Serie: Die 100-Jährigen

Dieser Hamburger Großhandel ist nicht von Pappe

Hans-Georg Bothur führt mit seiner Frau Kerstin (l.) und seiner Schwester Katharina (r.) den Familienbetrieb Hermann Jürgensen Bürobedarf. Sie betreiben auch einen Schreibwaren-Laden in Ottensen

Hans-Georg Bothur führt mit seiner Frau Kerstin (l.) und seiner Schwester Katharina (r.) den Familienbetrieb Hermann Jürgensen Bürobedarf. Sie betreiben auch einen Schreibwaren-Laden in Ottensen

Foto: Andreas Laible / HA

Folge 6: Aus einer 1878 gegründeten Buchbinderei ist der Großhandel Hermann Jürgensen Bürobedarf hervorgegangen.

Hamburg.  Niemals! Ausgeschlossen! Einfach undenkbar. Undenkbar, dass er eines Tages in den Familienbetrieb einsteigt. Dass er so viel schuften muss wie seine Eltern. Dass es keinen Feierabend gibt, keine Wochenenden, keine Ferien. Dass er sich mit der Buchhaltung herumärgern muss und mit all den anderen Aufgaben, die ihm nicht liegen. Wenn Hans-Georg Bothur, 54, früher auf die Unternehmensfolge angesprochen wurde, hat er nur mit Ablehnung reagiert. Früher, als er Lehrer werden wollte oder Anwalt.

Heute, mehr als 35 Jahre später, hat Hans-Georg Bothur seinen Traumjob gefunden. Und er ist letztendlich genau dort gelandet, wo er nie hinwollte: auf dem Chefsessel. Gemeinsam mit seiner Schwester Katharina Bothur, 50, und seiner Frau Kerstin, 49, führt er die Geschäfte von Hermann Jürgensen Bürobedarf: einen Schreibwaren-Großhandel mit 400.000 Artikeln, ein Ladengeschäft im Mercado Einkaufszentrum, mit einem Umsatz von 3,5 Millionen Euro, hervorgegangen aus einer Buchbinderei, gegründet 1878.

Es ist das Jahr, in dem Reichskanzler Otto von Bismarck nach den Attentaten auf Kaiser Wilhelm ein Verbot der Sozialdemokratie fordert und schließlich das Sozialistengesetz durchbringt, in dem die Handelsmarke Vaseline registriert und die Weltausstellung in Paris eröffnet wird. Das Jahr, in dem fast 1000 Kilometer von Paris entfernt Hermann Jürgensen in Lübeck seine Buchbinderei eröffnet.

Das geschieht mit bescheidenen Mitteln, ein paar Pinseln und Leimdosen. Noch nicht einmal eine einfach Pappschere soll er gehabt haben, die Pappen werden mit einem Messer geschnitten. „Da die Industrialisierung in Deutschland später einsetzte als im übrigen Europa, hatte mein Urgroßvater nicht einmal die simpelsten Hilfsmittel“, sagt Hans-Georg Bothur und erzählt, wie der Beschnitt der Bücher damals mit einem Papierhobel ausgeführt wurde. Er hat all diese historischen Details aufgeschrieben und anlässlich des 125-jährigen Bestehens in einer Firmenchronik veröffentlicht. Papier ist geduldig.

Dort kann man nachlesen, wie Jürgensen expandierte, ein Ladengeschäft für Papierwaren eröffnete und schließlich umsiedelte. An die Elbe, in die damals noch freie Stadt Altona. Hier erwarb der Unternehmer ein Papier- und Galanteriewarengeschäft – unten der Laden, oben Buchbinderei und Druckerei, wo Visitenkarten und Formulare hergestellt werden.

Hans-Georg Bothur zeigt alte Familienfotos, sucht Bilder von historischen Druckmaschinen heraus. Es gibt mehr zu erzählen, als man schreiben kann. Von den Kindern, die in das Unternehmen eintreten. Von der Weltwirtschaftskrise, der Inflation. Von dem Umzug in das Haus in der Behnstraße, dessen Bau in Goldmark bezahlt wird. Von der Rentenmark, dem ersten Firmenwagen. Von der Großeinkaufsvereinigung deutscher Bürobedarfshändler, bei der Jürgensen Mitglied wird. Und von dem Zweiten Weltkrieg.

