Neue Abendblatt-Serie

Läden, die es seit mindestens 100 Jahren in Hamburg gibt

Den Tropenhelm verkauft Ingrid Osthues meistens nur noch für Kostümpartys. In den Tropen wird er aus politischen Gründen kaum noch getragen

Den Tropenhelm verkauft Ingrid Osthues meistens nur noch für Kostümpartys. In den Tropen wird er aus politischen Gründen kaum noch getragen

Foto: A.Laible

Folge 1 der neuen Abendblatt-Serie. Tropen Brendler: Das Geschäft rüstet seit 1879 Seefahrer und Abenteurer aus.

Die Schaufensterpuppe trägt Tropenhelm und Oberlippenbärtchen, Ingrid Osthues Twinset und Kilt. Sie hat ein Fai­ble für schottische Tartans, kauft jedes Jahr in London am Piccadilly Circus neue Stoffe und lässt sich daraus Kilts nähen. Und das als Chefin von Tropen Brendler. Eines der ältesten Fachgeschäfte für Marine- und Tropenausrüstung. Gegründet 1879.

Es ist das Jahr, in dem Thomas A. Edison zum ersten Mal eine Glühbirne dauerhaft zum Leuchten bringt und Werner Siemens die erste elektrische Lokomotive baut. In dem Albert Einstein, Paul Klee und Otto Hahn geboren werden.

In Hamburg gibt es noch kein Kraftwerk, keinen Hauptbahnhof, keinen Elbtunnel und keine Hochbahn. Als der Schneider Ernst Brendler an den Vorsetzen seine Uniform Schneiderei eröffnet, wird kein Foto gemacht, keine Erinnerung festgehalten. Alles, was Ingrid Osthues aus dieser Zeit weiß, sind Überlieferungen, Spekulationen. Dass ihr Ur-Großvater aus einer kinderreichen Familie stammt, Tuchwebern aus Schlesien. Dass er die Tuchdynastie verlassen hat, um in Hamburg Schiffsausrüster zu werden und Berufsuniformen für Seefahrer zu schneidern. Das Geschäft mit der Tropenkleidung kommt erst Jahre später hinzu.

Die Zeiten haben sich geändert, die Einrichtung des Geschäftes nicht

„Das muss Ende der 1960er-Jahre gewesen sein“, sagt Ingrid Osthues, 56. Sie ist eine geborene Brendler, kennt die Geschichte aus Erzählungen. Wie das Geschäft von Ernst Brendlers Sohn Petro übernommen wurde, der das Unternehmen über zwei Kriege hinweg führte. Bis er es wiederum an seinen Sohn weitergab. Wieder einem Ernst, ihrem Vater. Wie der sich zum Schneider ausbilden ließ und nach Kriegsende in das Geschäft einstieg. Und wie er den Safariboom kommen sah und auf die Nachfrage nach privater Safarikleidung reagierte – und den Zivilbereich aufbaute. Heute macht das Unternehmen rund zwei Drittel des Umsatzes in diesem Bereich, nur noch ein Drittel stammt aus dem Geschäft mit Uniformen für die Deutsche Marine sowie für die Handelsmarine

Die Zeiten haben sich geändert. Die Einrichtung des Geschäftes nicht. „Alles ist so, wie mein Vater es eingerichtet hat“, sagt Ingrid Osthues, die Tropen Brendler inzwischen in vierter Generation führt – zusammen mit ihrem Mann Rolf. Anfangs sei es „einfach Faulheit gewesen“, nichts an dem Laden zu ändern. Inzwischen gehört die Nostalgiedekoration zur Firmenphilosophie. „Die Kunden sagen oft, dass sie das Gefühl haben, nach Hause zu kommen“, sagt Ingrid Osthues. Stolz. Weil sie trotz Einzelhandelssterbens und Internet-Konkurrenz bestehen kann, weil ihr Vergangenheits-Konzept aufgeht. Aus diesem Grund will sie nichts verändern, nichts modernisieren. Weder die schweren Eichenschränke noch die altmodischen Umkleidekabinen. Weder den Schaukelstuhl mit Springbockfell noch die Staubwedel aus Straußenfedern, die an „Jenseits von Afrika“ erinnern. Nicht den Werbeprospekt mit nostalgischen Zeichnungen von Männern in Uniform oder Safari-Anzug, mit Backenbart und Pfeife. Auch nicht die Preisschilder, die ihre Mutter Gisela, 87, immer noch selbst mit der Hand schreibt. Und die Schaufensterpuppe schon gar nicht. „Der Kopf dieser Schaufensterpuppe ist mehr als 50 Jahre alt und konnte in letzter Sekunde vor der großen Hamburger Sturmflut gerettet werden – sonst gibt es leider nichts mehr“, sagt Ingrid Osthues. Sie und ihre Schwester Renate sind mit dem Geschäft aufgewachsen und haben im Laden zwischen den Textilständern gespielt. Aber immer nur wenn kein Kunde im Laden war, betont sie, sonst mussten sie im Büro spielen. „Es war immer etwas Besonderes, wenn unser Vater uns mit in die Firma nahm“, sagt Ingrid Osthues, die 1978 in das Familiengeschäft eingestiegen ist und es nach dem Tod ihres Vaters Ernst 1994 übernommen hat.

Ernst Brendler hat einen Safaristiefel entwickelt, den es bis heute gibt

Ernst Brendler, der den Laden nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut hat. Der das Geschäft erst in die Admiralitätstraße und dann in die Große Johannisstraße verlegen musste, als die S-Bahn gebaut und das Haus abgerissen wurde. Der mit dem Hamburger Tropeninstitut einen Safaristiefel entwickelt hat, der bis heute im Angebot ist. Denn die Brendlersche Mode ist zeitlos, Safari-Hemd und Leinenanzug sind Klassiker. Nur der Tropenhelm hat die Zeit nicht überstanden, wird heute nur noch auf Kostümpartys getragen, nicht aber in den Tropen. Weil ein Europäer in Tropenhelm zu sehr an die Zeit der Kolonialherrschaft und die Unterdrückung erinnere, so die Chefin.

Bei ihr kleiden sich nicht nur Abenteurer und Weltenbummler ein, sondern auch Politiker und Schauspieler. Ex-Bundespräsident Johannes Rau hat hier seine Anzüge gekauft, Wolle-Mohair, in Dunkelblau.

Außerdem Udo Lindenberg, Mike Krüger, Stefan Gwildis sowie Uwe Friedrichsen. „Und diese eine Dame aus dem Dschungelcamp“ sagt Ingrid Osthues. „Sie wissen schon, diese Nachrichtensprecherin, war für ein Vorab-Fotoshooting bei uns.“

Sie selbst hatte nie viel Zeit zum Reisen, war mehr im Geschäft als in der weiten Welt. Doch das will sie nachholen. Irgendwann. Vielleicht bald. Ihr Sohn Kay, 21, macht derzeit eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann. Bei Brendler. Bei den Eltern. Wenn er fertig ist und das Geschäft übernimmt, will Ingrid Osthues mehr reisen. Am liebsten nach Australien oder Südamerika. Afrika mag sie irgendwie nicht, zumindest nicht als Reiseziel. Und trotzdem muss sie immer an Afrika denken. Selbst nach Feierabend. Oder gerade dann. Wenn sie das Geschäft abgeschlossen hat und mit dem Auto nach Hause fährt. Durch den Gazellenkamp. In ihrem Haus kann sie manchmal die Löwen von Hagenbecks brüllen hören. Sie kommen aus Afrika.