Der rote Faden

Ingo Hagemann - so viele Ideen, so viele Berufe

Freut sich auf sein neues Eiscafé in Rissen: Kulturmanager Ingo Hagemann

Freut sich auf sein neues Eiscafé in Rissen: Kulturmanager Ingo Hagemann

Foto: Roland Magunia

Ingo Hagemann hat Koch gelernt, Restaurants, Theater und Künstler gemanagt. Nun eröffnet er auch noch ein Eiscafé im Hamburger Westen.

Fadi Friek, 36 Jahre alt, schämt sich. Er ist Syrer, ein junger Mann, Single und Flüchtling. Damit erfüllt er vordergründig die Klischees über fremd aussehende Männer, die Frauen belästigen. So jedenfalls wird seit den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht des vergangenen Jahres an realen und virtuellen Stammtischen eingeschätzt und diskutiert.

„Wir sprechen häufig über das Problem. Es bedrückt und ärgert ihn“, sagt Ingo Hagemann, 50, Wahlhamburger und als Kulturmanager in der Stadt bekannt und bestens vernetzt. Vor zehn Jahren hat er Friek bei einem Kultur-Projekt in Dubai kennengelernt. Daraus wurde Freundschaft, und als der syrische Christ 2014 Aleppo in Todesangst vor dem Krieg verließ, war es keine Frage, dass Hagemann half.

Inzwischen hat der Flüchtling Friek eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis, spricht Deutsch, hat eine eigene Wohnung, einen Arbeitsplatz, gilt damit als integriert. Gern würde er mit dem Vorurteil aufräumen, sein kultureller Hintergrund sei noch irgendwo in der Steinzeit angesiedelt. Aleppo war eine offene, eine moderne Stadt. Frauen und Männer lebten problemlos miteinander. Doch seit die geschichtsträchtige Metropole dem Bombenhagel verschiedenster Kriegstreiber zum Opfer fiel und die Religionszugehörigkeit wichtiger ist als das menschenverbindende Gebot „Du sollst nicht töten“, ist nichts mehr, wie es war. Fadi Friek hat wie viele seiner Landsleute nicht nur die Heimat verloren, sondern auch die Selbstverständlichkeit des Daseins.

Sein Freund Hagemann ist in diesen beunruhigenden Zeiten einer von denen, die an einer gemeinsamen Zukunft mit den Einwanderern basteln. Demnächst wird er mit Friek in Rissen das Eiscafé Kalte Hundeschnauze eröffnen. Das passt, denn der Partner hat vor dem Bürgerkrieg mit seinem Bruder in Aleppo eine Eiskette betrieben. Und Ingo Hagemann ist quasi auch vom Fach. Er hat einmal Koch und Restaurantfachmann gelernt. „Eis machen, wenn auch nur portionsweise, gehörte damals zum Job dazu“, sagt er.

Noch sind die Handwerker da, und noch weist nur eine Riesen-Eistüte im Schaufenster darauf hin, dass in der Einkaufsmeile demnächst eine Speiseeis-Produktion zum Zuschauen anlaufen wird. In einem gläsernen Kubus im Inneren sollen die Kunden beobachten können, wie aus der Milch von Kruses Kühen in Rellingen Eisspezialitäten werden. Und auch der Kaffee stammt aus der Region – von Beckings Traditionsrösterei.

Mehrfach nahm auf Partys seineLaufbahn eine neue Wendung

Dass der umtriebige Herr Hagemann derzeit in Eis macht, ist also weniger ungewöhnlich, als es scheint. Sowieso hat dieser Mann in seinem Leben so viele verschiedene Jobs gehabt, dass es schwer fällt, alles in eine Geschichte zu packen. „Eigentlich wollte ich ja Hoteldirektor werden“, erzählt er. Doch ausgerechnet diesen einen Berufswunsch erfüllte er sich nicht. Zwar arbeitete er nach der Ausbildung als Koch, Rezeptionist und Serviceleiter in Restaurants und Hotels auf Juist, in Düsseldorf, in der Schweiz und in London, doch dann studierte er Hotelbetriebswirt obendrauf, wurde Berater in der Gastronomie. Obwohl er schon als junger Mensch wusste, „dass Stechuhr und getakteter Tagesablauf im Büro nicht meine Welt sind“. Die Beschäftigung mit Businessplänen und Konzepten war ihm folgerichtig irgendwann zu trocken und zahlenlastig. Aber wie so oft in seinem Leben halfen Neugier, Interesse an Menschen und das Fehlen von Angst, einen Ausweg zu finden.

