Arbeitsmarkt

Hamburger Firmen machen Azubis das Leben schwer

Wiebke Oetken (l.), Bezirksjugendsekretärin DGB Nord, mit Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger (M.) und Fanny Weisser, ehemalige Auszubildende bei Airbus.

Wiebke Oetken (l.), Bezirksjugendsekretärin DGB Nord, mit Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger (M.) und Fanny Weisser, ehemalige Auszubildende bei Airbus.

Foto: Andreas Laible

Nur jeder sechste Hamburger Betrieb bildet aus. Damit ist die Hansestadt Schlusslicht in Deutschland.

Hamburg. Auch in Zeiten einer immer größeren Fachkräftenot machen nicht wenige Firmen in Hamburg ihren Auszubildenden das Leben unnötig schwer: Fast 41 Prozent von ihnen müssen regelmäßig Überstunden leisten, bei jedem Zehnten sind ausbildungsfremde Tätigkeiten während der Lehrzeit üblich – und die technische Ausstattung in den meisten Berufsschulen ist kaum geeignet, die jungen Menschen auf die Nutzung digitaler Technologien an ihrem späteren Arbeitsplatz vorzubereiten.

Zu diesen Ergebnissen kommt der Ausbildungsreport 2020, den die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Hamburg am Dienstag in einer Berufsschule in Bergedorf vorstellte. Dazu befragte man 1053 Jugendliche in der Stadt. Trotz der genannten Mängel sind insgesamt sieben von zehn Befragten mit der fachlichen Qualität ihrer Ausbildung im Unternehmen zufrieden. Auffällig dabei: In Großbetrieben mit mehr als 500 Beschäftigten sind es sogar 83 Prozent, in kleineren Firmen hingegen nur rund 60 Prozent.

Auszubildende müssen ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben

Zu den 41 Prozent der Auszubildenden, die regelmäßig Überstunden machen müssen, heißt es in dem DGB-Bericht, dies sei „ein viel zu hoher Anteil, der sich gegenüber dem vorherigen Report von 2016 noch um mehr als zwei Prozentpunkte erhöht hat.“ Der Durchschnittswert bei den Betroffenen in Hamburg liege bei 3,5 Stunden pro Woche, wobei die künftigen Hotelfachleute mit 5,5 Stunden am oberen Ende der Skala rangieren. Knapp jeder zehnte der Befragten erhält für die geleisteten Überstunden keinerlei Ausgleich durch mehr Geld oder Freizeit.

„Das ist ein klarer Verstoß gegen das Berufsbildungsgesetz“, sagt dazu Wiebke Oetken, Bezirksjugendsekretärin beim DGB Nord. „Unverantwortlich“ findet sie auch, dass gut elf Prozent der Auszubildenden nach eigenen Angaben „immer“ oder „häufig“ ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben müssen – also solche, die nicht dem Lernerfolg dienen. „So kann es schon mal vorkommen, dass Privatdienste für die Vorgesetzten erledigt werden, Putzarbeiten anstehen oder die Auszubildenden drei Jahre lang in ein- und derselben Abteilung eingesetzt werden“, wie es im DGB-Report heißt. Oetken fordert wirksamere Kontrollen durch die Kammern, um solche Missstände eindämmen zu können.

Auszubildende sind mit der Digitalisierung vertraut

Kritikwürdig ist aus Sicht der Betroffenen auch die unzureichende Vorbereitung auf den Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Obwohl 80 Prozent der Auszubildenden sicher sind, dass sie für ihr Berufsleben wichtig sein wird, fühlt sich rund die Hälfte aller Befragten nicht gezielt für die Nutzung solcher Technologien qualifiziert. „In vielen Betrieben vergisst man, dass die Jugendlichen mit Alexa aufgewachsen sind“, sagt Fanny Weisser, bis August 2019 Auszubildende bei Airbus: „Sie sind mit der Digitalisierung vertraut und haben entsprechende Erwartungen und Ansprüche an die Ausbildung.“

