Hans-Böckler-Stiftung

Armutsbericht: „Spardruck bis in die Mittelschicht“

| Lesedauer: 4 Minuten
Hannes Koch
Knapp 30 Prozent der Armutsbetroffenen wollen laut aktuellem Bericht der Hans-Böckler-Stiftung sogar beim Kauf von Lebensmitteln zurücktreten.

Knapp 30 Prozent der Armutsbetroffenen wollen laut aktuellem Bericht der Hans-Böckler-Stiftung sogar beim Kauf von Lebensmitteln zurücktreten.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Die Inflation verschärft die soziale Lage – vor allem für Armutsbetroffene. Das zeigt ein aktueller Bericht der Hans-Böckler-Stiftung.

Berlin.  Wegen der aktuellen Inflation können viele Bürgerinnen und Bürger mit geringen Einkommen ihre Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllen. Sie müssen beispielsweise ihre Ausgaben für Bekleidung und Schuhe einschränken, erklärte am Donnerstag die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung. Diese Situation betreffe „mehr als zwei Drittel der Befragten mit niedrigeren Haushaltseinkommen unter 2000 Euro netto im Monat“, sagte Bettina Kohlrausch, die Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Stiftung.

Die Organisation will zeigen, was Armut konkret bedeutet, und wie sie sich in der aktuellen Lage verschärft. Dazu hat sie neue Daten vorgelegt, die unter anderem aus einer Umfrage im August 2022 stammen. Demnach „wollten knapp 35 Prozent“ der Geringverdiener „sogar beim Kauf von Lebensmitteln kürzertreten“. Kohlrausch hielt es deshalb für „sehr plausibel“, dass die „wirtschaftliche Polarisierung“ zwischen Leuten mit wenig Geld und Wohlhabenden weiter zunehme. „Der Spardruck reicht deutlich in die Mittelschicht hinein“, sagte die WSI-Direktorin.

30 Prozent der Armutsbetroffenen haben befristete Arbeitsverträge

Besonders für Privathaushalte, die arm sind oder durch Armut gefährdet, verschärfe sich die Situation momentan. Schon vor Beginn der aktuellen Krise konnten sich gut 14 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze keine neue Kleidung leisten, schreibt das Institut in seinem neuen Bericht zur Verteilung der Einkommen in Deutschland. Fünf Prozent der Armen konnten ihre Wohnungen nicht richtig heizen, und die Hälfte musste auf Urlaubsreisen verzichten. Diese Prozentangaben beziehen auf den Anteil der Bundesbevölkerung, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das sind ungefähr 1.300 Euro pro Monat für einen Singlehaushalt. Wer weniger hat, gilt als armutsgefährdet oder arm.

Der Verteilungsbericht präsentiert weitere Zahlen. Während zehn Prozent der Gesamtbevölkerung mit befristeten Arbeitsverträgen arbeiten, sind es unter den Armen über 30 Prozent – ein Hinweis auf den Zusammenhang zwischen prekärer Beschäftigung und Armutsgefährdung. Während Arme durchschnittlich 45 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung haben, sind es unter der Gesamtbevölkerung 66 Quadratmeter.

Hans-Böckler-Stiftung: Mindestlohn von 12 Euro nicht ausreichend

Diese Situation habe auch Rückwirkungen auf das Vertrauen in die gesellschaftlichen Institutionen, sagte Kohlrausch. „Lediglich 68 Prozent der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, halten die Demokratie für die beste Staatsform, nur 59 Prozent finden, die Demokratie in Deutschland funktioniere gut“, heißt es im Bericht. „Armut und soziale Polarisierung können die Grundfesten unseres demokratischen Miteinanders ins Wanken bringen, vor allem dann, wenn sie sich verfestigen“, sagte die WSI-Direktorin.

Zur Abhilfe forderte sie eine Politik, die einen „höheren Mindestlohn“ anpeile. Die augenblickliche Untergrenze der Bezahlung von zwölf Euro brutto pro Stunde sei zwar ein Fortschritt – dieser reiche jedoch nicht aus. Auch der Regelsatz des Bürgergeldes müsse weiter angehoben werden. Ab kommenden Januar soll er bei 502 Euro für alleinstehende Arbeitslose liegen.

Armutsgefährdung steigt weiter an

Grundsätzlich beklagt die Hans-Böckler-Stiftung, dass die Armutsrisikoquote – wer weniger Geld zur Verfügung hat, ist armutsgefährdet oder arm – immer weiter ansteige. 2019 habe sie 16,8 Prozent der Bevölkerung erreicht. Darüber, ob dieser Befund stimmt, läuft allerdings eine wissenschaftlich-politische Auseinandersetzung. Es gibt unterschiedliche Interpretationen der Entwicklung in den vergangenen Jahren. So hat Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) berechnet, dass die Quote 2020 bei 16,2 Prozent lag. Bis 2015 sei sie gestiegen, dann aber nicht mehr, jedenfalls nicht statistisch relevant. Das hänge unter anderem mit der Einführung des Mindestlohns zusammen, so Grabka: „Der Sozialstaat ist erfolgreich.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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