Ewan. Nach 217,7 Kilometern rutschte am Sonntag durch die Jury-Entscheidung John Degenkolb auf den zweiten Platz. Bouhanni wurde zurückgesetzt.

"Hier sind alle voller Adrenalin"

Doch nicht nur für die Profis war es ein spannendes Rennen. „Es ist herrlich, hier sind alle voller Adrenalin. Man sieht überall glückliche Gesichter. Und es ist eine tolle Stimmung“, sagte Jörn Jörgensen. Der Chef des neuen Titelsponsors EuroEyes absolvierte selbst die 60-Kilometer-Runde. Der Bremer Tatort-Kommissar Oliver Mommsen benötigte für die Distanz 1:32:32 Stunden. ARD-Tagesschau-Sprecher Thorsten Schröder wagte sich dagegen auf die 100 Kilometer lange Strecke und erreichte nach 2:30:34 Stunden das Ziel auf der Mönckebergstraße.

Anmeldung ist komplizierter geworden

Schon morgens um 7.30 Uhr waren die ersten Hobbyradler bei kühlem, aber sonnigem Wetter gestartet. Jens Nielsen aus Kopenhagen, der bereits zum 15. Mal an dem Radrennen in der Hansestadt teilgenommen und dieses Mal wieder die 100 Kilometer absolvierte, schwärmte anschließend von der Veranstaltung: „Es ist eine tolle Atmosphäre hier, wenn morgens die Sonne aufgeht. Und dann ist die große Anzahl der Fahrer klasse.“ Der 54 Jahre alte Däne lobte zudem die Streckenführung als „top in Nordeuropa“, kritisierte aber auch: „In den vergangenen Jahren ist die Anmeldung hier leider komplizierter geworden.“

Thomas Kuhlage aus Dülmen freute sich derweil über seine Bestzeit über die 60-Kilometer-Runde. „Das Wetter hat mitgespielt, es war schön.“ Allerdings stellte der 43-Jährige auch fest: „Die Stimmung auf der Mönckebergstraße war etwas schwächer als im Vorjahr.“

Die Räder von Christian Breudel und seinen sieben Teammitgliedern waren für schnelle Zeiten dagegen ungeeignet. Die Gruppe bestritt die 60 Kilometer auf so genannten Tretrollern. „Das ist besser für die Fitness, denn man bewegt mehr Muskeln“, sagte der Hamburger im Ziel.

Teilnehmer sind aufmerksamer geworden

Zufrieden zeigten sich auch die Guides, die für mehr Sicherheit auf der Strecke und in den Fahrerfeldern sorgen sollten. „Eigentlich war es recht ruhig. Man merkt schon, dass die Teilnehmer insgesamt doch aufmerksamer geworden sind. Allerdings hat der Wind das Feld auseinandergenommen, so waren heute auch keine größeren Gruppen unterwegs, was ansonsten ja immer ein bisschen gefährlich ist“, sagte Torsten Stephan.

So hatte es bis kurz vor Ende der Veranstaltung auch nur eine geringe Anzahl an Stürzen gegeben. In den Vorjahren war es bei den Hobbyradlern immer wieder zu Unfällen gekommen.

Rennen nicht mehr ausgebucht

Die Cyclassics befinden sich aktuell im Umbruch: Zeiten, in denen sich das Jedermann-Feld innerhalb weniger Wochen nach Anmeldebeginn gleichsam von selbst gefüllt hat, sind offenbar vorbei. Etwa 2000 der insgesamt 22.000 Startplätze über wahlweise 55, 100 oder 155 Kilometer waren noch verfügbar. Schon in den beiden Vorjahren war das Rennen nicht mehr ganz ausgebucht gewesen.

„Die Boomjahre des Radsports sind vorbei“, sagt Cyclassics-Rennleiter Michael Haas von der Agentur Ironman Unlimited Events. Er glaubt drei Faktoren ausgemacht zu haben, die den Aufschwung gebremst haben.