Auf einer Garagenparty traf er beim Bier den Reiseveranstalter von CTS Studienreisen. Der suchte gerade einen Produktmanager für Südeuropa. „Das ist was für mich“, hat Hagemann ihm nach kurzem Beschnuppern gesagt. „Du hast einen neuen Mitarbeiter.“ Schließlich hatte er schon als junger Mann Reisen für sich und seine Mitschüler organisiert. Da war das Bespaßen von 1500 fortbildungsbeseelten Lehrern beispielsweise zu den Kanalinseln mehr Herausforderung denn Stress. „Krisenmanagement ist genau mein Ding“, sagt Hagemann mit der Abgeklärtheit eines jenseits der Lebensmitte Angekommenen und zupft zufrieden an seinem Ziegenbärtchen, für das sich die beiden Töchter beim Toben allerdings nur bedingt begeistern: „Papa, du kratzt.“

Dass er einmal eine Familie haben würde, gehörte von Beginn an zum Lebensplan des Ingo Hagemann. Er hat drei Brüder. Daheim in Lemgo, wo er geboren und aufgewachsen ist, lebten die Eltern mit Opa und Oma unter einem Dach, ein Mehrgenerationenhaushalt. Als er Jahrzehnte später am Flughafen Hannover eine aparte, dunkelhaarige Frau sah, die im Abflugbereich für einen Reiseveranstalter das Büro leitete, traf ihn eine folgenschwere Erkenntnis: „Diese Frau heiratest du mal.“ Praktischerweise hatte er selbst gerade einen neuen Job bei der belgischen Fluglinie Sabena angenommen, konnte die Frau seiner Träume also problemlos am Arbeitsplatz treffen. Doch es sollte noch diverse Anläufe, eine gemeinsam verzehrte Schale Blaubeeren in einer Mittagspause sowie eine Dienstreise nach New York dauern, ehe aus Wunschdenken eine handfeste Beziehung wurde.

Wegen Umstrukturierungen sollte Hagemann dann für die Sabena nach Frankfurt wechseln. Das aber wollte er nicht, also kündigte er. Bei der Abschiedsfeier von den Kollegen in einem Varieté in Hannover rempelte er auf dem Weg zur Toilette versehentlich einen Mann an, kam mit ihm ins Gespräch. Und wieder leitete ein zwischenmenschlicher Zufall die nächste Job-Station ein. Der Unbekannte war Hubert Grote, der Besitzer des Varietés. Der fand den jungen Mann so interessant, dass er ihm einen Job anbot.

Und so wurde Ingo Hagemann mit 35 Jahren Theaterdirektor in Bad Oeynhausen für das Familienunternehmen GOP-Entertainment Group. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber es funktionierte.“ Er blieb vier Jahre in der Kurstadt. „Künstler und besonders Musiker sind Grenzgänger“, sagt er. „Die Zusammenarbeit mit ihnen ist noch heute frisches Wasser für meine Seele“.

Natürlich sprach sich in der Branche herum, dass da einer in der Provinz mit viel Fingerspitzengefühl für Künstler und Kunst erfolgreich etwas Neues aufbauen konnte. Rufe in die Großstadt Hamburg folgten. Er wurde Geschäftsführer bei Stage Entertainment, arbeitete für die Palazzo-Produktionen sowie die Fliegenden Bauten und entwickelte mit Partnern das Projekt Cube Box – das artistische Dinnererlebnis. Es sollte hoch hinaus gehen für den unterhaltsamen Kunstbetrieb. Dann kam die Finanzkrise 2008. „Es war, als hätte jemand den Stecker gezogen“. Nichts ging mehr. „Der schwärzeste Moment meines Berufslebens“, sagt er.

Er sammelt Musikinstrumente fürKinder in Townships von Südafrika

Doch es kam noch viel schlimmer. Seine Frau wurde plötzlich todkrank. Ihre Nieren versagten. Fortan bestimmte die Dialyse das Leben der Familie. „Es gab nur eine Lösung: Sie brauchte eine neue Niere. Meine Niere.“ Das Experiment auf Leben und Tod gelang. Ihr Körper nahm das Organ des Ehemannes an. „Jemand hatte für uns die Reset-Taste gedrückt.“ Heute erinnern nur noch die Narben am Körper und auf der Seele das Ehepaar und seine Kinder an die schwere Zeit.

Nigül Hagemann ist für ihre Agentur Picsreports viel unterwegs. Sie verkauft Promi-Geschichten an die Yellow Press und andere Kunden. Der Ehemann produziert mit seiner Firma Passion Pepper Productions Shows wie beispielsweise Soulfoot, tourt damit durch die Welt. Außerdem berät und vermittelt er Künstler. Und er sammelt gebrauchte, funktionsfähige Instrumente, die er mit Partnern nach Südafrika verschifft. „Die Instrumente sind mein Beitrag für Frieden, Perspektiven und Lebensfreude für Kinder in Entwicklungsländern“, sagt Hagemann. Die erste Lieferung ging ins Township Alexandra bei Johannisburg.

Vor dem Haus steht ein Nostalgie-grüner Oldtimer. Ein 74er Saab 96 mit ausgeblichenen Bezügen und ohne elektronischen Firlefanz. „So ein Auto entschleunigt“, sagt Ingo Hagemann. Seit dem vergangenen Jahr gehört auch ein Wohnmobil zum Familienfuhrpark. „Damit fahren wir in Urlaub. Wir machen jetzt, was wir früher aufgeschoben haben.“ Den Moment genießen.