De rote Faden

Ihre Motivation sind Rebellion und Vertrauen

Fäden in der Hand
halten, gehört zu
ihrem Beruf:
Schulleiterin
Barbara Kreuzer

Fäden in der Hand halten, gehört zu ihrem Beruf: Schulleiterin Barbara Kreuzer

Foto: Michael Rauhe / HA

Barbara Kreuzer leitet die Helmuth-Hübener-Stadtteilschule in Barmbek. Oliver Schirg traf eine widersprüchliche Frau.

Eigentlich wollte Barbara Kreuzer Krankenschwester werden. Ein nicht ganz unwesentlicher Grund für ihre Berufswahl bestand in der Aussicht auf finanzielle Unabhängigkeit von ihren Eltern. „Ich wollte nicht, dass sie mein Studium finanzieren“, sagt die heutige Leiterin der Stadtteilschule Helmuth Hübener und räumt nach einem Moment des Zögerns ein: „Aber sicher war es auch das Unkonventionelle in mir.“ Das griechische Wort Barbara steht im Deutschen für die Fremde oder auch für wild. „Mein Vater betonte immer die letzte Übersetzung des Namens.“

Der Hang zum Widerspruch brachte Barbara Kreuzer bereits in der Schwesternschule des Deutschen Roten Kreuzes in Kiel in Opposition zu den bestehenden Verhältnissen. Bis zu 25 Betten standen seinerzeit in einem Krankenzimmer, dazu gab es Mängel bei der Hygiene. Damit wollte sich die junge Frau nicht abfinden. „Ich bin zum damaligen Kieler Oberbürgermeister Norbert Gansel gegangen und habe mehr individuelle Betreuung der Patienten gefordert.“ Was die anderen Schwestern oder ihre Vorgesetzten dachten, sei ihr egal gewesen. „Ich hatte genügend Menschen, die mich unterstützten. Das reichte mir.“

Wir sitzen an einem großen Tisch im Büro der Leiterin der Schule, die nach dem jüngsten von der Nationalsozialismus zum Tode verurteilten Hamburger Widerstandskämpfer benannt ist. Das Amt hat Barbara Kreuzer seit 2008 inne. Manche empfänden es als ungewöhnlich, dass jemand, der Kunstpädagogik und Deutsch studiert hat, die Leitung einer Schule übertragen bekomme. „Ich hingegen halte das nicht für ungewöhnlich“, sagt die 59-Jährige. „Schließlich muss eine Schulleiterin ständig kreativ sein, Lösungen für Probleme finden und das System verändern.“ Draußen senkt sich inzwischen der Abend über die Stadt; in der Helmuth-Hübener-Schule hat sich frühabendliche Ruhe breitgemacht. Hier und da ist ein Rumpeln oder Scheppern zu hören. Der Hausmeister vielleicht oder ein Lehrer, der den Unterricht vorbereitet.

Verhandlungen über Verbote gehören zu ihren Führungs-Instrumenten

Barbara Kreuzer hat sich zurückgelehnt, schweigt für einen Moment. Ihr Satz „Ich habe als junge Frau gern Hierarchien verletzt“ klingt nach. Und wie ist es heute? Wie reagiert sie, wenn Schüler die Direktorin übergehen? Ein leichtes Kopfnicken, so als habe sie diese Frage erwartet. „Regelverstöße übergehe ich nicht“, antworte die Pädagogin mit fester Stimme. In den Schulgebäuden gelte beispielsweise ein Handyverbot – sicht- und hörbar. Wer sich nicht daran halte und erwischt werde, müsse sein Smartphone für einen Tag abgeben. „Das ist für junge Menschen eine empfindliche Strafe.“

Allerdings, und dafür sei das Handyverbot ebenfalls ein gutes Beispiel, „gibt es in einer Schule auch Situationen, in denen Schüler die Regeln zwar verletzen, das aber aus einem triftigen Grund tun“. In derartigen Fällen sei es wichtig, innezuhalten und zu schauen, warum es Regelverstöße gebe, sagt Barbara Kreuzer. „In unserem Fall empfanden die Oberstufenschüler das generelle Handyverbot als nicht altersangemessen. Wir haben uns darauf eingelassen, darüber zu verhandeln.“ Herausgekommen ist, dass für die dritte Etage, dort haben die Oberstufenklassen ihren Unterricht, das absolute Handyverbot nicht gilt. „Aber nur dort nicht!“, sagt Barbara Kreuzer und fügt hinzu: „Ich war zufrieden mit dem ‚Verhandlungsprozess‘. So stelle ich mir das vor: Lehrer, Schüler und Eltern bringen ihre unterschiedlichen Sichtweisen ein, und am Ende steht eine Einigung, die von allen mitgetragen wird.“

Das klingt perfekt. Fast schon zu perfekt. Für Barbara Kreuzer, die, in Kiel geboren, schon früh lernte, auf ihren jüngeren Bruder aufzupassen, ist dieses „Gestaltenkönnen“ ein wichtiger Antrieb. „Ich mag Veränderungen und empfinde es als wunderbar, wenn es fließt. Noch schöner ist es, wenn ich verändern darf.“ Das hat, bei aller Vernunft und Klarheit, auch mit Gefühlen zu tun. „Es erdet mich, wenn ich das, was ich fühle, auch umsetzen kann.“