Erstens: die Sorge um die Sicherheit. „Manchen ist es zu hektisch, zu gefährlich“, sagt Haas. Wolfgang Strohband, der Vorsitzende der Radsport-Gemeinschaft Hamburg und frühere Jan-Ullrich-Manager, kann den Einwand nachvollziehen. Er sagt: „Mir wird manchmal übel, wenn ich sehe, wie es zugeht. In der Gruppe zu fahren will nun einmal gelernt sein.“ Die Cyclassics-Veranstalter versuchen mit speziellen Maßnahmen gegenzusteuern. So mischen sich 100 sogenannte Safer-Cycling-Guides unter die Teilnehmer, um ihnen auf der Strecke Tipps zu geben und kritische Situationen zu vermeiden. Schon 2011 wurde ein Startblock für Frauen eingeführt, um Einsteigerinnen die Angst vor Unfällen zu nehmen.

Kommentar: Cyclassics - so geht es weiter

Zweitens: die gewachsene Konkurrenz. Als die Cyclassics vor 20 Jahren mit ihrem innovativen Konzept eines gemeinsamen Profi- und Breitensportrennens an den Start gingen, war die Auswahl an trendigen Veranstaltungen zum Mitmachen begrenzt. Haas: „Es gab keinen Urbanathlon, kein Tough Mudder, keinen Köhlbrandbrückenlauf.“ Zudem hat sich seine Agentur Ironman selbst Konkurrenz gemacht, als sie 2002 den Triathlon aus der Taufe hob.

Drittens: die fehlenden Zugpferde. Im Windschatten von Jan Ullrich und Erik Zabel fuhren die Cyclassics rasch an die Spitze der beliebtesten Radrennen, bevor die einstigen Telekom-Stars im Dopingsumpf versanken. Die neue Generation um Vorjahressieger André Greipel, Marcel Kittel, John Degenkolb und Tony Martin ist zwar erfolgreich und mutmaßlich sauber, konnte aber noch keine Radsportwelle lostreten.

Junge Zielgruppen für die Cyclassics erschließen

Immerhin: Das Fernsehen beginnt sich wieder zu interessieren. Im Vorjahr berichtete die ARD erstmals nach sechs Jahren wieder live vom einzigen deutschen Rennen der World-Tour-Serie. Diesmal kommen wegen der gleichzeitigen Olympia-Übertragung die Spartensender zum Zug: Sport 1 überträgt die Schlussphase des Profirennens live von 15.30 bis 17 Uhr, Eurosport zeigt von 19.15 bis 20 Uhr eine Zusammenfassung.

Was den Reiz dieses immer noch mit Abstand beliebtesten deutschen Radrennens ausmacht, werden die Bilder nur erahnen lassen. Den Ausblick auf die Schönheiten der Stadt. Das fast lautlose Dahingleiten über abgesperrte Straßen. Die Anfeuerung durch die Zuschauer. „Hamburg ist sicher eine der tollsten Strecken weltweit“, sagt Haas.

Damit das so bleibt, will Veranstalter Ironman neue, junge Zielgruppen für die Cyclassics erschließen. So wird der im Vorjahr eingeführte „Feuer-und-Flamme-Ride“ unter dem Namen „Urban+E-Bike Ride“ weitergeführt: Ohne Zeitnahme können sich Teilnehmer ab 15 Jahren auf einem beliebigen Rad an das 55-Kilometer-Feld heften.

„Fahrradfahren ist ein urbaner Trend, den wir aufgreifen müssen“, sagt Haas. Darauf zielt auch das sogenannte Rad-Race-Battle am Sonnabend auf der Mönckebergstraße. Auf einer Strecke von nur 200 Metern wird hier „eins gegen eins“ gesprintet. Die Wettkampfform trifft offenbar den Nerv der Zeit: Das Männerrennen ist bereits ausgebucht. Integriert sind erstmals auch 25 Special-Olympics-Teilnehmer.

Dass sich der Radsport neue Bühnen sucht, kann auch Wolfgang Strohband bestätigen. So erfreut sich die BMX-Abteilung der RG Hamburg seit der Fertigstellung der neuen Rennstrecke in Farmsen regen Zulaufs bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahl der klassischen Straßenradsportler dagegen stagniert. „Vielleicht ist der Aufwand einfach zu groß“, sagt Strohband.


( HA )

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