Hamburger Start-up

Deutschlands erstes DNA-Müsli – welcher Typ sind Sie?

Mitarbeiterin Wenke Blumenroth präsentiert im myMuesli-Shop in der Hamburger Innenstadt verschiedene Sorten. Das DNA-Müsli gibt es nur online.

Mitarbeiterin Wenke Blumenroth präsentiert im myMuesli-Shop in der Hamburger Innenstadt verschiedene Sorten. Das DNA-Müsli gibt es nur online.

Foto: Roland Magunia

Start-up myMuesli testet ein Frühstücksangebot, das durch die Gene des Kunden bestimmt wird. Sinnvoll oder Marketinggag?

Hamburg.  Als das Start-up ­myMuesli vor zwölf Jahren eine Internetseite startete, auf der sich Kunden ein Müsli mit ihren Lieblingszutaten zusammenstellen und nach Hause schicken lassen konnten, war das eine kleine Revolution. Jetzt mischt das Trio die Branche wieder auf. Seit Kurzem kann man sich die Frühstücksflocken nicht nur nach Geschmack, sondern – so das Versprechen – auch passend zum persönlichen Gen- und Stoffwechselprofil mixen lassen. DNA-Müsli nennen sie es.

Das klingt zunächst nach Science Fiction. Individualisierte Ernährungsempfehlungen sind aber seit einigen Jahren einer der am meisten gehypten Trends in der Lebensmittelindustrie. Wissenschaftler und Konzerne beschäftigen sich mit dem Thema. Die Vision dahinter: Unser Erbgut bestimmt, welches Essen gut für uns ist.

Welcher Snack ist richtig für den kleinen Hunger?

In Deutschland ist myMuesli mit seinen maßgeschneiderten Cerealienmischungen Vorreiter auf dem Markt. „Uns geht es nicht mehr nur um Müsli. Wir möchten, dass Ernährung insgesamt noch persönlicher und individueller wird“, sagt Hubertus Bessau, der das Unternehmen 2007 gemeinsam mit Philipp Kraiss und Max Wittrock gegründet und zu einer Erfolgsstory mit einem Jahresumsatz von 61 Millionen Euro und 29 Shops ausgebaut hat.

Die Idee habe es schon länger gegeben, aber erst in den vergangenen zwei Jahren seien wissenschaftliche Bausteine entwickelt worden, um Kunden die Bestimmung auch von zu Hause aus möglich zu machen. Deshalb werden im Onlineshop der Müsli-Mixer jetzt nicht mehr nur unterschiedliche Flockensorten, Nüsse oder getrocknete Früchte angeboten, sondern auch Sets für einen DNA-Schnelltest sowie eine Blutzucker- und Darmmikrobiomanalyse. Möglich ist das dank zweier Kooperationspartner, die die Profile der Kunden auswerten und die Stoffwechseltypen bestimmen. Protein-, Kohlenhydrat oder Fett-Typ? Welcher Snack ist richtig für den kleinen Hunger? Welches Frühstück macht lange satt? Basierend auf den Ergebnissen stellt myMuesli dann eine Empfehlungsliste mit Müsli- oder Porridge-Zutaten zusammen – mit Zehn-Euro-Gutschein für das erste DNA-Müsli.

Wissenschafter erforschen Zusammenspiel von Genen und Nahrung

Das Bewusstsein für die Ernährung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Es geht längst nicht mehr nur darum, dass Obst, Gemüse und Fisch gesünder sind als Zucker, Fett und rotes Fleisch. Sondern um die gezielte Vorbeugung von Zivilisationskrankheit wie Diabetes und Übergewicht und nicht zuletzt um Selbstoptimierung durch das, was man isst.

Weltweit versuchen Wissenschaftler das komplizierte Zusammenspiel zwischen Genen, Nahrung und Stoffwechselproduktion zu enträtseln und folgen den Pfaden, auf denen Bestandteile der Ernährung sich auf den Organismus auswirken. Und das ist bei jedem Menschen anders. Es liegt, so die vereinfachte Erkenntnis, auch im Erbgut, ob etwa ein Burger gesundheitsschädlich ist oder ein zuckerarmes Bio-Müsli dem Wohlbefinden zuträglich. „Zahlreiche aktuelle Studien bestätigen bereits, dass eine personalisierte Ernährung effektiver ist und damit individuelle Ernährungsziele besser erreicht werden können“, sagt Maximilian Pahn, der das Konzept für das DNA-Müsli bei myMuesli mitentwickelt hat. Offen bleibt, ob das auch für Profile gilt, die per Selbsttests entstehen.

Die Nachfrage nach dem DNA-Müsli ist groß

Für myMuesli läuft es gut an. Die Nachfrage ist größer als erwartet. Schon wenige Tage nach dem Start im August war der DNA-Selbsttest des Berliner Start-ups Lykon unter dem Namen myDNA Slim, der in Zusammenarbeit mit den Experten der amedes-Gruppe entwickelt wurde, auf der Seite von myMuesli ausverkauft. Das Set, das für 189 Euro angeboten wird, soll per Speichelprobe unterschiedliche Stoffwechseltypen ermitteln. Genaue Verkaufszahlen will myMuesli nicht nennen. Inzwischen beträgt die Lieferzeit bei der Bestellung vier bis fünf Wochen. Zweiter Partner ist die Tech-Firma Million Friends, eine Ausgründung des Instituts für Ernährungsmedizin an der Universität Lübeck. Für 299 Euro ist das komplexere Testprogramm Million Friends Vital erhältlich, das Blutzuckerwerte und Darmflora analysiert.

