Hamburg

Peter Matthes – der ewige Rock ’n’ Roller

Peter Matthes im Schauraum seiner Firma Amptown System Company

Peter Matthes im Schauraum seiner Firma Amptown System Company

Foto: Andreas Laible

Peter Matthes, einst Sänger der Band Joker, baute aus einem Lautsprecherhandel einen Großausstatter für Bands und Bühnentechnik auf.

Manchmal ist es gut, aus einem Bauchgefühl heraus scharf links oder rechts abzubiegen, obwohl der gerade Weg im Grunde vorgezeichnet ist. Peter Matthes, heute 69 Jahre alt, tat genau das, als er 1973 gemeinsam mit seinem damaligen Kumpel Burkhard Bürgerhoff in einem alten Luftschutzbunker neben den Gleisen der S 1 an der Haltestelle Alte Wöhr die Firma Amptown gründete, die „Verstärkerstadt“, die sich binnen kurzer Zeit zum Mekka für Rock-, Pop-, Blues- und Jazzmusiker entwickelte, zur Kathedrale für „Electroacoustische Bandausstattung“, und das weit über die Hamburger Stadtgrenze hinaus. So hieß das damals, als man in den traditionsreichen „Musikhäusern“, Steinway oder Zinngrebe, über langhaarige „Mucker“ wie ihn die Nasen rümpfte.

Matthes war damals Student der Politikwissenschaften an der Hochschule für Wirtschaft und Politik, im sogenannten „Pferdestall“ am Allende-Platz in Rotherbaum. Er hatte fast alle seine Scheine gemacht und stand kurz vor der Magisterprüfung, als er sich plötzlich fragte, welchen Beruf er denn um Himmels willen als Politologe ergreifen könnte. „Irgendwas mit Zeitungen schwebte mir damals vor“, sagt er mit seiner rauen, kehligen Stimme, die ihn als Sänger der Rockband Joker ausgezeichnet hatte, „aber es gab echt keine Jobs.“ Vielleicht aber habe er auch gar nicht so richtig gesucht …

Denn damals handelte er bereits nebenberuflich mit elektronischem Musikzubehör: Verstärkern, Mischpulten, Lichtanlagen, Lautsprechern und all dem anderen Kram, der auf Bühnen ordentlich Krach macht und bunte Lightshows erzeugt. Vielleicht hatte er so was wie eine Geschäftsidee. Und nicht zuletzt auch eine Vision.

Anders ist es nicht zu erklären, dass Peter Matthes sich nach seinem Abitur erst einmal vier Jahre lang als Zeitsoldat bei der Luftwaffe verdingte, um damit ein geplantes Studium zu finanzieren, was er dann auch fast bis zum Ende durchzog, parallel zu seiner semiprofessionellen Musikerkarriere. „Von zu Hause gab’s kein Geld, denn es war einfach zu wenig da“, sagt er, „und BAföG kam ja erst später. So wurde ich der ‚Schmuggelleutnant von Pinneberg‘.“ Denn damals sei der Punk in England, in London, abgegangen, wo es das gesamte Band-Equipment gebraucht zum Kaufen gab. Dorthin fuhren er und Burkhard, der Gitarrist, um Joker technisch auszustatten. „Als wir zum ersten Mal das Zeug in unserem Übungsbunker auf dem Boden ausbreiteten, kamen sofort andere Bands und wollten uns die Sachen abkaufen. Das war doch irgendwie interessant.“ Daraufhin schmissen beide jeweils 3500 Mark Startkapital zusammen, gründeten Amptown und fuhren nun immer öfter nach London auf Einkaufstour. Ihr Bunkerladen an der Alten Wöhr war anfangs nur zweimal in der Woche geöffnet, halbtags. Nach drei Jahren hängte Peter Matthes jedoch sein Studium an den Nagel, und 1981 zog das kleine Unternehmen in mehrere lang gestreckte Industriebaracken an der Wandsbeker Straße 26 um, heute die Werner-Otto-Straße.

