Abendblatt-Interview mit Top-Manager Löscher

Siemens kämpft gegen neun Bewerber um Stadtbahn-Auftrag

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Topmanager Peter Löscher sagt, was Firmen vom FC Barcelona lernen können und welche Pläne der Industriekonzern für Hamburg hat.

Hamburg. Mittags im Rathaus beim neuen Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU), wenig später im Newsroom des Abendblatts. Siemens -Chef Peter Löscher zu Besuch in Hamburg. Der Topmanager fing schnell Feuer bei den Fragen nach seinem Lieblingsverein, dem FC Barcelona. Und neue Botschaften zu seiner zweiten Leidenschaft, der grünen Technologie, hatte er auch - speziell für die Hansestadt.

Hamburger Abendblatt:

Der Vater Ihrer Frau war Präsident beim FC Barcelona, Ihre Kinder sind dort Mitglied ...

Peter Löscher:

Wir alle sind dort Mitglied, ich auch. Und meine Kinder hat ihr Großvater beim FC Barcelona bereits angemeldet, bevor sie eine Geburtsurkunde hatten.

Haben Sie Lionel Messi schon mal die Hand gedrückt?

Selbstverständlich kenne ich Lionel Messi. Ich habe in meinem Büro sogar ein Trikot von ihm mit einer persönlichen Widmung hängen. Jeder hat seine Passion im Leben. Und für mich ist die Passion der Familie ein ganz hohes Gut, dem ich mich auch fußballerisch voll anschließe.

Was können Manager von dem Spiel des FC Barcelona, der wohl weltweit besten Vereinsmannschaft im Fußball, lernen?

Dieses schnelle Kurzpassspiel, das man in Spanien Tiki-Taka nennt, beruht auf einem blinden Verständnis der Spieler untereinander. Das ist eine hohe Kunst, von der sich Führungskräfte in Unternehmen viel abschauen können. Schnell, aber überlegt und immer auf ein konkretes Ziel ausgerichtet als Team handeln - so würde ich die Tiki-Taka-Philosophie in deutschen Unternehmen beschreiben. Auch das Motto des Vereins "Mehr als ein Klub" sollte im Stammbuch aller Unternehmen stehen. So wirbt der FC Barcelona als einziger Fußballklub der Welt auf den Trikots kostenlos für Unicef, lässt sich so Millionen an möglichen Einnahmen entgehen und spendet jährlich sehr viel Geld an die Hilfsorganisation. Dieses Verhalten zeigt der Wirtschaft: Soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit sollten beim unternehmerischen Handeln stets eine wichtige Rolle spielen.

Haben Sie selbst Fußball gespielt?

Selbstverständlich, mit großer Begeisterung in der Jugendmannschaft meines Heimatortes. Als Libero.

Sind Sie als Manager eher ein Teamplayer oder ein Solist?

Auf jeden Fall ein Teamplayer. Denn auch für Unternehmen gilt: Nur als Mannschaft kann man gewinnen.

Vor gut drei Jahren haben Sie den Vorstandsvorsitz bei Siemens übernommen, den Konzern komplett umgebaut. Wie sieht Ihre Vision für Siemens aus?

Wir setzten drei Schwerpunkte für Siemens. Erstens: Wir wollen grüne Technologie vorantreiben. Bereits heute arbeiten in diesem Bereich 100.000 Beschäftigte für uns. In diesem Jahr wollen wir mit Umwelttechnologie mehr als 25 Milliarden Euro, also ein Drittel unseres Gesamtumsatzes, erlösen. Wir stecken zudem jedes Jahr eine Milliarde Euro in die grüne Forschung. Zweitens: Wir haben uns ganz bewusst von Geschäften getrennt, die wir nicht richtig beherrscht haben. Das hat uns vorangebracht und bleibt als Kriterium weiterhin richtig. Wir besinnen uns wieder konsequent auf unsere Wurzeln als Industriekonzern für Infrastruktur. Drittens: Wir verstehen uns als Innovationsführer und wollen als Pioniere wichtige technologische Entwicklungen voranbringen. Als Beispiele nenne ich nur unsere Beteiligung an dem Wüstenstromprojekt, unser Engagement bei Elektroautos und bei intelligenten Energiekonzepten für Städte.

Früher hat man Siemens vor allem mit Atomkraft in Verbindung gebracht, heute sind Sie der weltgrößte Anbieter von Umwelttechnologie. Steckt hinter dem Wandel nur der Blick auf lukrative Geschäfte?

Nicht nur, aber auch. Die Gründe für unser Engagement sind vielschichtig. Als ich bei Siemens anfing, konnte mir niemand genau sagen, wie groß unser Umweltportfolio war. Schon damals hatten wir viel grüne Technologie im Angebot. 2007 lag der Umsatz bei 17 Milliarden Euro, aber die Aktivitäten waren auf viele Bereiche verteilt. Wir haben dann eine grüne Strategie entwickelt, mit der wir nun ein gutes Geschäft machen. Aber darüber hinaus geht es uns auch um das nachhaltige Wirtschaften. Der Klimawandel ist ja kein Hirngespinst, sondern eine Realität. Mit unserer grünen Technologie haben wir es geschafft, dass 210 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden konnten. Das entspricht dem jährlichen CO2-Ausstoß von New York, London, Berlin und Tokio zusammen. Und darauf sind wir schon stolz.

