Hamburg

Klimaneutrale Unternehmen – geht das eigentlich?

Die Firmenzentrale des Hamburger Versandhändlers Otto sitzt in Hamburg-Bramfeld.

Die Firmenzentrale des Hamburger Versandhändlers Otto sitzt in Hamburg-Bramfeld.

Foto: Otto Group

Firmen wie die Hamburger Otto Group setzen sich ehrgeizige Ziele beim CO₂-Ausstoß. Wie sie diese erreichen.

Hamburg.  Jeder Bundesbürger hat durch seine Lebensweise im Schnitt einen CO2-„Fußabdruck“ von mehr als elf Tonnen des Treibhausgases pro Jahr. Das ist nach Einschätzung von Klimawissenschaftlern viel zu viel. Damit sich die Erde innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte um nicht mehr als zwei Grad erwärmt, dürften es höchstens zwei Tonnen pro Kopf der Weltbevölkerung sein, haben sie errechnet.

Zwar könnte die Corona-Pandemie den weltweiten CO2-Ausstoß nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) in diesem Jahr um etwa acht Prozent senken. Aber die kurze Pause aufgrund des Shutdowns reiche bei Weitem nicht aus, um die im Dezember 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris festgeschriebenen Ziele für die Begrenzung der Erderwärmung zu erreichen, sagt der Kieler Klimaforscher Mojib Latif: „Notwendig ist, die Emissionen in den kommenden Jahren konstant in dieser Größenordnung zu senken – ohne dabei die Wirtschaft lahmzulegen.

Unternehmen werben damit, CO-neutral zu sein

Manche Großunternehmen, darunter die Deutsche Bank, die Commerzbank und der Versicherer Allianz, sind nach eigener Darstellung jedoch schon am Ziel – sie arbeiten angeblich bereits CO2-neutral. Andere Konzerne wollen dies bis 2050 (etwa Volkswagen) oder bis 2040 (Daimler) erreichen. Bei Siemens und beim Hamburger Versandhändler Otto soll es bis 2030 so weit sein.

Dabei hat Otto die Hälfte der Wegstrecke schon in diesem Jahr zurückgelegt: „Unser Ziel lautete, die CO2-Emissionen der eigenen Standorte, der Beschaffungs- und Distributionstransporte sowie der Dienstreisen bis Jahresende 2020 gegenüber dem Basisjahr 2006 zu halbieren“, sagt Alexander Gege, der bei der Otto-Gruppe für das Thema Klimaschutz verantwortlich ist: „Das haben wir vorzeitig geschafft.“

Unter anderem will das Unternehmen an den eigenen Standorten künftig verstärkt auf Energieeffizienz setzen, zum Beispiel durch die Nutzung von Blockheizkraftwerken und erneuerbaren Energien. Wo immer möglich, soll Ökostrom genutzt werden – bisher liegt der Anteil bei 40 Prozent, bis 2025 sollen es 100 Prozent sein. Die für die Paketzustellung zuständige Logistiktochter Hermes will bis 2025 deutschlandweit 1500 Elektro-Transporter einsetzen. Derzeit sollen es einige Hundert sein.

CO2-Ausstoß der Otto Group lag bei 155.000 Tonnen

Wie auch andere Großunternehmen richtet sich Otto bei der Erfassung des CO2-Ausstoßes, der 2019 bei knapp 155.000 Tonnen lag, nach internationalen Standards. Doch diese lassen große Spielräume, wie weit der Erhebungsbereich gefasst wird, was die Resultate schwer vergleichbar macht. So bezieht zum Beispiel Volkswagen sogar die Emissionen der verkauften Pkw über ihren gesamten Lebensweg – wobei eine Fahrleistung von 200.000 Kilometern angesetzt wird – mit ein und weist somit weit höhere CO2-Werte aus als Konzerne, die die Umweltauswirkungen ihrer Produkte außen vor lassen.

Als Handelskonzern rechnet sich Otto die Treibhausgase, die durch die Fertigung der Waren verursacht werden, nicht zu. „In Produktionsbetrieben etwa in Asien sind wir ein Auftraggeber von vielen“, sagt Gege dazu. Allerdings wolle man auch gemeinsam mit den Lieferanten an spürbaren Verbesserungen arbeiten, wobei „alle relevanten Aspekte mit Blick auf die Themen Menschenrechte, Klimaschutz, Wasser, Chemikalien und Ressourceneffizienz“ berücksichtigt würden.