Die Geschichte ist nicht von Pappe. „Auch die Inhaber der Firma, die Söhne von Hermann Jürgensen, waren damals in der Partei und ließen Waren in Neuengamme fertigen“, sagt Hans-Georg Bothur und erzählt, wie die SA-Leute „Juden unerwünscht“-Zettel an die Geschäfte klebten – und sein Großvater diese einfach abnahm. „Da er als treuer Nationalsozialist galt, durfte er sich das anscheinend herausnehmen“, so Bothur. Das hat ihm seine Mutter Edith erzählt, eine geborene Jürgensen, die Jüngste von vier Töchtern. Sie hat miterlebt, wie bei den Bombenangriffen 1943 in einer einzigen Nacht fast alles zerstört wurde: das Ladengeschäft in der Königstraße, die Buchdruckerei, die Privatwohnungen, die Lagerräume und schließlich auch das Geschäft in der Hamburger Innenstadt.

Hans-Georg Bothur selbst ist Jahrgang 1960. Die Geschichte der Firma ist die Geschichte seiner Familie. Beides hängt zusammen, kann nicht getrennt werden. Der Vater wird zum Chef, der Mitarbeiter zum Freund und Vertrauten, wie dieser eine Mitarbeiter, Heini Sorgenfrei, der in einem Firmenkalender von 1946 dankend erwähnt wird – und der 20 Jahre später Hans-Georg Bothur jeden Morgen zur Schule bringt.

„Das sind Dinge, die mich geprägt haben“, sagt Bothur und meint die Verlässlichkeit, die Beständigkeit, den Zusammenhalt. In der Firma, in der Familie. Gerade in Zeiten der Fluktuation, der Veränderung, des Wandels. „Bei Rückschlägen muss ich immer daran denken, was die Firma schon alles überstanden hat“, sagt Bothur und spricht über die Zeit während der Weltkriege und Währungsreformen. Und die finanziellen Probleme Ende der 70er-Jahre, infolge derer man die firmeneigene Druckerei schließen musste. Und trotzdem sei es immer weitergegangen, irgendwie. Genauso wie es in dieser Redewendung heißt, die sein Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Brief zitiert: „Immer wenn Du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“. Für ­Bothur ist es mehr als eine leere Phrase. Es ist ein Stück Firmenphilosophie.

Jener Firma, in die er nie einsteigen wollte. Bis ein Kollege seiner Mutter ihn überzeugte, es einfach zu versuchen. Sich die Bereiche zu suchen, die ihm liegen – und den Rest an Mitarbeiter zu delegieren. Klingt banal, war für Bothur aber der Wendepunkt. 1981 hat er seine Lehre in der Firma begonnen, fünf Jahre später folgte seine Schwester Katharina.

Heute führen die Geschwister das Unternehmen gemeinsam mit Bothurs Frau Kerstin, die er auf einem Büromöbel-Seminar kennengelernt hat. So wie seine Mutter Edith Jürgensen einst auf einem Seminar den Prokuristen Georg Bothur einer Hamburger Bürobedarfsfirma kennenlernte und ihn heiratete. Ihre Kinder führen das Unternehmen jetzt in vierter Generation – und vermutlich in letzter. Denn weder Kerstin und Hans-Georg noch Katharina Bothur haben eigene Kinder. „Man kann entweder Eltern sein – oder eine Firma führen. Beides zusammen hätte ich nicht gekonnt“, glaubt Hans-Georg Bothur. Diese Erfahrung habe er selbst als Kind gemacht.

Manchmal denkt er darüber nach, wie es weitergeht. Wie schade es ist, dass der Name Bothur ausstirbt, genauso wie sein persönlicher Führungsstil. Und dass die Firma nicht in der Familie bleibt, sondern irgendwann verkauft werden muss. Meistens tröstet er sich aber damit, dass auch eigene Kinder das Geschäft womöglich gar nicht übernommen hätten.

Das Gespräch ist zu Ende, Bothur steht auf. „Wollen Sie mal ein Foto sehen?“, fragt er plötzlich und zeigt ein paar Bilder, so wie andere Menschen Bilder ihrer Kinder zeigen. Auf dem einen sind drei Flipper-Automaten zu sehen, die er sammelt und die bei ihm zu Hause stehen. Das andere Foto zeigt ihn selbst beim Eishockey. Er ist Torwart bei den Hamburg Harbour Rats. Damit hat er erst vor ein paar Jahren angefangen, obwohl er damals nicht einmal Schlittschuhlaufen konnte. Und obwohl er nie Eishockey spielen wollte. Wirklich niemals! Ausgeschlossen! Aber das hatte er ja schon mal gesagt.

Hermann Jürgensen Bürobedarf im Mercado, Ottenser Hauptstraße 10, ist Montag bis Mittwoch und Sonnabend von 10 bis 20 Uhr, Donnerstag und Freitag von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Der Online-Shop ist unter shop.hermann-juergensen.de erreichbar