Maritimer Gipfel

Reeder-Chef: "1000 deutsche Schiffe sind in Gefahr"

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Der neue Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder fordert Hilfen für mittelständische Schiffseigner.

Hamburg/Berlin. Der Norden schaut am Donnerstag nach Berlin: Zum Maritimen Gipfel, der am Nachmittag im Wirtschaftsministerium in Berlin beginnt, werden Regierungsmitglieder aus allen fünf Küstenländern sowie die Verbände von Werften, Reedereien und Häfen sowie Bankenvertreter erwartet. "Wir werden prüfen, ob sich die bestehenden Fördermaßnahmen wie der Deutschlandsfonds, aber auch Exportkredite oder die Bürgschaftsprogramme der Länder besser an die Branchen anpassen lassen", sagte Hans-Joachim Otto (FDP), der maritime Koordinator der Bundesregierung, dem Abendblatt. Vor allem die Werften leiden derzeit unter Auftragsmangel, während sich die Schifffahrt langsam erholt. Bisher gebe es 22 Zusagen über 563 Millionen Euro an Krediten für die maritime Branche, sagte Otto: "Dies entspricht zehn Prozent der Gesamtzusagen."

Das Abendblatt sprach mit dem neuen Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR), Ralf Nagel, über die Lage in der Schifffahrt. Der SPD-Politiker war von 2007 bis zum 11. Februar dieses Jahres Wirtschafts- und Hafensenator in Bremen.

Abendblatt:

Durch die sinkenden Einnahmen ist es für viele deutsche Reedereien finanziell eng geworden. Wie können Bund und Länder helfen?

Ralf Nagel:

Wir brauchen keine zusätzlichen Programme. Aber die Hilfen des Bundes und der Länder müssen an unsere Belange angepasst werden.

Abendblatt:

Wer ist am stärksten unter Druck?

Nagel:

60 Prozent der 400 deutschen Reeder haben Flotten mit bis zu vier Schiffen, der Durchschnitt liegt bei acht. Wir haben eine mittelständische Branche, die ihre Frachter nach und nach abzahlt und nun wegen der niedrigen Frachtraten ihre Betriebskosten oftmals nicht mehr decken kann. Zunächst ist das natürlich ein Problem von Eigentümern, Finanzierern und Banken.

Abendblatt:

Und dann?

Nagel:

Dann sollte die öffentliche Hand einschreiten, weil die gesunde Branche durch das konjunkturelle Problem in eine strukturelle Krise geraten kann.

Abendblatt:

Wieso?

Nagel:

Können mittelständische Reeder ihre Kosten nicht mehr decken, müssen sie Schiffe verkaufen. Diese Schiffe kann die Konkurrenz etwa aus China oder Griechenland dann günstig zukaufen und sie danach besonders billig einsetzen. Das führt zu Wettbewerbsverzerrungen.

Abendblatt:

Wie viele Schiffe sind gefährdet?

Nagel:

Wir rechnen mit bis zu 1000 Frachtern von insgesamt 3500 unter deutschem Management. Nicht alle brauchen öffentliche Hilfe, und sie muss auch nur so lange anhalten, bis das Geschäft wieder anspringt.

Abendblatt:

Wie lange dauert das noch?

Nagel:

Es gibt noch viele Unsicherheiten, aber zwei bis drei Jahre sind realistisch.

Abendblatt:

Wie schnell müssen die Hilfen organisiert sein?

Nagel:

Zunächst einmal werden wir unsere Sorgen am Donnerstag in Berlin vortragen. Sicher ist es möglich, Programme von Ländern wie Bremen oder Hamburg bis zur Sommerpause auf Schifffahrtsfirmen abzustimmen.

Abendblatt:

Welche wirtschaftliche Bedeutung haben Reedereien bundesweit?

Nagel:

Nach der Einführung der Tonnagesteuer 1999, die an den Sitz der Unternehmen in Deutschland gekoppelt ist, hat es an Land einen Zuwachs um 40 Prozent auf 22 000 Arbeitsplätze gegeben. Von 85 Milliarden Euro Umsatz der maritimen Branche erzielen die Reeder ein Drittel. Deutschland hat die größte Containerflotte der Welt und beschäftigt 65 000 Seeleute. 13 000 von ihnen sind aus der EU, die meisten davon deutsche Offiziere und Kapitäne. Diese Struktur sollte nicht durch eine von Spekulanten ausgelöste Krise zerstört werden.