Hamburgs Künstlerviertel

Senat will Millionen für Gängeviertel ausgeben

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Joachim Mischke und Matthias Rebaschus

Foto: dpa

Vor einem Jahr besetzten Künstler das Gängeviertel. Stadtentwicklungssenatorin Hajduk und die Initiativensprecherin über Erreichtes und Zukünftiges.

Hamburg. Es gibt Kaffee und Kuchen, die Stimmung im Gängeviertel ist, als ob die Erbtante zu Besuch käme. Normalerweise gehen Hausbesitzer und Hausbesetzer anders miteinander um. Doch kurz vor dem ersten Jubiläum der als "Hof-Fest mit kultureller Bespielung" bezeichneten freundlichen Übernahme des historischen Quartiers wirken Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk (GAL) und die Initiativen-Sprecherin Christine Ebeling sehr entspannt. Man kennt und schätzt sich inzwischen. An diesem Wochenende soll das gemeinsam Erreichte gefeiert werden.

Abendblatt:

Wo stehen die Verhandlungen?

Anja Hajduk:

Wir arbeiten intensiv an dem Nutzungskonzept und dem städtebaulichen Konzept. Wir wollen aus dem Areal ein Sanierungs- und Stadtumbaugebiet machen. Der Fortschritt ist sehr weitgehend. Die Untersuchungen der baulichen Situationen sind weitgehend erfolgt. Im September wollen wir zum Abschluss kommen, damit wir Ende Oktober eine Senatsentscheidung über das neue Entwicklungskonzept herbeiführen können. Dann hätten wir binnen eines Jahres eine Neukonzeptionierung für das Gängeviertel geschaffen.

Abendblatt:

Wie ist der Stand der Sanierungspläne, und was kostet das?

Hajduk:

Die Kosten dafür sollen auch im September ermittelt werden. Dazu gehört auch eine Einigung über die zukünftige Nutzung und die Rolle der Nutzer. Wir wollen Wohnungen bauen und Ateliers schaffen. Und zum Zeitablauf: Normalerweise dauert die Entscheidung zur Vorbereitung eines Sanierungsgebiets wesentlich länger.

Christine Ebeling:

Dazu wollen wir für die geförderten Wohnungen eine Belebungskommission einrichten, in der nicht nur Gängeviertel-Nutzer sitzen.

Abendblatt:

Konnten Sie Stiftungen, Mäzene oder andere Förderer gewinnen?

Ebeling:

Es sieht ganz gut aus. Wir warten auf rechtliche Grundlagen.

Abendblatt:

Welcher Teil der Verhandlungen war besonders hakelig?

Ebeling:

Die sind ja noch nicht abgeschlossen. Aber wir haben die meisten Daten zusammen. Wir wollen auch schriftlich regeln, wie die Nutzungen im Einzelnen aussehen werden, wer welche Rechte und Pflichten hat. Und sehr wichtig ist, wie es sein wird, wenn das Sanierungsgebiet abgeschlossen ist.

Abendblatt:

Die Stadt ist in der Bringschuld, was das Geld angeht?

Hajduk:

Das Gängeviertel hat ja bis jetzt auch schon Kosten verursacht. Es bietet als innerstädtisches Quartier im Besitz der Stadt aber auch einen hohen Gegenwert. Ich bin dazu bereit und habe das im Senat auch so angekündigt, dass wir diese Sanierung aus unseren Fördertöpfen mit einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag finanzieren.

Abendblatt:

Wann ist der erste Mieter hier?

Ebeling:

Ende kommenden Jahres.

Hajduk:

Ende 2011 sollen die ersten Häuser durch sein. Insgesamt dauert die Sanierung voraussichtlich vier Jahre.

Abendblatt:

Hätten Sie gedacht, heute so weit zu sein?

Hajduk:

Nein, ich war mir nicht sicher. Ich war mir auch nicht sicher, mit meinen Vorstellungen Resonanz zu finden.

Ebeling:

Wir hatten anfangs nicht wirklich damit gerechnet. Wir kannten den Weg ja noch nicht. Und wir wussten nicht, welche Kräfte da wie wirken. Mit dem Eckpunktepapier änderte sich das. Damit war der Pfad gesteckt.

Abendblatt:

Jetzt ist das also die Handschrift der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU)?

Ebeling:

Ja. Da sind wir auch alle dankbar. Denn bei der BSU sind wir in wesentlich besseren Händen als bei der Kulturbehörde.

Abendblatt:

Sie beide machen einen sehr harmonischen Eindruck. Alle hier haben sich rundum lieb?

Hajduk:

So würde ich das nicht ausdrücken. Wir haben eine hohe Gemeinsamkeit in der Zielsetzung. Ich finde es wichtig, dass die Zusammenarbeit mit der Initiative dauerhaft geregelt wird. Was hier eingebracht wurde, soll auch weiter zur Entfaltung kommen.

Abendblatt:

Wo steht das Gängeviertel jetzt konzeptionell?

Hajduk:

Die Initiative hat die Senatspolitik korrigiert und durch friedliche Besetzung ein Innehalten erzwungen. Wir haben uns auf den Gebäudeerhalt orientiert, auf eine Nutzung, die die Öffentlichkeit des Orts betont, die Künstler, Kreative und günstigen Wohnraum auf neue Weise zusammenbringt.

