Der rote Faden

Terjung: „Ich habe gearbeitet wie ein Tier“

Knut Terjung in der Hauptkirche St. Nikolai, wo er regelmäßig Persönlichkeiten interviewt

Knut Terjung in der Hauptkirche St. Nikolai, wo er regelmäßig Persönlichkeiten interviewt

Foto: Marcelo Hernandez

Der ehemalige ZDF-Korrespondent Knut Terjung hatte eine lange und aufreibende Karriere. SPD -Mann Wehner prägte sein Leben besonders.

Er habe in seinem Leben meist Glück gehabt, sagt Knut Terjung. Wer den langjährigen Auslandskorrespondenten des ZDF so sitzen sieht, auf dem Ledersofa in seiner geschmackvoll eingerichteten Wohnung in Harvestehude, so zufrieden und entspannt, der mag nicht widersprechen. Es ist aber auch bei Knut Terjung wie so oft: Menschen, die sagen, sie hätten Glück im Leben gehabt, waren vor allem ihres Glückes Schmied.

Bei dem 75-Jährigen fing das vor gut sechs Jahrzehnten an, als er erste Artikel für das „Solinger Tageblatt“ und die „Rheinische Post“ schrieb, zum Beispiel über Vorträge an der Volkshochschule. Es ging weiter, als Terjung sein gerade begonnenes Theologiestudium wieder abbrach. „Ich wollte mich nicht mit Hebräisch und Altgriechisch befassen. Ich wollte nicht Pfarrer werden, sondern Journalist.“

Anfang der 60er-Jahre war das. Die SED-Oberen in der DDR hatten gerade eine Mauer durch Deutschland gezogen, die Großmächte bauten Bunker statt Brücken. Der junge Knut Terjung verfolgte nur ein Ziel: „Ich wollte nach Berlin, dorthin, wo der Westen direkt auf den Osten traf.“ Dass er tatsächlich 1962 beim Rias, dem legendären Rundfunk im amerikanischen Sektor, anfangen konnte, hatte in der Tat auch mit etwas Glück zu tun.

„Ich habe einfach Werner Höfer angerufen“, erzählt Knut Terjung. Der WDR-Fernsehmoderator war mit seinem „Internationalen Frühschoppen“ deutschlandweit bekannt geworden. Terjung half eine Namensverwechselung: Weil ein WDR-Moderator ebenfalls Terjung hieß – Hermann mit Vornamen –, bekam Knut Terjung rasch einen Termin. Die Verwechslung fiel erst auf, als Höfer ihn in sein Büro bitten wollte. Er hörte dem jungen Mann trotzdem zu und empfahl ihn einem Chefredakteurskollegen in Berlin. Der war zwar nicht vom Rias, aber durch eine weitere Vermittlung landete Terjung wenig später doch bei seinem Wunschsender.

„Ich bin kein Typ, der genial ist“

Die Umstände waren für den Neuling schwierig: Er hatte keinen Studienabschluss und lediglich ein paar journalistische Gehversuche vorzuweisen. Hinzu kam, dass immer die alten Hasen mit den „guten Geschichten“ beauftragt wurden. Das alles bedeutete: „Ich muss härter arbeiten als die Kollegen.“ Mit einem Polizeireporter von der Deutschen-Presseagentur traf er eine Übereinkunft: „Wenn in der Nacht etwas passiert, zum Beispiel eine gelungene Flucht über die Mauer, dann informierte er mich.“ Und dadurch gelangte der junge Reporter an manche interessante Fluchtgeschichten, die morgens, noch vor der ersten Redaktionskonferenz, im Radio liefen.

„Ich bin kein Typ, der genial ist“, sagt Knut Terjung und gönnt sich einen Schluck Kaffee. „Aber ich bin einer, der sich Mühe gibt und arbeitet wie ein Tier.“ Unter Beweis stellte er das wenig später in Nordrhein-Westfalen. Nach drei Jahren in Berlin kehrte er zum WDR zurück und produzierte Fernsehreportagen über Land und Leute.

Es sei eine intensive Zeit gewesen, erinnert sich der 75-Jährige. Die Einschaltquoten lagen bei 60 Prozent. „Ich wurde bekannt wie ein bunter Hund, und wenn ich in eine Kneipe kam, stand meist schon ein Bier für mich auf dem Tisch.“ Es war auch jene Zeit, in der Knut Terjung sein journalistisches Koordinatensystem entwickelte. „Journalismus bedeutet für mich, den Dingen auf den Grund zu gehen, Fakten auf den Tisch zu legen, sie zu sortieren und so den Menschen zu helfen, komplexe Zusammenhänge zu begreifen.“

Vor allem der Wunsch, „mit Menschen zu arbeiten“, sollte ihn sein Journalistenleben lang begleiten. Sei es später als Auslandskorrespondent in Athen, Ankara oder Warschau. Sei es heute, wenn er bei „Knut Terjung trifft ...“ auf der Empore der Hauptkirche St. Nikolai bekannten und weniger bekannten Menschen begegnet und ihnen lieber zuhört, als sie „hektisch zu interviewen“.

