Nachlass

Studie: Deutsche sprechen ungern über das Thema Erbschaft

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In Deutschland sprechen Eltern und ihre Kinder seltener über die Vermögensverteilung nach dem Tod. Die Gründe dafür sind verschieden.

Berlin.  Es klingt wie aus einem Geschichtsroman: Nach dem Tod des Vaters finden die Kinder sein Testament in der Standuhr im Wohnzimmer. Handgeschrieben auf Papier, mehr Fetzen als Blatt. Fast wäre die Uhr samt dem Dokument auf dem Sperrmüll gelandet. Der letzte Wille des Vaters, futsch.

Solche Geschichten aber sind nicht von gestern. Berater wie Ralph Seidler hören sie fast täglich. Seidler ist bei der Deutschen Bank zuständig für Erbschaftsberatung und beobachtet, dass Eltern ihre Kinder häufig im Unklaren darüber lassen, was sie einmal erben werden.

Fast die Hälfte der Erblasser hält sich bedeckt

Nur etwas mehr als 50 Prozent der Erblasser haben ihr Testament an einem Ort aufbewahrt, über den sie die Angehörigen auch informiert haben. Das heißt: Fast die Hälfte hält unter Verschluss, was die Nachkommen einmal bekommen werden. Sollen sich die Jungen ruhig selbst anstrengen, nicht so gierig sein, oder was steckt dahinter?

Wie die Deutschen erben, das hat nun das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutschen Bank in einer repräsentativen Umfrage (1706 Personen) untersucht. Nicht nur beziehen viele das Testament in ein Versteckspiel ein. Das Thema scheint innerhalb der Familie generell ein unbeliebtes zu sein. 2013 noch haben 41 Prozent vor dem Tod der Eltern offen das Thema angesprochen. 2018 waren es nur noch 35 Prozent.

Der Streit um die Erbschaft nimmt zu

Zwar nimmt der Anteil der künftigen Erblasser, die ein Testament verfassen, seit 2012 kontinuierlich zu. Der Umfrage zufolge liegt er aber immer noch nur bei 39 Prozent. Gleichzeitig ist der Nachlass zunehmend Gegenstand zahlreicher Auseinandersetzungen unter Angehörigen. 2013 gaben 15 Prozent zu, dass es in der Familie einen Streit um das Erbe gab. 2018 waren es schon 19 Prozent.

Seidler begründet dies mit einer fehlenden Gesprächskultur beim Thema Tod und Geld. Ein Faktor sind aber auch die zunehmend komplexer werdenden Familienstrukturen: Vor allem bei Patchwork-Familien gebe es einiges zu klären. „Da kommt es schnell zum Streit.“

Über die Hälfte erwartet eine Erbschaft

Dass so wenige Familien im Vorfeld den Nachlass klären, steht auch im Widerspruch zu der steigenden Summe, die in Deutschland vererbt wird. Auf 5,9 Billionen Euro belief sich der Deutschen Bundesbank zufolge das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland Ende 2017 – ein Anstieg von 1,5 Prozent gegenüber 2010. Die Umfrage zeigt, über die Hälfte der Deutschen haben schon einmal geerbt oder erwarten eine Erbschaft.

In Bayern und Baden-Württemberg wird am häufigsten vererbt – 30 Prozent der Bevölkerung gehen davon aus, dass sie von dem Vermögen der Eltern etwas abbekommen. Im Osten fällt das Erbe vergleichsweise gering aus (17 Prozent rechnen mit einer Erbschaft) . 74 Prozent der Befragten fürchten, dass ihr Erbe nicht für die Altersvorsorge ausreicht. Ein Großteil geht davon aus, dass die Kosten für Pflege im Alter das Geld auffressen werden.

Künftig werden Immobilien häufiger vererbt werden

Mit der Realität deckt sich das aber oft nicht. Drei Viertel haben das Erbe in Form eines Geldbetrags erhalten. Bei jedem Zweiten bestand das Erbe auch aus Erinnerungsstücken wie Büchern oder Geschirr ohne großen Wert. Der Umfrage zufolge werden Immobilien künftig häufiger vererbt werden: So haben 40 Prozent bereits ein Immobilienvermögen geerbt, aber fast 60 Prozent der künftigen Erblasser wollen einmal eine Immobilie vererben.

Gerade bei Immobilien herrscht oft Klärungsbedarf unter den Erben – soll das Haus der Eltern verkauft werden, oder will etwa ein Kind einziehen? Wird kein Testament verfasst, gilt die gesetzliche Erbfolge. Das Erbe wird entsprechend dem Verwandtschaftsgrad verteilt. Zunächst kommen die Kinder und Enkel, dann Eltern und Geschwister. Stirbt ein Ehegatte, dann erbt der andere nicht automatisch alles. Gibt es Kinder, bekommt er die eine Hälfte des Vermögens, die andere steht den Kindern zu.

Digitaler Nachlass gewinnt an Bedeutung

Wer Geld sparen will, der sollte ohnehin versuchen, das Erbe schon im Vorfeld zu verteilen – bei einem großen Vermögen können Familien Steuern sparen. Zwar gibt es sowohl bei der Erbschaft als auch bei der Schenkung Steuerfreibeträge. Im Gegensatz zu Erbschaften können bei Schenkungen die Steuerfreibeträge aber alle zehn Jahre aufs Neue ausgeschöpft werden.

Hat beispielsweise ein Vater seiner Tochter 2010 einen Betrag von 400.000 Euro – so hoch ist der Freibetrag bei Kindern – geschenkt, muss sie keine Abgaben zahlen. Zehn Jahre später kann der Vater der Tochter wieder 400.000 Euro schenken, ohne dass Steuern anfallen.

Abseits des Geldes gibt es noch ein Thema, über das Familien sprechen sollten, rät Seidler: über den digitalen Nachlass. Also etwa Passwörter zu Profilen in sozialen Netzwerken, für den PayPal-Account oder für wichtige Dokumente oder Fotos, die in der Cloud gespeichert sind. Denn bei vielen Portalen ist es als Angehöriger kaum möglich, ohne Passwort Zugang zu erlangen.