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Hamburger Gründerpreis – das sind die Gewinner

Norbert Aust, Miteigentümer vom Schmidts Tivoli, Vorsitzender des Tourismusverbandes, bekommt den Lebenswerk-Preis.

Er hat Hamburgs Kultur geprägt
Ein Preis für das Lebenswerk ist immer etwas zweischneidiges. Zum einen soll mit dieser Auszeichnung die Leistung eines bewegten und erfolgreichen Berufslebens gewürdigt werden - hier kann es kaum einen besseren Preisträger als Norbert Aust geben. Zum anderen steckt im Begriff Lebenswerk auch etwas Endliches, quasi das Ende des beruflichen Schaffens – und genau damit kann Norbert Aust trotz seines fortgeschrittenen Alters von 76 Jahren sicherlich noch nicht dienen.

Geboren in Schlesien, im Alter von zweieinhalb Jahren mit Mutter und kleinerem Bruder nach Niedersachsen geflohen, aufgewachsen im beschaulichen Delmenhorst, kam der junge Norbert Aust nach Abitur und Wehrdienst nach Hamburg. Er wollte raus aus der Provinz. „Diese weltoffene Großstadt hat mich sofort bei meinem ersten Besuch begeistert – da musste ich hin“, erinnert er sich. Aust studierte an der Uni Jura und Volkswirtschaft, wollte Anwalt werden. „Um anderen Menschen zu helfen”, erklärt er seine Motivation. Doch er blieb im Hochschulbetrieb hängen, landete an der früheren Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), wo er lehrte, Rektor und mit 37 Jahren Präsident wurde.

Neuer Studiengang wurde entwickelt

ine seiner Ideen: Den neuen Studiengang Kulturmanagement einzuführen. „Denn schließlich ist fast jeder Kulturschaffende auch ein Unternehmer.“ Aust probierte seinen neuen Studiengang in den 1980er Jahren quasi persönlich in der Praxis aus, indem er das von Verfall und Schließung bedrohte Kulturzentrum Kampnagel mit anderen wieder fit für die Zukunft machte. Spätestens seit dieser Zeit waren Kultur, Wirtschaft und Aust eine Kombination, die man nicht mehr trennen konnte.

Kurz darauf wartete auf ihn die wohl größte Herausforderung seines beruflichen Lebens. Er lernte den Theatermacher Corny Littmann kennen. Beide fanden sofort einen Draht zueinander und beschlossen, an der Reeperbahn „ein Theater für alle Hamburger“ zu gründen. Aus dem kleinen Schmidt Theater wurde die Schmidts Tivoli GmbH mit heute drei Spielstätten auf dem Kiez und zusammen mehr als 1000 Plätzen. „Wir haben bei null angefangen“, erinnert sich Aust, der für die Zahlen, den Vertrieb und das Marketing verantwortlich zeichnete. Littmann kümmerte sich um den künstlerischen Bereich. Eine erfolgreiche Arbeitsteilung: Die ersten 100 Veranstaltungen waren schnell ausverkauft, das Theaterunternehmen hatte nach zehn Jahren keine Schulden mehr.

Künstler kamen, Künstler gingen

Künstler kamen, Künstler gingen, das Erfolgsduo Aust/Littmann blieb. Den beiden war eine neue Art von Theater gelungen: Nicht elitär, nicht abgehoben, sondern eine Spielstätte für die Massen. Theater für jedermann. 2002 verabschiedete sich Aust von der HWP, doch seinem Theater blieb er treu. Noch heute hält er 50 Prozent an der Schmidts Tivoli GmbH. In der Geschäftsführung sitzt er allerdings nicht mehr, dort haben mittlerweile neben Corny Littmann Austs Tochter Tessa und Schwiegersohn Hannes Vater Platz genommen. Zur Ruhe gesetzt hat sich der schlanke, drahtige Aust, der sich gerne in Schwarz kleidet, allerdings nicht. Ende Oktober wird er zusammen mit den Eignern des Miniaturwunderlandes und dem Gründer der 25hours-Hotelkette Kai Hollmann das Pierdrei in der Hafencity eröffnen. „Ein Hotel für die ganze Familie“, wie Aust es nennt. Bezahlbar und anders soll es werden: Mit Campingdach, Spielwiese, Theaterbühne sowie Aufenthaltsräumen für Kinder und Jugendliche, damit die Erwachsenen auch mal ohne den Nachwuchs shoppen können. Beim Pierdrei wird Aust also nochmal als Unternehmer in einem für ihn neuen Feld tätig.