Nach den Erkenntnissen des DGB sind hierbei besonders die Berufsschulen gefragt, denn sie könnten bislang diesen Anforderungen vor allem im Hinblick auf die technische Ausstattung häufig nicht gerecht werden. Doch selbst in einem technologieorientierten Unternehmen wie Airbus ist nicht alles hochaktuell: „Da gibt es noch Lehrvideos aus den 1980er-Jahren, aber bisher werden nur wenige interaktive Schulungsprogramme wie etwa Apps genutzt“, sagt Weisser. Allerdings ändere sich das gerade allmählich: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“

Azubis-Gehalt ist in Hamburg unterdurchschnittlich

Im DGB-Report finden sich auch Angaben zur Vergütung. Sie liegt demnach bei den gut 54.000 Auszubildenden in Hamburg im Schnitt bei 895 Euro – das sind zwei Prozent unter der durchschnittlichen tariflich geregelten Vergütung für Westdeutschland. Allerdings ist deren Spanne recht groß. Sie reicht von lediglich 606 Euro für Friseure bis zu 1091 Euro für die Mechatroniker.

Wiebke Oetken begrüßt zwar die vor wenigen Tagen angekündigte Einführung eines Azubi-Tickets zum Preis von monatlich 30 Euro für den gesamten HVV-Tarifbereich. Allerdings liegt es in der Entscheidung des Ausbildungsbetriebs, ob er das „BonusTicket“ mit einem Zuschuss von 20 Euro monatlich pro Person einführt. „Arbeitgeber müssen verpflichtet werden, das Azubi-Ticket in ihrer Firma auch wirklich anzubieten“, fordert Oetken.

Als belastend empfinden zahlreiche Jugendliche die große Unsicherheit über die eigene berufliche Zukunft: Mehr als die Hälfte der Azubis in Hamburg wusste zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht, ob sie vom Unternehmen übernommen werden. Selbst im dritten Ausbildungsjahr haben 45 Prozent der jungen Menschen keine Information darüber, ob sie nach dem Abschluss in ihrem Betrieb weiterbeschäftigt werden. „Da wird es total absurd“, sagt Katja Karger, Vorsitzende des DGB Hamburg. „Die Arbeitgeber jammern über den Fachkräftemangel, aber wenn wir uns diese Antworten aus der Befragung ansehen, fragen wir uns, wie das zusammengeht.“

Nur 16,7 Pozent der Hamburger Betriebe bilden aus

Zudem bilden nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung nur 16,7 Prozent der Betriebe in der Hansestadt aus. „Damit ist Hamburg das Schlusslicht unter den westdeutschen Bundesländern mit im Schnitt 21,3 Prozent“, so Karger. „Wir brauchen eine massive Steigerung der Ausbildungsquote.“

Oftmals argumentierten die Arbeitgeber, man finde einfach keine geeigneten Bewerber, sagt Karger. „Es gibt einen Qualitätsanspruch, der an der Wirklichkeit vorbeigeht.“ In früheren Jahrzehnten, als manche der jungen Menschen schon mit 14 oder 15 Jahren eine Lehre begannen, sei man sich in den Betrieben darüber klar gewesen, dass mit der Ausbildung auch ein Erziehungsauftrag verbunden ist. Heute erwarte man fertig entwickelte Persönlichkeiten – „möglichst nur noch Abiturienten, die auch schon den Führerschein haben.“

Die Firmen würden sich eine „Bestenauslese“ gönnen, die angesichts der demografischen Entwicklung unzeitgemäß sei, findet Karger. Zwar könne eine kleine Zahl von zuletzt 248 Ausbildungsplätzen in Hamburg nicht besetzt werden, aber: „Offen bleiben meist die Lehrstellen für Berufe mit grauenhaften Arbeits- und Ausbildungsbedingungen.“