Womöglich hat dieser Gestaltungswille damit zu tun, dass Barbara Kreuzer früh schwierige Situationen in der Familie erlebte. Zehn Jahre war ihre Mutter schwer krank, sprach kein Wort und musste gepflegt werden. Zugleich musste sie Verantwortung in der Familie übernehmen, Entscheidungen treffen, sich im Alltag durchsetzen. Aber da war auch – trotz der schweren Krankheit – die Lebensfreude der Mutter, die Barbara Kreuzer prägte. Und das Erleben von Loyalität, mit der ihr Vater, ein traditionsbewusster Jurist, keinen Zweifel daran ließ, dass er seine Ehefrau nicht in ein Pflegeheim abschieben würde. „So etwas tat er nicht.“ Und da war die – im positiven Sinne gemeinte – Ambivalenz ihres Vaters, der seine Tochter wohl gern als gut situierte Arztfrau gesehen hätte, „es aber auch gut fand, dass ich studiere“.

Der Vater, der seiner Tochter das Rebellische nicht austrieb, der die Veränderungen der Zeit akzeptierte, die Jahre, in denen seine Tochter in einer Wohngemeinschaft lebte, die beiden Kinder, die sie bekam, ohne verheiratet zu sein. „Ich glaube, seine Loyalität mir gegenüber war einer der Gründe, dass er diese Dinge mitgetragen hat.“

Heute ist Barbara Kreuzer mit sich im Reinen. Sie hat Vertrauen ins Leben gelernt. „Angst habe ich nicht so viel, irgendwie ruckelt sich alles zurecht.“ Das klingt passiver, als sie es verstanden wissen will. Hätte sie die Wahl, Amboss oder Hammer zu sein, sie entschiede sich für den Hammer. „Wenn einen etwas stört und man es verändern kann, dann sollte man es tun. Auch das habe ich früh gelernt.“ Sie spricht von „Selbstwirksamkeit“, als sie beschreiben soll, was Glück für sie bedeutet. „Seine eigene Wirksamkeit als Mensch zu erleben, das ist das Größte.“ Das wolle sie ihren Schülern vermitteln – und so manchem Lehrer in diesem Land ins Stammbuch schreiben. Lehrer liefen Gefahr, sich zu sehr als Opfer zu sehen. Als Opfer der Umstände, der Vorgaben der Schulbehörde oder der Politik. „Das ist nicht meine Sicht auf die Dinge. Wir leben in einem Land, in dem man etwas verändern kann.“

Grundvertrauen in Menschen setzt ­Auseinandersetzungen mit sich voraus

Diese Worte werden auch gespeist von jenem Fortschrittsglauben, der in jener Zeit herrschte, in der Barbara Kreuzer groß wurde. „Die 50er- und 60er-Jahre waren in dieser Hinsicht einzigartig. Man ahnte, dass eine Situation schwierig war. Aber man glaubte immer auch, dass in einem selbst die Kraft steckt, die Dinge zum Positiven zu verändern.“ Vielleicht hat es dieser Fortschrittsglaube in heutigen Zeiten, in denen die Errungenschaften demokratischer Gesellschaften gefährdeter denn je sind, schwer. Sie sieht, dass junge Menschen vor ungleich größeren Herausforderungen stehen, wenn sie die Welt verstehen wollen. „Ich hatte es leicht. Ich konnte die Welt in fortschrittlich und nicht fortschrittlich strukturieren und mir so aneignen.“

Einsamkeit ist nichts für die 59-Jährige. Mit Freunden reden, essen, trinken – ohne das möchte sie nicht leben. „Das liebe ich auch an meiner Schule. Hier darf ich mit vielen Menschen reden.“ Das klingt fast schon ein wenig kitschig, doch man täte Barbara Kreuzer wohl unrecht, würde man es (nur) so betrachten. Dieses Grundvertrauen in andere Menschen setzt die Auseinandersetzung mit sich selbst voraus. Dazu gehört, die eigene Widersprüchlichkeit zu erkennen, die jedem Menschen in der einen oder anderen Weise eigen ist. „Das stärkt die Sensibilität für die eigenen Dämonen.“ Dazu gehört die Erkenntnis, dass sich jeder Mensch ändern kann. Auch zum Guten.

Manchmal träumt sie vom Weggehen. „Neulich kam mir in den Kopf, dass ich vielleicht nach New York ziehe, obwohl ich es noch gar nicht kenne.“ Ihr sei klar geworden, dass sie als Pensionärin „noch einmal alle Freiheit der Welt“ habe. „Ich glaube, dass das Pulsierende und Vielfältige dieser Stadt mich ansprechen würde.“ Aber bis zur Pensionierung sind es noch einige Jahre. Und bis dahin kann sie Großstadtgetümmel an der Elbe genießen.