Internetstandort Hamburg

Spieleentwickler Bigpoint entlässt 120 Mitarbeiter

Die Wachstumsstory des Hamburger Unternehmens ist vorbei. Gründer Heiko Hubertz wechselt in den Aufsichtsrat.

Hamburg. Im Internet hatte es bereits einige böse Vorahnungen gegeben, gestern standen daraufhin etliche Mitarbeiter im repräsentativen Innenhof der Bigpoint-Zentrale in Hamburg und kämpften mit den Tränen. 120 Beschäftigte des Spieleentwicklers, davon allein 80 in der Hansestadt verlieren ihren Arbeitsplatz. "Wir müssen heute leider 80 Arbeitsplätze streichen", sagte der Gründer Heiko Hubertz gestern Mittag und versuchte bei einem sehr kurzfristig anberaumten Gespräch mit dem Abendblatt wohl weiteren Gerüchten zuvorzukommen. Die Nachricht über den Stellenabbau kommt für die Mitarbeiter zwar in einer Zeit, in der die Boomphase bei den Internetspielen vorbei zu sein scheint, sie ist aber dennoch überraschend, weil Bigpoint über Jahre eine fast beispiellose Erfolgsstory geschrieben hatte.

Das Unternehmen, Erfinder von Spieleklassikern wie Farmerama und Drakensang, war in wenigen Jahren auf mehr als 800 Beschäftigte angewachsen, die bei rauschenden Mitarbeiterpartys etwa auf der "Cap San Diego" auf ihre Erfolge angestoßen hatten. Für 350 Millionen Dollar (269 Millionen Euro) beteiligten sich Finanzinvestoren an der Firma und auch die internationale Expansion schienen die Hamburger mit großer Kraft voranzutreiben.

Doch nun verlässt die Softwareentwickler anscheinend das Glück - und bald auch der Chef und Gründer, der mit dem Verkauf seiner Anteile in jungen Jahren zum Multimillionär geworden ist: Heiko Hubertz wechselt im Januar des nächsten Jahres vom Chefsessel an die Spitze des Aufsichtsrates und nimmt damit eher eine "beratende Funktion ein", wie der Hamburger es gestern formulierte. Als Gründe nennt der 36-Jährige, der in einer langjährigen Beziehung mit seiner Freundin lebt, seine Familienplanung und den Wunsch, nach einer langen Zeit mit Bigpoint, die viel Arbeit und Kraft gekostet habe, eine Auszeit zu nehmen.

Der jungenhaft wirkende Manager, der schon als Schüler erste eigene Spiele programmierte, konnte in den vergangenen Jahren den Umsatz stets vervielfachen. "Diese Zeiten sind nun erst mal vorbei", sagte Hubertz, außerdem versuchten neben etablierten Konkurrenten wie Zynga immer mehr junge Firmen in diesem Geschäft mitzuverdienen. Auch der Hype um die Spiele für Smartphones geht seinem Ende entgegen. "In diesem Markt verdient man praktisch nichts." Bei Bigpoint, aber auch bei einigen Konkurrenzfirmen, waren in diesem Bereich zuletzt bereits Kapazitäten abgebaut worden.

In den vergangenen drei Jahren hatte Hubertz vorwiegend in Kalifornien gelebt und dort versucht, das Modell Bigpoint, welches mehrere Auszeichnungen bekam, auf einen Wert von 600 Millionen Dollar taxiert wurde und Hunderte Jobs geschaffen hat, zu duplizieren. Doch damit ist der Unternehmer nun offenbar gescheitert. "Es war zu teuer, in den USA Spiele eigens für den amerikanischen Markt zu entwickeln", sagte Hubertz gestern, der zu detaillierten Geschäftszahlen grundsätzlich schweigt.

Die Idee, die Nutzer Abenteuer-, Fantasy- oder Bauernhofspiele kostenlos spielen zu lassen, und durch den Verkauf von virtuellen Gegenständen wie Schwertern oder Tieren Geld zu verdienen, funktioniert zwar weltweit. "Doch der Standort in San Francisco ist extrem kostspielig", sagte Hubertz. In der Branche wurde gemunkelt, dass Bigpoints Niederlassung am Pazifik im vergangenen Jahr einige Millionen Dollar Verlust angehäuft haben soll. Diese roten Zahlen kosten nun auch im Silicon Valley etliche Mitarbeiter den Job: "Wir trennen uns in Kalifornien von 40 Leuten und schließen die Entwicklungsabteilung", so Hubertz. Bestehen bleibt lediglich ein Vertriebsbüro mit einem Dutzend Mitarbeitern, welche die in Deutschland entwickelten Spiele auf den Markt bringen, übrigens eine Strategie, die Bigpoint auch in anderen spiele-affinen Ländern verfolgt, mit Büros unter anderem in São Paulo (Brasilien), London, Paris und Malta. Durch diese weltweite Präsenz hat es Bigpoint mit seinen gut 70 Onlinespielen immerhin auf eine Präsenz in mehr als 150 Ländern gebracht und bedient nach eigenen Angaben eine Kundschaft von mehr als 290 Millionen Spielern.

Um diese werden sich nun ein neues Leitungsteam und die verbleibenden Mitarbeiter kümmern müssen. Schon vor einigen Monaten hatte Hubertz mit Führungskräften wie Christian Unger (vormals Chef der Schweizer Mediengruppe Ringier) oder Khaled Helioui erfahrene Manager ins Unternehmen geholt. Noch steht aber der Name des Nachfolgers von Hubertz nicht fest. "Das werden wir bis zum Ende des Jahres bekannt geben", sagte der Gründer, der noch rund 30 Prozent am Unternehmen besitzt.

Als ein umtriebiger und mit einigen finanziellen Freiheiten ausgestatteter Unternehmer wird sich der gebürtige Schleswig-Holsteiner nun allerdings kaum zur Ruhe setzen: Zunächst lebt Hubertz sich wieder in Hamburg ein, will nach eigenen Worten viel reisen, fremde Kulturen kennenlernen und dann auch die eine oder andere Idee wieder an die Elbe mitbringen: "Ich kann mir gut vorstellen, wieder etwas Neues auf die Beine zu stellen."