Mittels eines Sensors wird dann über einen Zeitraum von 14 Tagen die Blutzuckerreaktion auf verschiedene Lebensmittel gemessen, parallel führen die Teilnehmer über eine App ein Ernährungstagebuch und geben eine Stuhlprobe ab. Nach der Auswertung bekommen sie einen persönlichen Stoffwechselreport mit Tipps, welche Mahlzeiten – nicht nur zum Frühstück – gut für sie sind.

„Unser Programm für personalisierte Ernährung hilft den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und damit Krankheiten vorzubeugen“, erklärt Million-Friends-Geschäftsführer Dominik Burziwoda. Vor drei Jahren hatte ein Team aus Ernährungsmedizinern, Bioinformatikern, Systembiologen und Ernährungsformern das Projekt gestartet, seit 15 Monaten ist es auf dem Markt. Die erste Resonanz ist positiv. „88 Prozent der Teilnehmer befolgen unsere Empfehlungen, davon haben mehr als zwei Drittel Gewicht verloren“, sagt Burziwoda, der von einer vierstelligen Teilnehmerzahl spricht. Langfristiges Ziel ist es, auch individuell zugeschnittene Therapien etwa für Diabetes-Patienten anzubieten. Mit der Zusammenarbeit mit myMuesli wollen die Lübecker die Akzeptanz einer größeren Zielgruppe testen.

Verbraucherschützer sind skeptisch

Armin Valet, Ernährungsexperte bei der Hamburger Verbraucherzen­trale, sieht den langfristigen Nutzen des DNA-Müslis allerdings eher skeptisch. „Das ist ein Marketing-Instrument“, sagt er. Es sei zwar verlockend zu meinen, dass eine Gen-Analyse zu gesunder Ernährung verhelfe. Bislang seien die wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür aber noch nicht ausreichend. Der Einfluss von identifizierten Genabweichungen auf ein Krankheitsrisiko gilt bisher noch als sehr gering, viel wichtiger sind bekannte Risikofaktoren wie etwa der eigene Lebensstil. „Ich halte auch die Vorstellung, dass ein spezielles Müsli helfen kann, gesundheitliche Risiken zu vermeiden, für reine Augenwischerei. Der Effekt ist praktisch nicht vorhanden“, so Valet. Zugleich ist er sicher, dass die Individualisierung der Ernährung sich weiterentwickeln wird. „Das ist ein Thema der Wohlstandsgesellschaft.“

Was myMuesli mit dem DNA-Müsli im kleinen Stil macht, wird von Lebensmittelkonzernen wie Nestlé, Danone und Unilever schon länger mit Macht und viel Geld vorangetrieben. Der Gesundheitsmarkt verspricht lukrative Absatzmärkte – und könnte das angeschlagene Image der Global Player etwa angesichts von Debatten über eine Zuckersteuer aufpolieren. Was sich in dem Bereich verdienen lässt, ist schwer abschätzbar.

Sicherheit der Daten spielt eine wichtige Rolle

Aber bei einem zu erwartenden Anstieg der weltweiten Bevölkerung über 60 Jahre auf 2,1 Milliarden im Jahr 2050 sind gesundheitsfördernde Programme wohl kein schlechtes Investment. Nestlé etwa hat in Japan ein Pilotprojekt unter dem Namen Nestlé Wellness Ambassador gestartet, in dem mit DNA-Tests und künstlicher Intelligenz die Gesundheit der Teilnehmer verbessert werden soll. Ein spezielles Heim-Kit zur Bereitstellung der Proben soll dabei helfen, die Anfälligkeit für häufige Krankheiten wie hohe Cholesterinwerte oder Diabetes zu erkennen. Mehrere Zehntausend Nutzer soll das Programm bereits haben. Die Kosten: bis zu 600 Dollar pro Jahr für vitamin- und nährstoffangereicherte Kapseln, Tees und Smoothies – ganz auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten.

Anders als dort spielt in Deutschland die Frage nach der Sicherheit der Daten ein wichtige Rolle. „Wir wissen, dass es ein sensibles Thema ist“, heißt es bei myMuesli. Von den Partnerunternehmen und den beauftragten Laboren würden nur Werte erhoben, die sich auf den Stoffwechsel beziehen. Diese würden auf Servern mit höchsten IT-Sicherheitsstandards gespeichert und nicht weitergegeben, verspricht das Unternehmen. Verbraucherschützer Valet sieht es kritisch, „eine Speichelprobe und damit seine DNA – das Persönlichste eines Menschen – herauszugeben“. Dabei sei immer das Risiko verbunden, dass diese sensiblen Daten in falsche Hände geraten – trotz aller Beteuerungen der Anbieter. „Für mich persönlich ist das undenkbar. Ein Schreckensszenario, wenn tatsächlich massenhaft davon Gebrauch gemacht werden würde.“

Das Unternehmen myMuesli, so die Erklärung, erhält die erhobenen Datensätze nicht, sondern nur die Informationen über die jeweiligen Stoffwechseltypen, die für die personalisierten Müsli-Empfehlungen notwendig sind. Aus Sicht der Müsli-Mixer hat das Angebot viel Potenzial. „Damit erreichen wir das nächste Level der Personalisierung“, sagt Maximilian Pahn. Sozusagen Müsli 3.0.