Dann, 1969, Wechsel zum ZDF-Magazin von Gerhard Löwenthal, der Terjung sehr beeindruckt hatte, mit dem er und 14 weitere Redakteure aber schon nach drei Jahren brachen, weil er immer weiter nach rechts rückte. Terjung wechselte ins ZDF-Studio Bonn. Dort erhielt er im Frühsommer 1974 das Angebot von Herbert Wehner, Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion zu werden. Einige Freunde rieten ihm ab. Als Journalist wechsele man „die Fronten“ nicht so ohne Weiteres. Andere rieten ihm der Karriere wegen zu. „Mir war die Karriere ziemlich egal“, sagt Knut Terjung. „Ich erhoffte mir einen Einblick, wie Menschen Politik machen und was sie antreibt.“

In der Rückschau bekommt Herbert Wehner einen besonderen Platz

Und so stand er an einem Sonntagmorgen um 6.30 Uhr in Bad Godesberg bei Wehner im Wohnzimmer. „Als höflicher Mensch wartete ich und fragte dann, ob ich mich setzen könne.“ Als Antwort habe er nur ein „Wir sind doch nicht bei Hofe“ zu hören bekommen, erzählt Terjung und ahmt den knarzigen Tonfall des legendären SPD-Fraktionschefs nach. Als Wehner ihn einmal vor versammelter Fraktion bezichtigte, eine sensible Information an die Medien durchgesteckt zu haben, war er tief getroffen: „Ich hielt die Sitzung noch durch, verlangte aber danach ein Vier-Augengespräch.“ In diesem ließ Terjung seiner Empörung freien Lauf. Nach einiger Zeit erhob sich Wehner, bat um Verzeihung und umarmte Terjung. „Seitdem waren wir beim Du.“

In jener Zeit mit Wehner habe er eine Loyalität erlebt, die ihn für sein Leben prägen sollte. „Loyalität ist für mich nie unkritisch, denn ohne Kritik wird Loyalität zum Gehorsam“, sagt Terjung. Es war aber auch die Zeit, in der er große Einsamkeit erfuhr. „Wenn ich abends ein Bier trinken war und mit Journalisten ins Gespräch kam, ging es nie wirklich um mich als Menschen.“ Seine Gesprächspartner waren vor allem an internen Informationen aus der Fraktion interessiert.

Mehr als sieben Jahre arbeitete Terjung als Fraktionssprecher. Nach seiner Rückkehr zum ZDF wurde er trotz seiner unbestrittenen fachlichen Qualitäten „zunächst wie ein Aussätziger behandelt“. Der Einfluss von Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß war groß, und Terjungs Engagement bei der SPD wurde ihm in München nicht verziehen. „Ich war seinerzeit tief deprimiert über so eine Art Behandlung“, erinnert er sich.

Die Gründung eines ZDF-Auslandsstudios in Athen 1985 bot Terjung die Chance, wieder seinen „Pfadfinderjournalismus“ zu betreiben. Reportagen über den Kampf der Kurden und über Folter in der Türkei oder später über Polens Präsidenten Lech Walesa machten ihn bundesweit bekannt. Als er 1997 zwischen Rio de Janeiro, Singapur und Hamburg wählen konnte, entschied er sich für die Leitung des ZDF-Inlandsstudios in der Hansestadt. Er wollte das dritte seiner Kinder, „meinen jüngsten Sohn“, aufwachsen sehen.

1999 wurde Terjung in Deutschlands älteste Freimaurerloge, „Absalom zu den drei Nesseln“, aufgenommen. Irgendwie schloss sich damit ein Kreis. Nicht nur, dass ihm die „Werte der Aufklärung wie Humanität, Brüderlichkeit und Freiheit“ genauso viel bedeuten wie den Freimaurern. Er versteht die Organisation auch als Ort der Suche.

Auf einer Fensterbank steht eine Steinskulptur mit einem Winkelmaß. „Der raue Stein symbolisiert den Menschen, der Zeit seines Lebens an sich arbeiten muss“, erläutert Terjung. „Das Winkelmaß steht für das Streben nach Rechtschaffenheit.“ Es schmerzt ihn noch heute, dass er sich 2013 veranlasst sah, die Loge zu verlassen. „Von mir wurde blinder Gehorsam verlangt, und das widerspricht allem, wofür ich stehe, wofür die Freimaurer aus meiner Sicht stehen.“

Das klingt so gar nicht nach dem Glück, von dem er immer wieder spricht. Aber womöglich gehören Konsequenz im Handeln und Glück auch zusammen.