Wie sieht die weltweite Energieerzeugung der Zukunft aus?

Wir werden noch viele Jahre lang einen breiten Energiemix haben - aus regenerativen Energien, fossilen Brennstoffen und Kernkraft. Der Vormarsch der Energiegewinnung aus Wind, Wasser und Sonne wird nicht aufzuhalten sein. Doch wir dürfen bei dieser Diskussion nicht vergessen, dass wir Energie effizient einsetzen müssen. 40 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs und 20 Prozent des CO2-Ausstoßes entfallen auf Gebäude! Wir könnten den Verbrauch um etwa ein Drittel senken, wenn diese mit einer optimalen Wärmedämmung und moderner Gebäudetechnik nachgerüstet würden.

Warum haben Sie den jüngsten Aufruf führender Manager gegen einen Ausstieg aus der Atomkraft nicht unterzeichnet?

Ich bin grundsätzlich zurückhaltend bei der Beteiligung an allgemeinen Aufrufen und der Kommunikation über Zeitungsanzeigen. Siemens stand immer und steht auch in der Zukunft für den direkten Dialog mit der Politik.

Das Nichtdurchringen zu einer Unterschrift könnte man Ihnen auch als Feigheit auslegen.

Wieso?

Möglicherweise fürchten Sie um lukrative staatliche Aufträge, wenn Sie es sich mit der Kanzlerin verderben?

Dieser Gedanke liegt mir fern.

Halten Sie längere Laufzeiten für Atomkraftwerke für notwendig?

Wir brauchen einen ausgewogenen Energiemix, und ich bin der festen Überzeugung, dass die Bundesregierung eine vernünftige Lösung in der Frage der Laufzeiten anstrebt.

Sehr diplomatisch.

Wir sind ein neutraler Technologieanbieter mit einem breiten Portfolio. Die Kunden entscheiden letztlich, was sie kaufen wollen, und die nationalen Rahmenbedingungen setzt jeweils die Politik. Wir bieten die Lösungen an. Als Siemens-Chef habe ich da keine politischen Forderungen zu stellen.

Welche alternativen Energien haben langfristig das größte Potenzial - Wind, Wasser oder Sonne?

Das hängt von den Begebenheiten der einzelnen Länder ab. In Österreich und anderen Staaten wird die Wasserkraft stets eine bedeutende Rolle spielen. In Küstenregionen wird man eher auf Wind, in heißen Ländern auf Sonne setzen. Blickt man auf die Subventionen, wird die Windkraft wohl schneller auf Zuschüsse verzichten können als die Solarenergie.

Würden Sie sich privat selbst als einen "Öko" bezeichnen?

Ich würde mich privat als umweltbewusst bezeichnen.

Schauen Sie beim Kauf eines Wäschetrockners auf den Stromverbrauch?

Den Trockner kauft meine Frau, aber ich gucke schon bei Neuanschaffungen auf den Stromverbrauch.

... und der Stand-by-Modus bei Ihrem Fernseher ist stets ausgeschaltet?

Darum bemühe ich mich.

Blicken wir nach Hamburg: Die Stadt ist zur Green Capital 2011 gewählt worden, hat ehrgeizige CO2-Ziele. Welche Lösungen hat Siemens im Angebot?

Viele. Die städtischen Gebäude können mit unserer Technik sehr viel energieeffizienter genutzt werden. Zudem können wir dazu beitragen, dass der Verkehr in Hamburg ökologisch verträglicher fließt. Ein wichtiges Projekt ist hierbei die Stadtbahn ...

Sie bewerben sich um den Auftrag?

Ja. Ich denke, dass wir eine exzellente Technik für die Stadtbahn anbieten können. In Lissabon und Budapest sind unsere Bahnen bereits unterwegs. Um das Umweltbewusstsein in den Städten zu schärfen, werden wir Ende November mit renommierten Wissenschaftlern einen sogenannten Green-City-Index für zwölf große deutsche Städte veröffentlichen. Etwas Vergleichbares haben wir vergangenes Jahr bereits für 30 europäische Metropolen gemacht. Aus diesen Indizes lässt sich ablesen, wie ökologisch eine Stadt bereits agiert und wo sie noch Potenziale hat. In diesen Index werden unter anderem Parameter wie die Luftqualität und die Energieeffizienz öffentlicher Gebäude einfließen. Auch Hamburg wird dort untersucht.

Siemens ist in Hamburg ein wichtiger Arbeitgeber. Wie sehen Ihre Pläne für den Standort aus?

Wir sind mit der Entwicklung in Hamburg sehr zufrieden, haben ja erst kürzlich die Europazentrale für die Windkraft in der Hansestadt angesiedelt. Wir planen weitere Investitionen in Hamburg und wollen dann auch neue Arbeitsplätze schaffen.