Während sein Kompagnon für den Einzelhandel zuständig war, kümmerte sich Matthes um den Ausbau der Bühnentechnik-Sparte. „Dieser ganze Beschallungs- und Lichtkram, das war mein Ding. Denn bevor die fertigen Komponentenanlagen, die es heute gibt, konzertreif wurden, war die Verbindung aus dem richtigen Sound und dem richtigen Licht eine Wissenschaft für sich. Ich war und bin zwar kein ausgebildeter Ingenieur, aber ich bin überzeugter Teamplayer und habe wohl die Fähigkeit, an individuelle Problemlösungen systematisch ranzugehen und die richtigen Leute für die jeweiligen Jobs zu finden und einzusetzen.“

Dabei habe ihm seine Vergangenheit als Sänger geholfen. „Denn in einer Band sind die Aufgaben üblicherweise klar verteilt“, sagt Peter Matthes lächelnd, „der Gitarrist hat immer wahnsinnig zu tun, der Bassist zupft ein bisschen herum und hängt ansonsten mit anderen Musikern ab, der Schlagzeuger ist immer bloß laut – und so bleibt am Ende nur der Sänger als Ansprechpartner für die Technik übrig.“

Zu ihren ersten großen Kunden gehörte die Wiener Band Erste Allgemeine Verunsicherung, die von Anfang der 80er-Jahre an ihre gefeierten Tourneen europaweit mit Amptown-Equipment bestritt – vom Verstärker bis hin zum „Flightcase“, nach Maß gefertigten Transportkoffern aus der hauseigenen Tischlerei. Spätestens von nun an ließe sich die Kundenliste bekannter und auch unbekannter Bands kilometerweit verlängern.

Im Nachhinein betrachtet sei der Einzelhandel für ihn jedoch immer so etwas wie eine „Hämorrhoide an seinem Hintern“, obwohl so zwangsläufig Interessenten in „seine“ Abteilung gespült wurden und für kontinuierliches Wachstum sorgten. Es kam zum Bruch, zur „großen Scheidung“ der beiden Kompagnons. Aber fortan – ohne Gitarren, Bässe, Schlagzeug-Sets, aber auch Blockflöten am Bein – sei er endlich frei und bereit gewesen für den nächsten unternehmerischen Schritt: die Gründung der Amptown System Company, die die ehemaligen Industriebaracken in einen schmucken, aber auch etwas nüchternen Unternehmenssitz umbaute, in dem heute die Farben Grau und Weiß, mit einem Tupfer maritimem Blau, dominieren. Auch drinnen, wo die Obstkiste aus den Vierlanden auf dem Teeküchentresen so ungefähr der einzige bunte Fleck ist.

Bei Olympia in Athen sorgte Amptown für alle Sound- und Lichteffekte

Mit dem Boom eigener Spielstätten entwickelte sich rasch eine enge Zusammenarbeit mit den großen Theater- und Musical-Häusern. Zur technischen Ausstattung von „Cats“, „Phantom der Oper“, „Starlight Express“, „Tanz der Vampire“, „König der Löwen“, „Der Schuh des Manitu“, „Tarzan“ und „Rocky“ – um nur einige Musicals zu nennen – kamen anspruchsvolle Installationen für Opernhäuser, Revuetheater und Schauspielhäuser wie dem Friedrichstadtpalast Berlin, das Deutsche Schauspielhaus und das Thalia Theater in Hamburg. 2004 sorgte das Unternehmen für alle Sound- und Lichteffekte während der Olympischen Spiele in Athen. Zurzeit stattet ein Teil der insgesamt 180 Mitarbeiter an vier deutschen Standorten Kreuzfahrtschiffe mit kompletten Entertainment-Systemen aus, ein anderer Teil widmet sich den neuen LED-Bildschirmen, der Zukunft des Fernsehens. „Aber wir statten auch Konferenzen und Seminare aus. Ihr Vorstandsvorsitzender will doch bei seiner Rede gut klingen und im richtigen Licht stehen, wenn er schlau ist – ein bisschen Rock ’n’ Roll ist eben überall“, sagt Peter Matthes.

