Gastbeitrag von Dieter Lenzen

Die Uni der Zukunft – Zentrum der Bürgergesellschaft

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Der Präsident der Universität Hamburg hat einen Traum. Von Spitzenforschung und einer Hochschule, die weltweit als Vorbild gilt.

Hamburg. Es hat die Hochschulen kalt erwischt: Eher Kürzungen als Aufwuchs. Eher Mutlosigkeit als Wut. Sarkasmus im besseren Fall, Depression im schlechteren. Alberne Streitigkeiten darüber, ob 1 % Zuwachs in Euro auch ein Aufwuchs in Kaufkraft ist (natürlich nicht). Für solche Scharmützel haben die Bürger kein Verständnis. Sie verstehen aber die Enttäuschung in den Hochschulen. Sie wollen zu Recht eines: eine Perspektive für die Stadt, für ihre Kinder und Enkelkinder. Ein Zukunftsbild, das hält. Einen Weg nach oben. Eine Vision. Hier eine Zukunftszeichnung anno 2030:

Weltuniversität. Es gibt internationale Universitäten, EU-Unis und Koop-Unis des Bundes und der Länder. In Hamburg ist die Universität der Bundeswehr eine zivile Einrichtung, mit der Uni Hamburg fusioniert und zur "University of Northern Europe" mit erheblichen EU-Geldern aufgestiegen. Sie ist Zentrum eines Verbundes mit Oslo, Århus, Stockholm, Helsinki und institutionell verbunden mit Desy und den anderen Hamburger außeruniversitären Einrichtungen. Das war möglich, weil die Hamburger Politik 2011 der Wissenschaft die erste Priorität eingeräumt, auf jede Kürzung verzichtet und einen sofortigen Aufwuchsplan für die Wissenschaft beschlossen hatte.

Universität der Nachhaltigkeit. Unter diesem Titel rückt die Uni Hamburg an die Weltspitze, weil sie sich auf die Kernfrage der Menschheit konzentriert hat, mit ihren Forschungsprofilen, Methoden, dem Unterricht und der Selbstverwaltung, die keine Bürokratie mehr ist, sondern eine Serviceeinrichtung. Führend in einem Netzwerk der Nachhaltigkeit. Zahlreiche Betriebe der Nachhaltigkeitswirtschaft und Organisationen haben sich um die Uni herum angesiedelt. Sie ist ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Innovationstreiber geworden. Das war möglich, weil die Mitglieder der Universität 2011/12 einen einzigartigen Motivationsschub erlebt haben. Stadt und Politik hatten der Uni für ihre einzigartige Anstrengung der zurückliegenden Jahre gedankt, z. B. für die gleichzeitige Einwerbung von drei Sonderforschungsbereichen 2011, und sich zu Hamburg als Stadt der Wissenschaft bekannt und ihre Entscheidungen auf Hafen und Wissenschaft hin orientiert.

Universität der Stadt. Das kannte man nur aus Oxford oder Berlin: Um die Stadt für internationale Wissenschaftlerinnen attraktiv zu machen, werden ihnen großzügige Wohneinheiten in Uni-Nähe kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Politik stattet die Professuren so aus, wie es europaweit nur noch die ETH Zürich vermag. Die beiden ersten Nobelpreisträger nach 1945 arbeiten an der Uni. Zehntausende Wissenschaftler nehmen an den großen Weltkongressen teil, die bevorzugt in Hamburg stattfinden. Das war möglich, weil im zweiten Jahrzehnt des 21. Jh.s Konsequenzen aus den Niederlagen der zurückliegenden Dezennien gezogen wurden. Ein fester Prozentsatz der von der Stadt generierten Steuern und Einnahmen wurde als "Bildungssoli" reserviert. Mehr Steuerehrlichkeit war die Folge, weil die Bürger verstanden, dass Bildungsinvestitionen eine Wertschöpfung von 500 % (nach sich ziehen.

