Hamburg Digital-Stars

Tarek Müller: Vom Shisha-Verkäufer zum Umsatz-Milliardär

About-You-Gründer Tarek Müller im Lager des Hamburger Unternehmens.

About-You-Gründer Tarek Müller im Lager des Hamburger Unternehmens.

Foto: Ha / Mark Sandten

About-You-Gründer genießt Kultstatus im E-Commerce. In kurzer Zeit hat er mithilfe der Otto Group eine innovative Plattform aufgebaut.

Die Schnittchen sind dekorativ angerichtet. Im Kühlschrank stehen bunte Brausen bereit. Und durch die Panoramascheiben lockt der Ausblick über die Dächer der Hamburger Innenstadt. Trotzdem braucht Tarek Müller nur wenige Minuten, bis er die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer hat. Es geht um sein Lieblingsthema: die Erfolgsgeschichte der Modeplattform About You, die – ohne falsche Bescheidenheit – auch seine ist.

Der 30-Jährige hat das digitale Start-up gemeinsam mit der Hamburger Otto Group entwickelt. Inzwischen spielt About You in der oberen Liga, wächst so schnell wie nur wenige andere Online-Händler in Europa und wird mit einer Milliarde US-Dollar bewertet. Es ist also kein Zufall, dass die Senkrechtstarter in diesem Jahr als Gastgeber für die Präsentation der E-Commerce-Umsätze der Gruppe ausgewählt wurden. Tarek Müller, Markenzeichen: zurückgebundene Dreads, steht für Wandel und Innovation. „Wenn man mir ein Mikro in die Hand gibt, muss man damit rechnen, dass ich Monologe halte“, sagt er und lächelt sehr gewinnend.

Modetrends spielen für ihn privat keine Rolle

Für jemanden, der sein Geschäft mit dem Verkauf von angesagten Klamotten macht, ist Müllers eigener Kleidungsstil bemerkenswert schlicht. Hemd, Jeans, Turnschuhe, im Winter eine Strickjacke. „Privat spielen Modetrends für mich keine große Rolle“, sagt er. Ihm geht es darum, wie der digitale Handel der Zukunft aussieht – nicht um das, was verkauft wird. „Die Kunden möchten nicht nur Produkte gezeigt bekommen, sondern Inspirationen, Outfit-Vorschläge und Beratung.“

Anders als die großen Konkurrenten wie Zalando, Amazon oder auch Otto selbst setzt About You nicht „auf eine klickbare Lagerhalle, sondern lädt die Nutzer zum Online-Bummeln ein“. Das Geschäftsmodell dahinter ist eine Mischung aus Modehandel, Marketing und viel Technologie. Das an sich klingt noch nicht so wahnsinnig besonders. Bemerkenswert ist aber, wie schnell About You sich vom übergroßen Mehrheitseigner Otto gelöst hat. Das war nun wirklich nicht vorhersehbar an diesem heißen Sommertag im Jahr 2009, als Tarek Müller am Empfang der Otto-Zentrale in Bramfeld vorsprach – in roten Shorts und Trägershirt. Der Pförtner schaute irritiert, wollte ihn erst gar nicht in die Vorstandsetage lassen. Doch Müller hatte einen Termin.

Rainer Hillebrand half Müller beim Einstieg

Rainer Hillebrand, bis Mitte April dieses Jahres Vorstandsvize und Digitalchef bei dem Handelskonzern, wollte den damals 19-Jährigen als Berater engagieren. Müller, der zu dem Zeitpunkt schon diverse Online-Firmen gegründet hatte, galt als Internetexperte. Er brachte das mit, was dem traditionsreichen Versandhändler fehlte. Müller half Hillebrand, neue Wege im digitalen Dschungel zu finden. Hillebrand half Müller, sich in der Welt der richtig großen Geschäfte zurechtzufinden. „Ohne ihn wäre ich heute nicht da, wo ich bin“, sagt der About-You-Chef.

Trotzdem war der 1,95-Meter-Mann zunächst skeptisch, als der Milliardenkonzern 2013 ein digitales Start-up gründen und ihn in die Geschäftsführung holen wollte. Wenn es so etwas gibt wie ein Unternehmer- Gen, dann hat Tarek Müller das. Mit 13 Jahren hatte der Sohn eines deutschen Vaters und einer ägyptischen Mutter, der in Harburg aufgewachsen ist, seinen ersten Computer bekommen. Statt seine Zeit mit seinen Kumpels bei LAN-Partys zu verdaddeln, fing der Gymnasiast an, Webseiten zu programmieren, und merkte schnell, dass man damit echtes Geld verdienen konnte. Zwei Jahre später gründete er seine erste Firma und stieg in den Online-Handel ein. Sein Vater, ein Radiojournalist, unterschrieb den ersten Gewerbeschein für den minderjährigen Unternehmer.