Ebeling:

Wir wollen hier aber auch Kleingewerbe ermöglichen, Raum für soziale Projekte schaffen. In unserem Herzstück sollen Räume zur temporären Nutzung allen offen stehen, ob Schulen oder Theaterprojekte, ob Workshops oder Seminare.

Abendblatt:

Institutionalisierung durch die Stadt gegen kreativen Freiraum also. Ist es nicht schwierig, zwischen diesen beiden Polen zu manövrieren?

Hajduk:

Die Stadt als Eigentümerin braucht einen rechtlichen Rahmen, um die Sanierung finanzieren zu können. Da brauchen wir bestimmte Rollen. Wie sich das Leben hier gestaltet, wird von den Menschen hier abhängen. Das ist auch gut so, da müssen wir uns nicht übermäßig einmischen.

Abendblatt:

Hat das Areal hier nicht auch eine Feigenblatt-Funktion? Andere Protest-Adressen waren weniger erfolgreich.

Hajduk:

Mit Feigenblatt wird man dem Gängeviertel nicht gerecht. Damit wird man auch der Initiative "Komm in die Gänge" nicht gerecht. Ich glaube, es ist gut, dass sich hier zeigt: Ein Protest gegen eine vorhandene Planung kann einen qualitativen Gewinn erzeugen, gerade weil diese Initiative beides vereinen konnte: Kritik formulieren und einen Plan haben, was man inhaltlich will, und darin kommunikationsbereit zu sein. Da lassen wir uns gern anstecken.

Abendblatt:

Kann sich die Stadtentwicklungsbehörde vorstellen, in Zukunft auch an anderen Stellen solche Initiativen mehr zu unterstützen und mehr Zeit zu geben?

Hajduk:

Die Anregungen sind in meinem Haus ja auf fruchtbaren Boden gefallen. Bei der Überarbeitung des Masterplans für die östliche HafenCity beispielsweise haben wir mittlerweile neue Entscheidungen zum Oberhafen getroffen. Es wird voraussichtlich Anfang Dezember auf Kampnagel ein Symposium geben, das sich mit der Zukunft des Oberhafens als Kultur- und Kreativquartier beschäftigt. Die Rolle von Künstlern und Kreativen, das habe ich gelernt, die sollte die Politik nicht alleine definieren. Wir sind aber sensibel dafür, dass sie Möglichkeiten bekommen.

Abendblatt:

Unter Innensenator Ahlhaus sind die "Recht auf Stadt"-Aktivisten im Verfassungsschutzbericht noch in die Nähe der Autonomen gerückt worden.

Hajduk:

Ich glaube, dass das eine sehr unterschiedlich strukturierte Gruppe ist. Für mich ist es wichtig, im Senat eine Politik zu unterstützen, die neben Ökonomie auch andere Akzente setzt. Wir müssen auch als Stadt im Sinne des Gemeinwohls Einfluss nehmen. Auch mit dem designierten Bürgermeister haben wir gesprochen und festgestellt, dass wir auf einer Linie liegen. Der Senat trägt voll unseren Vorschlag, wie wir mit dem Gängeviertel umgehen. Da brauche ich nicht zu kämpfen.

Abendblatt:

Die Kulturbehörde ist komplett raus? Oder fädelt sich in Zukunft wieder jemand ein?

Hajduk:

Diese Sanierungsfrage und die städtebauliche Überarbeitung sind weitgehend in meinem Haus angesiedelt. Wenn die Kulturbehörde wieder in ihrer Kompetenz angesprochen sein wird, fädelt man das mit Sicherheit ein. Heute arbeitet die BSU mit dem Bezirk Mitte und dem Denkmalschutzamt, das auch Teil der Kulturbehörde ist, und der Initiative in einer Gruppe.

Abendblatt:

Wer hat letztlich im Verhandlungsprozess gewonnen? Oder: Wer hat mehr blaue Flecken?

Ebeling (lacht):

Das Gängeviertel hat gewonnen.

Hajduk (lacht):

Das Kind hat gewonnen, und die Eltern ...

Ebeling (lacht):

haben blaue Flecken.

Hajduk (lacht):

... haben sich sehr viel Mühe gegeben. Bei der Erziehung des Kindes.

Ebeling:

Ich kann mir vorstellen, dass es noch Punkte gibt, bei denen wir blaue Flecken haben werden.

Hajduk:

Im September müssen wir noch ein paar Knoten durchschlagen.

Abendblatt:

Was sagt das über die Haltung der Stadt aus?

Hajduk:

Das wäre zu einfach, jetzt einen Schuldigen zu nennen. Im Ernst hat sich die Stadt Hamburg in den vergangenen 20 Jahren hier sehr schwergetan. Anfang der 90er sah man sich nicht in der Lage, die Zukunft des Gängeviertels in eigener Verantwortung klug zu lösen. Dann setzte man auf private Lösungen, während das Gängeviertel in einen immer schlimmeren Zustand rutschte. Die Vorgeschichte ist also kein Ruhmesblatt. Aber die jüngste Geschichte ist ein gutes Signal für eine tolle Zukunft.

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