Der Hamburger Gründerpreis 2019
Der Hamburger Gründerpreis 2019

Aber es geht dem Träger des Bundesverdienstkreuzes längst nicht nur um das eigene Unternehmertum. Aust schaut auch über die eigenen Bilanzen, Umsatz- und Gewinnzahlen hinaus. Seit längerem engagiert er sich im Tourismusausschuss der Handelskammer und ist Vorsitzender des Tourismusverbandes. Sein Ziel in diesen Funktionen definiert er so: „Ich freue mich über jeden, der Hamburg besucht und ganz besonders über die Menschen, die sich dann entscheiden, für immer hier zu bleiben.“ So wie er selbst. Damit die Stadt noch attraktiver für Touristen wird und die Wirtschaft prosperiert, mischt er nun auch kräftig im Wahlkampf für das Plenum der Handelskammer mit.

Aust mischt in der Handelskammer mit

Zusammen mit Astrid Nissen-Schmidt bildet er das Führungsduo der Wahlgruppe Starke Wirtschaft Hamburg. Spricht man mit Aust über die vergangenen Jahre in der Handelskammer, dann wird der Mann, der eher ein wenig leise und bedächtig spricht, auch schon mal lauter. Die so genannten Rebellen, die 2017 am Adolphsplatz einen Kantersieg bei den Plenumswahlen einfuhren, hätten „sehr viel zerstört“, sagt er. Vor allem über die Demission der von den Rebellen einst eingesetzten Hauptgeschäftsführerin Christi Degen habe er sich so geärgert, dass er entschieden habe, sich noch mehr einzumischen. Aust will eine Kammer, die sowohl für die einzelnen Unternehmen da ist, aber sich auch nach außen einmischt. So macht sich seine Wahlgruppe unter anderem für einen attraktiveren öffentlichen Nahverkehr, eine bessere Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft sowie Konzepte gegen den Fachkräftemangel stark.

Aust will verändern, bewegen und gestalten. Bei all seinem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement kommt die Freizeit oft zu kurz. Auf die Frage nach Hobbys, antwortet er mit einem einzigen Wort: „Familie“. Auch wenn fünf von sechs Kindern aus dem Haus sind, das sechste gerade flügge wird, ist ihm die Zeit mit der Familie, besonders mit Ehefrau Wiebke, wichtig. Und als zweifacher Opa wird er – auch abseits der beruflichen und ehrenamtlichen Aufgaben – bisher nicht gekannte Herausforderungen haben. Ruhestand? Den wird es trotz der Lebenswerk-Auszeichnung für Aust nicht geben. Wie im Theater gilt auch für ihn: The show must go on. Oliver Schade

Der Online-Rockstar
Es ist lange her, dass dieser Typ in weißen Sneaker eine Krawatte trug. Philipp Westermeyer, einer der gleichzeitig erfolgreichsten und uneitelsten Typen der Digitalszene, begann seine Karriere als Vorstandsassistent bei der Bertelsmann AG, anschließend arbeitete er als Investment-Manager bei Gruner + Jahr. „Das war ein Glücksfall“, sagt der gebürtige Essener, weil er dort alles über das Medienbusiness und einen Großkonzern lernte und Verkaufsgespräche mit den ersten Start-ups erlebte. Dabei wurde ihm klar: „Ich muss selbst etwas gründen. Als Unternehmer kannst du so viel Gas geben, wie du möchtest, und wirst direkter belohnt.“

Gas geben und belohnt werden – genauso kam es. In den vergangenen 15 Jahren gab es keinen Tag, an dem „Weste“ (so wird er von vielen genannt) nicht gearbeitet hätte. Sein erstes Geschäft bestand aus der Restplatzvermarktung von Bannerflächen im Internet. Für 20 Cent einkaufen, für 40 Cent weiterverkaufen – das klingt klein, aber es handelt sich immerhin um eine Verdoppelung des Gewinns. Wer für eine Million Euro einkauft, der hat ganz schnell eine profita­ble, attraktive Firma. So attraktiv, dass Gruner + Jahr sie haben wollte. Auch die nächste Firma führten Westermeyer und seine Partner Tobias Schlottke und Christian Müller nur gut zwei Jahre, bis sie sie 2015 an Zalando verkauften.

20 Millionen Euro Umsatz

Die Ramp 106 GmbH stellt Westermeyers dritte Firma dar, und von der wird er sich voraussichtlich erst mal nicht trennen. Zu viel Erfolg, zu viele Emotionen. 20 Millionen Euro Umsatz, und die Besucherzahlen des OMR Festivals steigen von Jahr zu Jahr. Die Konferenz der Online Marketing Rockstars begann natürlich nicht als 52.000-Leute- Event in den Messehallen, bei dem sich Weltstars wie Yuval Harari oder Ellie Goulding auf der Bühne abklatschen, während SPD-Generalsekretäre, Bürgermeister der Stadt und Supermodels in der ersten Reihe sitzen, wie es beispielsweise in diesem Jahr der Fall war.