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„Unsere konzerneigene Beratungsgesellschaft Systain richtet mehrtägige Workshops in Asien aus, in denen man mit Verantwortlichen der Produktionsbetriebe umfassend über ökologische und soziale Verbesserungsmöglichkeiten spricht und die Betriebe schult“, erklärt Gege die Maßnahmen.

Großunternehmen setzen auf CO2-Kompensationen

Weil Großunternehmen ihrer Geschäftstätigkeit wohl kaum vollständig klimaneutral nachgehen können, kommen bei ihrer Umweltstrategie stets CO2-Kompensationen mit ins Spiel. Emissionen sollen also dadurch ausgeglichen werden, dass man sogenannte CO2-Zertifikate kauft, über die Klimaschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern finanziert werden. Nur auf diese Weise kann zum Beispiel die Deutsche Bank von sich sagen, sie arbeite schon seit 2012 klimaneutral.

Tatsächlich hat sie aber eigenen Angaben zufolge im vorigen Jahr Emissionen von gut 201.000 Tonnen CO2 verursacht, was fast 21.000 Flügen mit einem Airbus A320 von Hamburg nach München entspricht. Wie die Bank ausweist, wurden 20 Prozent des Kompensationsbetrages für „effiziente Kochherde“ in Afrika verwendet.

Doch der „Ausgleich“ von Emissionen über Zertifikate ist umstritten. So argumentiert die Naturschutzorganisation WWF, dies sei letztlich „ein reines Nullsummenspiel für das Klima“, das nicht zu absoluten Treibhausgas-Reduktionen beitrage.

Greenpeace kritisiert an Billigzertifikaten

„An erster Stelle muss stehen, Emissionen zu vermeiden oder zu vermindern“, sagt auch Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace in Hamburg. „Nur für den Rest, der sich nicht vermeiden lässt, kann eine Kompensation infrage kommen – sonst ist das eine billige PR-Masche.“ Längst habe sich zudem erwiesen, dass ein großer Teil der angeb­lichen Klimaschutzpro­jekte in Entwicklungsländern nutzlos sei.

Und dann ist da noch die Frage des Preises: Bei manchen Agenturen, die solche Kompensationen organisieren, könne man „Billigzertifikate“, die zum Ausstoß einer Tonne CO2 berechtigen, für nur einen Euro kaufen, sagt Smid. Zum Vergleich: Im Handel an der Börse notierten die Papiere in den zurückliegenden zwölf Monaten in einer Spanne zwischen 22 und 30 Euro, das Umweltbundesamt hält jedoch einen Preis von 180 Euro je Tonne des Klimagases für angemessen.

Otto ist eher zum Vorbild als ein Unternehmen wie Amazon

Bei der Otto-Gruppe habe jedenfalls das Vermeiden und Verringern von Emissionen „ganz klar die höchste Priorität“, sagt Gege. Zum Ende des Zielzeitraums der aktuellen Klimaschutzstrategie bis 2030 wolle man „nur noch so wenig wie möglich auf die CO2-Kompensation zurückgreifen müssen“, so Gege. Bis dahin will der Konzern sogar auch auf externe Rechenzentren und seine IT-Dienstleister „verstärkt Einfluss nehmen“, damit sie auf hohe Energieeffizienz oder den Einsatz von Ökostrom achten.

Greenpeace-Experte Smid erkennt den guten Willen an: „Otto taugt sicher eher zum Vorbild als ein Unternehmen wie Amazon, das nach unseren Recherchen aus dem vorigen Jahr Neuwaren, die sich nicht verkaufen lassen, einfach vernichten lässt.“

In einer Hinsicht jedoch unterscheidet sich Otto nicht von anderen Firmen: Die Arbeitswege der Mitarbeiter – allein in Hamburg sind es immerhin mehr als 9000 Beschäftigte, die vornehmlich am Hauptsitz in Bramfeld arbeiten – bleiben in der CO2-Rechnung auch weiter unberücksichtigt, wie Gege sagt: „Es wäre ein enorm großer Aufwand, die Daten zu erheben, außerdem ist der Anteil an den Klimaauswirkungen verhältnismäßig gering.“