Porträt

Wie Hamburgs Polizeichef Ralf Meyer tickt

Mit dem Dienst im Streifenwagen fing auch er an:

Mit dem Dienst im Streifenwagen fing auch er an:

Foto: Marcelo Hernandez

Er ermittelte auf St. Pauli und leitete das MEK: Ralf Martin Meyer ist ein ungewöhnlicher Polizeipräsident. Polizist wurde er zufällig.

Hamburg. Seine erste Leiche hat er schon als Jugendlicher gesehen. Damals schlich er sich eher neugierig als betrübt ins Sterbezimmer seines Onkels Karl, um sich anzugucken, wie ein Toter aussieht. „Ich war ein Landkind. Da geht man mit dem Tod selbstverständlicher um als in der Stadt“, sagt Ralf Martin Meyer, 56, geboren in Göttingen, aufgewachsen in der Kleinstadt Wittingen im Landkreis Gifhorn in der Südostheide. Als er Jahre später den ersten Mord aufklären musste – das war in den 80er-Jahren und der Polizeibeamte Meyer Ermittler auf St. Pauli –, da hatte er sich zwar nicht an den Anblick toter Menschen gewöhnt, doch er akzeptierte sie als außergewöhnlichen Teil seines Berufes. „Normalerweise geht es bei uns um Verkehrsunfälle, Raubdelikte, Körperverletzung, Drogen und natürlich ganz allgemein um Hilfe. Alles andere sind Ausnahmesituationen.“

Eigentlich ist Ralf Martin Meyer nur durch Zufall Polizist geworden

Es ist 19 Uhr. Im Polizeipräsidium leeren sich die Räume. Büroleiterin Sandra Levgrün hat den Besuchertisch im Dienstzimmer des Chefs mit Kaffee und Mineralwasser eingedeckt. Meyer, ein smarter, schlanker Mann im perfekt sitzenden Business-Anzug, vermittelt sofort das Gefühl, als könne er sich gerade nichts Spannenderes vorstellen, als ziemlich offen über sein Leben und seinen Beruf zu plaudern. Er ist seit fast zwei Jahren Hamburgs Polizeipräsident, mithin oberster Sicherheitschef der Stadt. „Ach, Sie wollen zum Präsi“, hatte es unten im Eingangsbereich an der Sicherheitsschleuse geheißen. Erstes Indiz dafür, dass der Führungsstil im Hauptquartier der Ordnungshüter Raum für Abkürzungen lässt.

Dass er mal zur Polizei gehen würde, war Zufall, erzählt Meyer beim späten Kaffeegenuss. Zwei Kumpels wollten nach dem Abitur nach Hamburg, um sich bei der Polizei zu bewerben. Die Idee klang spannend. Eine Alternative war nicht wirklich vorhanden. Also ging er mit, wurde Streifenpolizist und sammelte auf der Wache zwei Jahre lang Erfahrungen in jenem Beruf, den TV-Serien seiner Meinung nach nur unzureichend darstellen. „Dort geht es meist um eine Geschichte, die ausführlich erzählt wird. In der Wirklichkeit passieren während einer Acht-Stunden-Schicht aber mindestens vier.“ Entsprechend hoch ist die Belastung.

Wenn dann noch durch einen Rockerkrieg in der Stadt und gewalttätige Auseinandersetzungen in Flüchtlingsunterkünften viel Personal gebunden wird oder, wie vor einer Woche, Schüsse eines Mobilen Einsatzkommandos aus Hamburg den falschen Mann bei einem Einsatz in einem anderen Bundesland (Mecklenburg-Vorpommern) treffen, dann ist der Stressspiegel auf den Wachen und Kommissariaten besonders hoch und gute Führung gefragt.

Genau die Komplexität des Berufes war es, die den jungen Meyer seinerzeit hungrig auf mehr machte. Er wollte als Polizist nicht nur mitmachen, sondern mitgestalten. Schließlich hatte er schon als junger Erwachsener gelernt, Verantwortung übernehmen. „Ich bin wohl das, was man einen resilienten Menschen nennt“, sagt Meyer. Online-Alleswisser Wikipedia erklärt das Wort Resilienz als psychische Stärke, entstanden unter schwierigen Voraussetzungen. In diesem Fall waren es die unkonventionellen Familienverhältnisse eines Heranwachsenden, der schon früh lernte, Lasten zu schultern.

Erst verlor er seinen Bruder, dann seine Mutter – beide durch Autounfälle

Der Vater, ein Fuhrunternehmer, „war für die Verrücktheiten in der Familie zuständig, vor allem in Form von finanziellen Abenteuern“. Egal ob Kühlschränke oder Schweinehälften, Meyer senior bereiste sogar Afrika für seine riskanten Geschäfte. Und weil auch die Mutter mitarbeitete, übernahm oben erwähnter Onkel Karl, ein Lehrer, die Erziehung seines Neffen. „Nachmittags machte er die Schularbeiten mit mir“, erzählt Meyer. „Dazu gab es immer ein Brötchen mit Ei.“ Irgendwann wurden die finanziellen Eskapaden des Vaters existenziell, und der älteste Sohn übernahm, wie es sich auf dem Lande gehörte, das Ruder. Schon mit 18 Jahren kümmerte er sich um Bankgeschäfte, damit das Wohnhaus nicht zwangsversteigert wurde.

