Hamburg

Was Hapag-Lloyds neue Chefin für Zentraleuropa auszeichnet

Mirja Nibbe, die neue Europachefin von Hapag-Lloyd, auf der Dachterrasse der Firmenzentrale am Ballindamm.

Mirja Nibbe, die neue Europachefin von Hapag-Lloyd, auf der Dachterrasse der Firmenzentrale am Ballindamm.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Aus Fernweh kam sie in die Firma. Mit 41 Jahren leitet Mirja Nibbe jetzt die wichtigste Geschäftsregion der Traditionsreederei.

Hamburg.  Sie ist nie zur See gefahren und kannte Schiffe früher nur von Ausflügen an die Strandperle. Dennoch leitet Mirja Nibbe bei Hamburgs Traditionsreederei Hapag-Lloyd nun deren wichtigsten Markt: Seit Juli ist die Schifffahrtskauffrau die Chefin für das Geschäft in Zentraleuropa. Dazu gehören Deutschland, Österreich, die Schweiz, Ungarn Tschechien und die Slowakei. Dabei war Nibbe eigentlich gerade wieder auf dem Sprung nach Asien – wie schon öfters in ihrem Leben. Aber als das Angebot ihres Chefs kam, konnte sie nicht ablehnen.

Und so ist Nibbe an diesem Tag nicht in Hongkong oder Singapur anzutreffen, sondern in der Hapag-Lloyd-Zentrale am Ballindamm. Groß gewachsen, schlank, die mittellangen blonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden steht sie in der Sonne blinzelnd auf der Dachterrasse des Hauses und schaut auf die Alster.

"Deutschland als Produktionsstandort für die Welt extrem wichtig“

Hapag-Lloyd hat seine weltumspannenden Transportgeschäfte in 34 Gebiete, sogenannte Areas, unterteilt. Zentraleuropa ist darunter die bedeutendste. Das hört Nibbe zwar nicht gern: „Ich nehme mich da nicht so wichtig“, sagt sie, räumt aber ein: „Zentraleuropa ist unser Heimatmarkt. Zehn unserer größten Kunden sitzen hier. Die Automobilindustrie, die Chemie, die Maschinenbauer“, zählt Nibbe auf.

Deutschland ist als Produktionsstandort für die Welt extrem wichtig.“ Als das verantwortliche Gesicht der Reederei für das gesamte operative Geschäft in Zentraleuropa muss Nibbe dafür sorgen, dass der Transport der Waren im Im- und Export zuverlässig geschieht.

Dabei ist sie gerade 41 Jahre alt und sitzt auf einem Posten, den in der Vergangenheit hocherfahrene Manager gegen Ende der Karriere bekamen. Als ihr Chef sie fragte, ob sie sich das zutrauen würde, hielt sie das Ganze zunächst für einen Scherz: „Es war aber keiner.“ Nach kurzer Bedenkzeit nahm sie an.

Nibbes Leben ist eng mit Hapag-Lloyd verbunden

Nibbes Leben ist eng mit Hapag-Lloyd verbunden. Auch wenn es am Anfang gar nicht danach aussah. „Ich bin eigentlich zu dem Unternehmen gekommen, weil ich hier die Chance sah, meinen großen Traum zu verwirklichen, und der war es, eine Zeit lang im Ausland zu leben.“ Schon als Schülerin hatte sie gehofft, an einem Schüleraustauschprogramm teilnehmen zu dürfen. Ihre Eltern waren aber strikt dagegen. „Mach du erst einmal dein Abitur“, hieß es.

Also bewarb sie sich nach der Schule bei verschiedenen internationalen Konzernen, in der Hoffnung, dadurch ihren Traum zu erfüllen. Nach einem harten Bewerbungsverfahren hatte sie von Hapag-Lloyd schnell die Zusage. Schneller als von anderen Firmen. Also startete sie vor 22 Jahren ihre Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau, einhergehend mit einem BWL-Studium an der Hamburg School of Business Administration. Sie war eine von drei Bewerbern, denen Hapag-Lloyd dieses duale Studium ermöglichte.

Fast hätte sie vorzeitig gekündigt, weil ihr Auslandswunsch zu platzen drohte: „Zur Ausbildung gehörte ein sechsmonatiges Praktikum in einer Außenniederlassung. Angeboten wurden aber nur deutsche Standorte. Ich war richtiggehend verzweifelt.“ Aber Hapag-Lloyd kam ihr entgegen, und so durfte Nibbe erstmals nach Hongkong: „Das war einfach großartig.“

Nibbe war mehrfach in Asien

Inzwischen hat sie ihre Karriere bereits mehrfach nach Asien geführt. Zwei Jahre lang war sie in Singapur, danach drei Jahre in Shanghai. Und mit ihren Eltern hat sie sich über das Thema auch ausgesöhnt: „Sie haben mich mehrfach dort besucht.“

Auch sonst war sie nicht allein. Begleitet wurde sie nach Asien von ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann, einem Namibier mit deutschen Wurzeln, der bei Lufthansa Technik arbeitet. Zusammen haben sie einen sieben Jahre alten Sohn und eine Tochter im Alter von drei Jahren. Die Frage, wie sie Familie und Beruf miteinander vereinbart, antwortet Nibbe mit einem empörten Blick. „Das ist doch typisch“, sagt sie. „Warum stellt man solche Fragen nie den Männern, sondern immer nur den Frauen?“

Aber sie antwortet dennoch darauf: „Mein Mann und ich teilen uns die Erziehung, und wir haben Unterstützung durch ein Au-pair-Mädchen.“ Wenn sie nicht auf Reisen muss, hält sie sich an den Rhythmus, den alle voll beschäftigten Eltern kennen: Frühstück und Abendessen werden gemeinsam mit den Kindern eingenommen. „Ich bringe sie dann noch zu Bett, und dann setze ich mich wieder an meine Arbeit.“

Hapag-Lloyd eröffnet neuen Liniendienst von Europa nach Indien

Was Nibbe in ihrer Freizeit macht? Sie lacht. „Ehrlich gesagt ist da im Moment nicht viel Freizeit.“ Wenn sie dringend abschalten müsse, jogge sie gern um die Alster. „Aber nur eine Runde!“ Und zur Arbeit fahre sie am liebsten mit dem Rad – auch bei Nieselregen: „Ich bin da ziemlich konsequent.“ Das Auto nehme sie nur, wenn sie eine der Niederlassungen in ihrer Region besuchen müsse.

Es gibt viel zu tun. 2019 sei bisher gut gelaufen, aber wie 2020 wird? Da gibt es viele Fragezeichen, nicht nur wegen der Unsicherheiten im Welthandel, auch wegen der Frage, ob Deutschland am Rand einer neuen Rezession steht. „Es ist vieles im Wandel in der Schifffahrt“, sagt Nibbe. In Kürze eröffnet Hapag-Lloyd einen neuen Liniendienst von Europa nach Indien. Natürlich hält der auch in Hamburg. Dafür setzt sich Nibbe ein. Die Frau mit dem Fernweh hat auch die Hansestadt im Herzen.