Plötzlich hatte er 100.000 Euro Schulden

Müller hatte, wie er gerne erzählt, durch eingehende Analyse der einschlägigen Portale einen wachsenden Markt für Shisha-Pfeifen und das nötige Equipment ausgemacht und begann aus seinem Kinderzimmer einen florierenden Handel. „Ich kenne mich eben mit dem Internet und Suchmaschinen aus“, sagte der Jungunternehmer damals schon sehr selbstbewusst im Abendblatt-Interview. Er selbst hatte zu dem Zeitpunkt noch nie an einer Wasserpfeife gezogen.

In einem Brief an seine Eltern, der immer noch auf der Internetseite tarek. mueller.de zu finden ist, klärte er seine Familie über mehrere Seiten darüber auf, dass er die Schule abbrechen, zumindest aber unterbrechen wolle. „Ich habe das Gefühl, schon lange meine Lebensaufgabe gefunden zu haben. Meine Firma ist bereits ein Teil meines Lebens und meiner Persönlichkeit. Das klingt bestimmt voll komisch, aber Handel und Wirtschaft und so sind einfach meine Passion, ohne die mein Leben total langweilig und doof wäre“, hatte er mit 18 Jahren geschrieben. Darüber, dass er sich nach langen Gesprächen vor allem mit seiner Mutter, einer Ärztin, trotzdem auf einen Kompromiss einließ und auf einem Wirtschaftsgymnasium sein Fachabitur machte, ist er inzwischen sehr froh. Sein Wasserpfeifen-Handel endete bald in der Pleite, weil ein Händler nicht lieferte.

Dann verkaufte Müller seine Firmen

Müller blieb auf mehr als 100.000 Euro Schulden sitzen und lernte fürs Leben – quasi sein Crashkurs in BWL. Andere hätten da genug gehabt vom Unternehmertum. „Bis ich 20 Jahre alt war, hat mich niemand als Unternehmer wahrgenommen. Ein Standardspruch war: nettes Hobby, aber was willst du denn später mal werden? Die Start-up-Kultur gab es noch nicht“, sagt Müller. Er machte weiter, baute den Internetdienstleister NetImpact auf und die Managementberatung Etribes. Als das Angebot von Otto kam, hatte er 100 Mitarbeiter in sechs Firmen und die Umsatzschwelle von einer Million Euro längst geknackt. Der Reiz überwog. „Ich wollte ja etwas Großes aufbauen, Teil einer großen Geschichte sein“, sagt Müller.

Er verkaufte seine Firmen – und widmete sich dann ganz dem Otto-Projekt, das damals noch „Collins“ hieß. Mit Hannes Wiese und Sebastian Betz führt er heute – nach dem Rückzug von Unternehmersohn Benjamin Otto – die Geschäfte mit inzwischen mehr als 500 Mitarbeitern. Müller war immer das Gesicht von About You. Der Händler, der im Prinzip die gleichen Marken anbietet wie alle anderen, fing früh an, mit Influencern zusammenzuarbeiten, und gibt den neuen Stars des Internets viel Raum zur Selbstdarstellung. Zur DNA des Unternehmens gehört zudem die Personalisierung, die bei About You schon im Namen steckt. „So wird sichtbar, dass wir uns auf die Kunden einstellen und sie individuell beraten“, erklärt Müller.

Oft kommt Tarek Müller vor zwei Uhr nachts nicht ins Bett

Er sagt auch: „About you hätte man abseits der Otto-Gruppe nicht gründen können.“ Seit Jahren pumpt der Konzern Geld in das Unternehmen. Schwarze Zahlen hat das Digitalunternehmen trotz der Rekordumsätze von geschätzt 480 Millionen Euro auch 2018 nicht geschrieben. „Wir könnten die Profitabilität heute schon erreichen, aber es ist immer eine Frage von Wachstum – und wir wachsen momentan noch massiv“, sagt Müller. Auch international. Im vergangenen Jahr ist die dänische Bestseller-Gruppe (Vero Moda, Only, Jack Jones) mit einem Investment von 300 Millionen Euro eingestiegen. Otto ist nicht mehr Mehrheitsgesellschafter.

Für den Erfolg arbeitet Müller hart. Morgens um neun ist er im Büro, Termine im Halbstundentakt, oft kommt er vor zwei Uhr nachts nicht ins Bett. Er hat keine Familie, keine Hobbys und wohnt in einer Mietwohnung auf der Schanze. Von dort kommt er auch ohne Auto bestens zur Arbeit. Einen Führerschein hat er nicht. Keine Zeit. „Ich will ein Unternehmen aufbauen, das es noch gibt, wenn ich längst schon wieder raus bin“, beschreibt er seine Motivation. 2018 hatte das Magazin „Forbes“ ihn auf die Liste der 30 unter 30 in der Kategorie „Einzelhandel“ und E-Commerce gesetzt, das Magazin wählte Müller zum Marketingmann des Jahres. Mit zwei anderen Geschäftspartnern hat er Anfang 2018 die Investmentfirma Wald & Wiese Holding neu aufgestellt. Spätestens mit 40 Jahren will er aussteigen und eine eigene Partei gründen. Bislang hat Müller sich an seine Lebenspläne gehalten.

Am nächsten Sonnabend lesen Sie: Cécile Wickmann und Rebelle