Dass sich der jüngere Bruder später mit dem Auto totraste und die Mutter kurze Zeit später ausgerechnet bei einem Autounfall starb, als sie den malariakranken Mann im Krankenhaus besuchen wollte, wertet er heute zwar als schlimmes Kapitel des Schicksals, das ihm aber auch viel Rüstzeug fürs Leben mitgab. „Aufgeben ist keine Option für mich. Mein Motto ist: Ärmel hoch und ran. Und mit menschlichen Schwächen kenne ich mich ebenfalls aus.“ Krisen können stark machen.

Auf dem Weg nach ganz oben durchlief Meyer alle Stationen seiner Polizei-Karriere zügig und erfolgreich: Kriminaldauerdienst, Einsatzführer beim Mobilen Einsatzkommando, Leiter des Projekts St. Georg (Maßnahmen gegen Drogenkriminalität), Leiter des Mobilen Einsatzkommandos, Pressesprecher, stellvertretender Leiter des Landeskriminalamtes, Chef der von ihm gegründeten Polizeiakademie – und nun Polizeipräsident. Der „Stallgeruch“ macht ihn zu einem Behördenchef, von dem alle wissen: Er kennt die internen Regeln und ist auf Augenhöhe mit jedem Dienstgrad.

Bevor er für das Amt zusagte, beriet Meyer sich eine Woche mit seiner Frau

Aber Meyer wäre nicht Meyer, traute er sich nicht Sachen, die im Alphatier-Apparat Polizei ungewöhnlich sind. So muss er an diesem Abend nicht lange überlegen, ob er auch die Geschichte einer persönlichen Schwäche publik machen will. Es geht um das Thema Angststörung. Als Führungspersönlichkeit und Kopfmensch weiß er, dass so eine Erkrankung jeden Kollegen und jede Kollegin nach einem Einsatz, aber auch in persönlichen Lebenskrisen treffen kann. „Entscheidend ist, wie man damit umgeht und welche Schlüsse man daraus zieht.“ Er selbst hatte eine Blockade. Auslöser war eine Grenzerfahrung im Dienst mit einem Toten. Meyer war für den Einsatz verantwortlich. „Auch dieses Erlebnis hat mich stark gemacht“, sagt er. „Diese Botschaft möchte ich weitergeben.“

Als Vorgesetzten machen ihn seine Vita und die daraus gezogenen Lehren beharrlich, aber auch geradeheraus, als Menschen eher abwägend und vorsichtig. „Diesen Stempel auf der Seele verdanke ich meinem Vater“, sagt er. Karrieremäßig führte diese Prägung dazu, dass er mehrere Abwerbungsversuche in andere Branchen ablehnte. „Mein Sicherheitsdenken ist ziemlich ausgeprägt.“

„Ich bin dafür zuständig, dass die Regeln eingehalten werden“

Auch als die Anfrage kam, Polizeipräsident zu werden, zögerte er zunächst und besprach sich mit Ehefrau Rita. Sogar eine Woche Rügen buchte das Paar, um bei langen Strandspaziergängen zu einer Lösung zu kommen. Das Ende ist bekannt: Ralf Martin Meyer nahm die Beförderung an. „Wenn jetzt einer sagt: ,Morgen bist du nicht mehr Polizeipräsident‘ – dann kann ich entspannt sagen: ,Na und?“, hat er schon nach kurzer Zeit im Amt Journalisten ins Aufnahmegerät diktiert.

So eine Einstellung macht in gewisser Weise frei und entscheidungsfreudig. Egal ob es wuchernde Bürokratie, Netzwerken, bessere Bezahlung der Nachtdienste oder Modernisierung der 10.000-Mann-Behörde betrifft: Macher Meyer geht die Probleme offensiv an und versucht sie im Konsens zu lösen. Funktioniert das nicht, holt er den „konsequenten Sack“ raus. Dann entscheidet er – und erwartet Gefolgschaft. Das mussten schon seine Söhne Marc Florian, 28, und Jan Niklas, 25, als Heranwachsende akzeptieren.

Seit Kurzem hat er einen neuen Boss: Andy Grote, der ehemalige Bezirksamtsleiter Mitte, hat den amtsmüden Innensenator Michael Neumann ersetzt. Um ihm die neue Aufgabe schmackhaft zu machen, wirbt Ralf Martin Meyer am Ende des Gesprächs noch ein bisschen für sich und die Arbeit seiner Polizeibeamten. Der Soko „Castle“, eingerichtet im Herbst vergangenen Jahres, um den Einbrecherbanden auf die Spur zu kommen, attestiert er einen guten Einstieg. Auch die Anzahl der Taschendiebstähle sei nach dem Einsatz einer Sonderermittlungsgruppe zurückgegangen. Und nach den Übergriffen in der Silvesternacht hat er vor allem eine Haltung vermitteln wollen: Hamburg sieht nicht weg. Hamburg kümmert sich.

„Ich bin dafür zuständig, dass die Regeln eingehalten werden“, sagt Meyer. Denn eines hat er gelernt in seinem Leben: „Verantwortung ist unteilbar.“