Im Prinzip könnte man ihn als einen der Großen in diesem ziemlich speziellen, aber lukrativen Business bezeichnen. In der Öffentlichkeit hält er sich jedoch bedeckt. Ist bloß ein netter, weißhaariger schlanker Herr im Sakko, Vater einer 35 Jahre alten Tochter und Großvater einer zweijährigen Enkelin, in dessen linkem Ohrläppchen freilich ein kleiner Brillant funkelt – seine persönliche Reminiszenz an den guten, alten Rock ’n’ Roll. „Ach, den Brilli spüre ich gar nicht mehr. Ich war 27, als Moni und ich geheiratet haben, und sie meinte damals, so was würde mir bestimmt stehen. Also habe ich mir ein Ohrloch stechen lassen, aber die Wahrheit ist, dass sie eigentlich nur wissen wollte, ob das denn auch wehtut, weil sie selbst ein Piercing haben wollte ...“

Peter Matthes lacht, als er diese Anekdote erzählt, aber seine Frau, die er vor 42 Jahren geheiratet hat, ist auch der Schatten, der auf seinem Leben liegt. „Wenn du 30 Jahre zusammen bist, dann gewöhnst du dich an die Schrullen deines Partners. Und meine Frau war ja schon immer ein bisschen schusselig. Aber vor sieben Jahren haben mich erstmals Freunde darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Verhalten einfach nicht mehr normal sei.“

Die Diagnose dann vor vier Jahren lautete: Alzheimer. Vor einem Jahr musste sie aus der Altbauwohnung in der Isestraße in ein Heim für Demenzkranke umziehen. „Es ging einfach nicht mehr“, sagt Peter Matthes, „die letzten zwei Jahre unseres Zusammenlebens waren einfach nur fürchterlich. Aber das ist für niemanden, der nicht in derselben Situation ist, nachvollziehbar. Diese Krankheit absorbiert deine gesamte Energie. Jetzt aber geht es ihr den Umständen entsprechend gut – und mir, ehrlich gesagt, auch. Und das meine ich wirklich nicht herzlos.“

In jener Zeit sei die Firma seine Familie gewesen. Seine Leute hätten ihn mitgetragen, doch Matthes überlegt gerade, ob er nicht doch langsam mal die Platzreife anstreben soll. Andererseits, sagt er, kenne er leider schon drei Leute in seinem Alter, die nach einem halben Jahr ohne Arbeit tot umgefallen seien. Außerdem entwickele sich das Unternehmen weiter, vor allem dank der digitalen Revolution. „Aber dass meine Mitarbeiter irgendwann die Augen verdrehen, bloß weil der Alte kommt: Nee, das will ich nicht.“

Also mache er neuerdings auf „alten Mann“, aber das setzten sie als ganz bewusstes Mittel ein, wenn etwa Verhandlungen über Großprojekte ins Stocken geraten. „Dann nehmen mich die anderen Geschäftsführer gerne mit, aber ich habe schon viel Verantwortung abgegeben und mische auch nicht mehr in der Tagespolitik mit.“ Er könne daher sagen: „Passt mal auf, Leute, morgen komm ich nicht, übermorgen komm ich auch nicht, aber überübermorgen schau ich wieder rein. Hier sind so viele Leute, die sind besser als ich. Meine Aufgabe aber ist es zu sagen: ‚Lasst uns das Ganze mal vernünftig organisieren.‘ Denn das kann ich.“

Und ganz ohne Mehrheitsgesellschafter könnten seine Leute wiederum nicht: „Denn wenn sie schon mit meinem Geld spielen, müssen sie ab und zu schon mal fragen, ob das denn auch richtig ist.“