Campusuniversität. Die Universität verfügt über einen von Grund auf erneuerten Campus, über ein architektonisches Highlight, das die enge Verbindung zwischen der Weltoffenheit des Hafens und der Wissenschaft symbolisiert. Ein Konsortium der ersten Architekturadressen von Foster über Libeskind bis Kohlhaas konnte für dieses einzigartige Projekt gewonnen werden, in das in 20 Jahren rund 2 Milliarden Euro flossen, etwa die Hälfte von dem, was das Inselprojekt gekostet hätte. Das war möglich, weil die Stadt auf ihre Wirtschaftskraft vertraut hatte und sich für diese Zweck nicht scheute, eine zukunftsichernde Verschuldung in Kauf zu nehmen.

Lernuniversität. Erkenntnisse der Neuropsychologie, wonach Menschen selbst gesteuert lernen müssen, und neue Entwicklungen hinsichtlich der Mensch-Maschine-Schnittstelle haben die Uni unter die ersten Adressen der internationalen Unterrichtswissenschaft katapultiert. Lernerleichterungen werden in Hamburg entwickelt und erprobt. Lernsoftware kommt aus Hamburg. Lehrende und Lernende investieren die gewonnene Zeit statt in Vorlesungen und Klausuren in die Bildung freier, mündiger Persönlichkeiten, die Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Das war möglich, weil Politik und Uni mit Unterstützung des Bundes ein nationales Institut für Hochschulunterricht gründeten, das gegen Bezahlung auch die Entwicklung von Lerneinheiten für andere Hochschulen übernommen hat.

Bildungsuniversität. Zwischen 2020 und 2030 geht die Gewaltkriminalität in der Stadt um mehr als 50 % zurück. Das geht zurück auf das Programm "Patenduo" der Uni und der Politik: Studierende übernehmen Patenschaften für Kinder und Eltern aus bildungsfernen Familien und umgekehrt werden Bürgerinnen und Bürger zu UNIpaten. So werden einerseits Menschen durch individuelle Unterstützung an Bildung herangeführt, und die Uni genießt das Engagement der Bürger, die ihr entweder durch eigene Arbeit oder finanziell helfen. Dieser "Big Deal" war möglich, weil 2011/12 Politik und Hochschulen einen Pakt "Wissenschaft für die Stadt - Stadt für die Wissenschaft" eingingen, an dem sich Zehntausende beteiligten.

Universität der Menschen. Interne Verwerfungen, für die die Uni in den zurückliegenden vier Dezennien berüchtigt war, gehören der Vergangenheit an. Bereits 2020 wird die Universität durch ein neues gestuftes Entscheidungsverfahren gesteuert. Der Grundsatz: Jeder Mensch, der von einer Entscheidung betroffen ist, muss seinen Willen artikulieren können. Die neuen elektronischen Möglichkeiten ermöglichen zeitnahe Befragungen. Niemand kann beanspruchen, für andere zu sprechen. Dieses Prinzip kann durch Delegation nicht außer Kraft gesetzt werden. Die Entscheider müssen sich in dieser "akademischen Republik" rechtfertigen, die der deutschen Universitätsidee im 18. und 19.Jahrhundert zugrunde lag. Das war möglich geworden, weil Politik und Hochschulleitungen darauf verzichtet haben, parteiliche oder partikulare Interessen durchsetzen zu wollen. Dazu verpflichteten sie sich im "Bündnis für autonome Hochschulen", zu dem fünfjährige Hochschulverträge zwischen dem Staat und den Hochschulen mit sicheren Budgets und einer jährlichen realen Aufwuchssumme von 3 % gehörten.

Als Zeichen ihres ernsten Willens zur Gestaltung einer Wissenschaftsstadt Hamburg zog die Politik 2011 ihre zunächst beabsichtigte Kürzungsplanung zurück und erntete dafür sehr viel Zustimmung. Die Hochschulen ihrerseits erklärten daraufhin ihre Bereitschaft zu einem "Hamburger Hochschulfrieden", indem sie sich verpflichteten, bei Einhaltung der politischen Zusagen Vertragsverhandlungen mit dem Staat einzugehen, in denen Rechte und Pflichten der beiden Parteien einvernehmlich und verbindlich festgelegt wurden.

2030 wurde das Experiment von einer Kommission der OECD und den Vereinten Nationen evaluiert und zum "model for world universities and universities of the world" erklärt.