Westermeyer startete das Event 2011 eher als kleines Hobby, um Leute aus der Digitalszene zusammenzubringen. 200 Leute kamen zur Premiere. „Null Relevanz zu der Zeit“, sagt Westermeyer, der im Jahr darauf bereits die Große Freiheit mietete. Tagsüber! Das hatte bislang noch niemand gemacht. Es roch nach Popcorn und Erbrochenem, als YouTube-Stars wie Sami Slimani und Rapper wie Das Bo für Unterhaltung sorgten.

OMR Podcast läuft grandios

Unterhalten kann der Chef von 90 Mitarbeitern sich hervorragend, sein OMR Podcast läuft grandios. Darin spricht der 40-Jährige „über digitales Marketing und was sonst noch so los ist“, erklärt Westermeyer das Konzept. Außerdem produziert die Ramp 106 GmbH inzwischen 25 andere Podcasts und vermarktet 40 weitere. Das passt eigentlich gar nicht mehr zu der winzigen Aufnahmekabine, in der es eigentlich immer zu heiß ist. Aber das interessiert Westermeyer nicht, genauso wenig, ob jemand wichtig ist. Hauptsache, derjenige kann was! Der OMR-Macher versteht sich mit Dieter Bohlen genauso wie mit Mathias Döpfner oder Bonez MC von 187 Straßenbande. Yvonne Weiß

Sie helfen bei Angststörungen
Zehn bis zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden im Laufe ihres Lebens unter Angststörungen. Einige ihrer Erscheinungsformen lassen sich relativ gut vermeiden oder unter Kontrolle halten, so wie etwa Flug- oder Höhenangst. „Daneben gibt es aber Störungen, die die Betroffenen sehr stark beeinträchtigen“, sagt Julian Angern, einer der Gründer des Hamburger Start-ups Sympatient. So trauen sich manche aus Angst vor Kontrollverlust zum Beispiel nicht an belebte Orte oder zusammen mit Unbekannten in die U-Bahn. Hinzu kommt: „Der Großteil der Menschen mit solchen Angststörungen ist nicht in Behandlung, entweder wegen der langen Wartezeiten darauf oder weil sie die Therapie lieber selbst in die Hand nehmen möchten.“

Genau dieser großen Gruppe will Sympatient helfen – und zwar mittels der virtuellen Realität (VR). Schon während seines Psychologiestudiums am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck hat Angern am Einsatz dieser Technik im Rahmen der sogenannten Konfrontationstherapie gearbeitet: Während sich üblicherweise ein Therapeut zusammen mit dem Patienten in die Angst auslösende Situation begibt, kann man diese mittels einer VR-Brille sehr realistisch simulieren.

Zwei Produkte sind schon auf dem Markt

Schon bald überlegte Angern gemeinsam mit seinem Bruder Christian, der Wirtschaftsinformatik studiert hat, und Christians Studienkollegen Benedikt Reinke, wie man daraus ein Geschäftsmodell entwickeln könnte. Ende 2017 gründeten sie die Firma Sympatient. Zwei Produkte sind schon auf dem Markt: ein Kursus gegen Flugangst für mindestens 85 Euro sowie eine Anti-Stress-App, deren Preis (74,50 Euro) von etlichen Krankenkassen erstattet wird. Mehrere Tausend Menschen haben die beiden Angebote bereits genutzt. Wer die Apps verwenden will, erhält eine VR-Brille, in die das eigene Smartphone eingesetzt werden kann, zugeschickt.

„Diese beiden Anwendungen haben uns dabei geholfen, unser Konzept zu testen“, sagt Christian Angern. Denn das Hauptprodukt Invirto zur Bekämpfung von schweren Angststörungen soll im Herbst fertig sein. Eine „führende Krankenkasse“ habe zugesagt, die VR-Therapie zu bezahlen, so Christian Angern: „Schließlich verursachen auch Menschen, die nicht wegen ihrer Angststörung in Behandlung sind, hohe Gesundheitskosten, etwa durch Notarzteinsätze und längere Arbeitsunfähigkeit.“

Am Beginn steht Gespräch mit Therapeuten

Ganz ohne menschliche Begleitung kommt die Sympatient-Methode allerdings nicht aus: Am Beginn steht ein Gespräch mit einem Therapeuten, außerdem hält das Unternehmen zur Qualitätskontrolle weiter engen Kontakt mit dem UKSH. Aktuell besteht das Team, dessen Büroräume sich in den Ottenser Zeisehallen befinden, aus zwölf Personen, von denen die meisten in Vollzeit tätig sind. Doch Sympatient hat ehrgeizige Wachstumspläne: „In drei Jahren soll die Mitarbeiterzahl dreistellig sein“, sagt Reinke. Das Ziel sei klar, so Christian Angern: „Wir werden der führende Anbieter für digitale Angsttherapie.“ Volker Mester